Keine Kirche füe den Herrn Pfarrer

Aargauer Zeitung, 7. Februar 2000

Keine Kirche für den Herrn Pfarrer allein

Porträt Von Baden nach Basel - Pfarrer Felix Felix wirkt mit Leidenschaft in der Offenen Kirche Elisabethen

Kirche? - Nein, danke! Viele Menschen fühlen sich von ihr und ihrer Lehre allein gelassen. Doch es geht auch anders: Die Offene Kirche Elisabethen will durch ihr vielfältiges Angebot der Pluralität der heutigen Gesellschaft Rechnung tragen. Im Vordergrund, so Pfarrer Felix Felix, steht dabei die Idee des Einladens statt des Ausgrenzens.

Markus Sturm

Durch das zweigeteilte Fenster der alten Holztür des neugotischen Gebäudes sehe ich einen freundlichen Mann in schwarzem Ves-ton und mit beigem Schal. Knapp lässt sich darunter ein braunoranger Wollpullover erkennen. Mir wird geöffnet. Er begrüsst mich, stellt sich als Felix Felix vor und bald sitze ich in einem blauen Fauteuil am quadratischen Clubtisch in seinem Büro. Das Licht ist warm und indirekt. Er holt sich seine Pfeife vom roten Arbeitstisch und seufzt: Der Computer sei wieder einmal abgestürzt. Felix macht es sich mir gegenüber bequem, schlägt die Beine übereinander und lehnt sich zurück.

Der bekannte protestantische Pfarrer kennt meine erste Frage nur allzu gut. Ist sein Name wirklich Felix Felix? Nun: Während der Schulzeit in Baden habe man ihn einfach bei seinem Familiennamen gerufen und das habe sich dann über seine Studienzeit in Zürich und Basel bis heute erhalten. "Meine Frau nennt mich jedoch Hans Ruedi."

Damals als Theologiestudent hatte Felix Felix in einer Wohngemeinschaft in Basel gelebt. In Anbetracht der kritischen kirchlichen Situation entstand dort die Idee einer neuen Form kirchlicher Arbeit. Schon mit 18 Jahren, beginnt er nachdenklich, hätten ihn zwei, durch die Lektüre der Bibel aufgeworfene Fragen sehr beschäftigt. "Einerseits richtet sich die Kirche immer an die Netten und Braven, aber was macht sie für die anderen? Die städtische Gesellschaft ist sehr vielgliedrig, mit verschiedensten Vorlieben und Subkulturen. Und gerade in den Evangelien wird gezeigt, wie Jesus wirklich Kontakt zu den diversen damaligen Kulturen hatte; zu den Pharisäern, Zeloten, Dirnen, Taglöhnern, Müttern und Kindern."

Der Theologe fährt fort: "Andererseits, warum leben wir das Christentum so stur? Die heiligen Schriften berichten, wie Jesus mit seinen Freunden gegessen und getrunken hat. Die Frommen seiner Zeit haben über ihn sogar gesagt, er sei ein Weinsäufer und ein Fresser. Sie haben seine Lebensfreude nicht unbedingt geschätzt. Dann hat Jesus aber auch Menschen berührt, Menschen geheilt. Wir dagegen haben eine sehr distanziert-europäische, ernsthafte, ruhige kirchliche Kultur und das ist für mich äusserst einseitig. Ich habe die Lebensfreude vermisst, die Schönheit, die Bejahung des Lebens. So entstand die Sehnsucht, die kirchlichen Räume anders zu nutzen: Mithin Platz anzubieten, wenn etwa stille Momente gesucht werden. Daneben aber soll man in denselben Räumen auch essen und trinken, Feste feiern, tanzen, berühren, umarmen und heilen dürfen: die ganze Bandbreite unseres Lebens - Körper, Seele und Geist - soll darin Platz finden."

Diese Widersprüche kulminierten 1988 in einer Vision. Felix steht auf und reicht mir die Kopie der mit "Projekt Offene Kirche" getitelten Schrift. "Wir konnten in Basel Experimente machen: Weihnachten mit einer Rockband, Kunstausstellungen, Tanz- und Ballettperformances in Kirchen, einen Kreuzweg durch Basel - wir haben angefangen, alte Grenzen aufzubrechen, um bei den Menschen zu sein", erinnert er sich und stopft sich die Pfeife erneut.

Ob denn bei den genannten Anlässen jeweils erwähnt werde, dass es sich um eine kirchliche Veranstaltung handle? Der ungewöhnliche Pfarrer besinnt sich kurz und antwortet dann, wie gewohnt den Blick auf den Boden gerichtet, als ob er dort das sehen würde, was er mit bedächtig gewählten Worten beschreibt. "Ich muss gar nicht mehr hinweisen und einführen, dass sie in einer wirklich schönen neugotischen Kirche stattfinden. Wenn die Leute da zu Rockklängen tanzen können, dann passiert etwas mit ihnen. Denn der Raum ist sehr präsent und berichtet von der christlichen Tradition. Wenn also Disco ist, dann wollen wir nicht versuchen, den Besuchern noch einen Gottesdienst unterzujubeln, sondern dann ist Disco, und man freut sich am Leben und am Körper und man schwitzt und macht!"

In den folgenden zwei Jahren zeigte sich, dass die Ideen auf reges Interesse stiessen. So stellte sich die Frage nach einem festen Ort, wo alle diese alternativen Programme stattfinden könnten. Bald wurde die Elisabethenkirche dafür auserkoren, worauf 1994 das Projekt Offene Kirche Elisabethen begann. Da in diesem Gebäude schon seit 1972 keine Gemeindegottesdienste mehr stattgefunden haben, konnte das Projekt sowohl thematisch-inhaltlich übergreifend als auch ergänzend zu den bestehenden regionalen Kirchgemeinden seine Veranstaltungen anbieten. Inzwischen kennen 95 Prozent der Regiobevölkerung die Offene Kirche Elisabethen, wovon weitere 95 Prozent mindestens über drei ihrer Angebote Bescheid wissen. Mit bloss acht Prozent ablehnenden Simmen lässt es sich gut leben.

Zum Hauptangebot gehören heute die Tagesöffnung der Kirche und die Kaffeebar; immer ist jemand der 30 ehrenamtlichen Mitarbeiter in der Kirche. Dazu kommen Angebote in drei Bereichen. Im spirituell-religiösen Sektor hätten sie den Auftrag, neue Rituale zu entwickeln, neue Wege zu gehen, neue Themen aufzugreifen, erklärt mein Gegen-über. "Dazu gehört auch unser starkes Meditationsangebot, wo wir mit budd-histischen und anderen Freunden zusammenarbeiten." Ebenso wichtig ist der Offenen Kirche der interreligiöse Dialog. Sie sieht sich dabei in der Rolle der Gastgeberin mit eindeutig christlichem Hintergrund, jedoch als neugierige Partnerin ohne Berührungsängste.

Ein besonders eindrückliches Erlebnis war für den christlichen Pfarrer ein Abend über die Spiritualität des Ramadan im Rahmen einer Ausstellung über den Islam. "Mein Herz hat total gejubelt. Ein muslimischer Freund hat in seiner arabischen Sprache Loblieder auf Gott, auf Allah gesungen. Es war für mich dermassen schön, dass er diese Gastfreundschaft angenommen hat und uns an seiner tiefen Frömmigkeit hat Anteil nehmen lassen. Hier ist etwas passiert, wovon ich in den Evangelien lese, was ich bei Jesus erahne. Hier kommt nicht das Abgrenzende, Sture zum Zug, sondern ein Nehmen und Geben unter dem Zeichen der Gastfreundschaft." In diesen Dialogen sollen durch Information Ängste abgebaut und Neues von anderen Religionen dazugelernt werden.

Zweitens schliesst die breite kulturelle Palette verschiedenste Konzerte, Performances und Kunstausstellungen ein. Im sozialen Angebot gibt es Podiumsdiskussionen und Ausstellungen zu politischen und gesellschaftlichen Themen; überdies sind Gespräche möglich und donnerstags findet jeweils der Heilerinnennachmittag statt. Felix knüpft an: "Dieser inzwischen starke Zweig hat sich aus dem Problem der Kirche mit den Geschichten über die Heilungen durch Jesus ergeben. Er hat den Leuten die Hand aufgelegt und sie zum Teil gar geheilt. In unseren traditionellen Kirchen heisst es sofort, man solle zum Arzt und ins Spital gehen. Uns ist es jedoch ein Anliegen, ergänzend zu diesen beiden Möglichkeiten die alte Heilertradition wieder aufleben zu lassen, mit den Leuten in anderen Formen zu beten, ihnen Zuwendung und Unterstützung zu geben."

Bei den Gesprächen geht es vorwiegend um Begleitung in seelischen Krisen. Einige Ratsuchende gehen parallel dazu oder anschliessend zu einem Psychologen oder Psychiater. Andere wiederum kommen bloss ein einziges Mal. Im Allgemeinen zeige sich, dass viele Menschen einfach Angst haben. "Ängste machen sich beispielsweise an engen Liften und an Dunkelheit fest - an irgend etwas eben. Es sind einfach Lebensängste, die einige Menschen quälen. Dabei lernen Einzelne, damit umzugehen. Sie können sich dann sagen: Okay, ich habe Angst, aber ich bin mehr als meine Angst. Viele Menschen, denke ich, machen Zeiten durch, in denen sie mit undefinierbaren Ängsten konfrontiert sind." Daneben gibt es die bekannten Themen wie Angst vor dem Krebsbefund, Angst, HIV-positiv zu sein, Angst vor Beziehungsproblemen. "Was sich verändert hat im Laufe der letzten Jahre, ist das Bewusstsein, dass jeder selbst seines Glückes Schmied ist. Ich muss meine Entscheidungen treffen, meinen Weg gehen, ich muss lernen, meine Bedürfnisse zu spüren und ihnen zu folgen. Gewissen Menschen gelingt das, während andere dazu einen Herzinfarkt brauchen, bis sie merken, dass sie harmonischer mit sich selbst leben müssen."

Die Lebensfreude, betont der weltnahe Geistliche, sei nicht nur treibende Kraft für ihn selbst, sondern stelle auch einen zentralen Punkt im Konzept des Unternehmens dar. Eine Kirche als offener Lebensraum, in dem man lachen, klatschen, tanzen darf, komme in der Region Basel besonders gut an. "Jeder darf sich einbringen als die Zweiflerin, die man derzeit ist oder als der Gescheiterte, als den man sich empfindet. Keiner muss die Maske des freundlichen Christen tragen oder religiös-kirchliche Leistungen erbringen, um Zutritt zu kriegen. Ich gehe so, wie ich mich fühle und wer ich bin, selbst wenn ich nicht gläubig bin, mich als Heide oder als Nichts erlebe. Vielleicht spricht mich das eine oder das andere Angebot an und ich spüre, dass ich willkommen bin."

Besonders schön findet der protestantische Theologe an seiner Arbeit, dass er - zusammen mit seiner katholischen Kollegin Eva Südbeck-Baur - im ökumenischen Team als Gärtner arbeiten kann. "Das heisst, wir können Ideen, die andere Leute an uns herantragen, oft ÜdüngenÝ und ÜpflegenÝ helfen, sodass sie zu voller Blüte kommen können. So etwa war eine Heilerin nach einem Konzert dermassen von dem Kirchenraum angetan, dass sie etwas für die Beladenen und Belasteten organisieren wollte. Daraus entwickelte sich dann der Heilerinnennachmittag.

"Das ist die Bandbreite, in der wir diese Kirche betreiben. Also keine für die Religion, den Sonntag oder für den Herrn Pfarrer allein, der studiert hat und deshalb die Wahrheit kennt. Sondern die Kirche nutzen mit Menschen, die bereit sind, mit uns Sachen zu thematisieren, zu diskutieren und zu entdecken."

Nichts Neues gebe das so genannte Millennium her, da es bloss in der christlichen Welt eine Realität darstelle. Deshalb hält es Felix Felix bloss für einen "lustigen Gag. Unsere Beziehungen aber gehen weiter und wir werden jedes Jahr älter." Die Offene Kirche wird deshalb auch künftig versuchen, am Puls der Zeit zu bleiben. Wichtig, sagt Felix Felix, sei für ihn, dass er Programme nicht einfach durchführe, weil er müsse. "Habe ich aber Lust und Freude, etwas zu machen, dann kommt das auch rüber, lädt ein und kann zünden."