Von Adam bis Zen

AARGAUER ZEITUNG

Basel

19.05.99

Von Adam bis Zen - vieles für viele

Basel Die Offene Kirche Elisabethen, erste City- und Werktagskirche der Schweiz, stösst auf wachsendes Interesse

Marlene Halter

Man kann die Elisabethenkirche in Basel schlecht übersehen. Zwischen Bahnhof und Bankverein gelegen, ragt ihr schwarzer Turm zwischen den umstehenden Geschäfts- und Bürogebäuden empor. Der unvermittelt auftauchende Kirchenbau mutet ein bisschen wie ein verschontes Kriegsdenkmal an. Nähert man sich der Kirche allerdings, so verweisen einen die auf dem Gehsteig plazierten Tafeln auf das rege Innenleben des düsteren Sakralbaus. In diesem, Mitte des 19. Jahrhunderts errichteten neugotischen Bau hat die Offene Kirche Elisabethen (OKE) ihr Zuhause gefunden. Diese erste City- und Werktagskirche der Schweiz findet in der Öffentlichkeit zunehmend Anklang.

Es ist Donnerstag, 13.45 Uhr. Die massive Tür öffnet sich leichter als erwartet. Man betritt einen hohen, luftigen Innenraum, der wegen des grauen Steins und der Grisaillefenster eher kühl und düster wirkt. Leise Klänge schweben im Raum: Aus den Lautsprechern tönt eine Klanginstallation des Komponisten Hans Tutschku. Dieses Kunstwerk macht auf dem Wege von Paris nach Bulgarien, Liechtenstein und Weimar auch in Basel halt. Ein um Ruhe bittendes Schild informiert die Besucherin, dass im Chor vorne zurzeit Handauflegen praktiziert wird. Man kann sich aber auch vom Kaffeeduft der angeschlossenen Café-Bar verführen lassen und sich mit einer Zeitschrift an einen Tisch in die Sonne setzen.

Dies ist eine typische Begegnung mit der Offenen Kirche Elisabethen. Zu Maibeginn dieses Jahres hat sie ihr fünf-jähriges, erfolgreiches Bestehen feiern können. Ihre Entstehung geht auf die Initiative des Basler Pfarrers H.R. Felix Felix zurück, der heute die Betriebsleitung innehat. Der selbständige Verein Offene Kirche Elisabethen nutzt und verwaltet die Elisabethenkirche im Rahmen eines Leihvertrages mit der evangelisch-reformierten Kirche Basel-Stadt. Er orientiert sich dabei an Modellen anderer City-Kirchen, die seit etwa 15 Jahren in einigen europäischen Städten entstanden sind.

Auf einem Grundsatzpapier, das man unter den zahlreich aufliegenden Anzeigeblättern in der Kirche findet, hat Felix Felix die Leitgedanken und Ziele der OKE formuliert. Das Aussergewöhnliche ist nicht, dass es auch dieser Kirche in erster Linie um das Leben und Wohl der Menschen geht, sondern wie sie diesen Anspruch zu verwirklichen sucht. Ihre Vision ist es, Menschen mit möglichst unterschiedlichen sozialen, religiösen und kulturellen Hintergründen zusammenzubringen und auf eine zeitgemässe Weise Austausch und Auseinandersetzung zu fördern.

Möglichst viele Erfahrungen

Die Kirche soll ein lebendiges Zentrum mitten in einer modernen Stadt sein, das nebst spirituellen auch soziale und kulturelle Erfahrungen ermöglicht. Dementsprechend vielfältig und reichhaltig gestaltet sich der Veranstaltungskalender der OKE. Er umfasst neben Gottesdiensten und Meditationen auch Konzerte, Theater- und Tanzaufführungen, Ausstellungen, Diskussionen, Lesungen, Workshops und Feste. Ein Blick auf einige Aktivitäten Mitte Juni macht neugierig auf einen ungewohnten Kirchenbesuch: Am 11. und 12. Juni führt die Chorgemeinschaft "contrapunkt" einen "Gesang der Stille" vor, und am 13. Juni gibt die Kantorei der russischen Stadt Kaluga ein Konzert. Am 18. Juni schliesslich wird der amerikanische Zenpriester Claude Anshin Thomas einen Vortrag mit dem Titel "Secrets and Silence" halten. Zu den regelmässigen Angeboten der Offenen Kirche Elisabethen gehören die Meditationen über Mittag (jeweils Dienstag und Freitag) die Mittwoch-Mittag-Konzerte, die von der Musik-Akademie Basel getragen werden und am Mittwochabend die Möglichkeit zu einem persönlichen Gespräch mit dem Pfarrer oder der Pfarrerin (nebst dem reformierten Felix Felix hat die katholische Seelsorgerin Eva Südbeck-Baur eine 50%-Stelle inne). An jedem letzten Sonntagabend des Monats findet ein Jazzkonzert statt, jeden ersten Mittwoch im Monat ein Orgelkonzert. Noch reichhaltiger wird die Vielfalt durch Anlässe, für welche die Kirche Gastgeberin ist, denn dieser multifunktionale Raum kann auch für verschiedenste Anlässe gemietet werden - wie jüngst, als diese hoch aufstrebenden Gemäuer anlässlich des traditionellen Uni-Psycho-Festes von einigen Psychologiestudierenden, zwei SJs und einer bevölkerten Tanzfläche in einen atmo-sphärischen Tanzpalast verwandelt wurden.

Dass diese aufgeschlossene Kirche einem grossen Bedürfnis der Bevölkerung entspricht, zeigt unter anderem die Finanzierung, die 1998 zu 43% von Kirchen getragen war, der Rest aber aus Eigenleistungen (35%), Stiftungen (7%) wie etwa der Christoph-Merian-Stiftung und zu überraschenden 15% durch Spenden. Das erstaunlich breite Angebot bewirkt regen Zulauf: Einmal im Monat feiert die Lesbische und Schwule Basiskirche einen öffentlichen Gottesdienst, und jeden Donnerstag findet ein Treffen für Stellenlose statt, an welchem Erfahrungen und Tips ausgetauscht werden. Im Kirchenraum befindet sich ein Zeichentisch für Kinder und eine Gebetswand, an der die Anliegen schriftlich festgehalten werden können. Für weitere ungestillte Bedürfnisse ist hinter einer Stellwand eine Still-Ecke für Mütter eingerichtet. Wem zwischen all diesen Angeboten und Anregungen etwas mulmig wird, kann die Orientierung durch eine kleine Kraftanstrengung wiedergewinnen: Die Turmbesteigung belohnt einen mit einem grandiosen Blick über die Stadt; eine, in der die gegensätzlichsten Menschen nebeneinander wohnen, die aber aufgrund ganz ähnlicher Empfinden vielleicht einmal in der Elisabethenkirche vorbeischauen.

Elisabethenkirche: Die Öffnungszeiten sind Dienstag bis Freitag von 10 bis 21 Uhr, Samstag von 10 bis 18 Uhr. Den Veranstaltungskalender sowie Informationen zur Kirche findet man unter http://www.offenekirche.ch