Maeder predigt

Vortrag von Annemarie Pieper

Mittwoch, 22. Februar  2006

Im Leben den Tod bedenken - und umgekehrt

Unter den Gedichten, die im West-östlichen Divan versammelt sind, findet sich eines, das Goethe überschrieben hat: „Selige Sehnsucht“. Die erste Strophe lautet:

Sagt es niemand, nur den Weisen,

Weil die Menge gleich verhöhnet,

Das Lebend’ge will ich preisen

Das nach Flammentod sich sehnet.

Der Dichter will das Lebendige preisen, das paradoxerweise sterben möchte, und zwar im Feuer. Die Sehnsucht nach dem Flammentod könnte erotisch gedeutet werden, was die beiden folgenden Strophen zu unterstützen scheinen, wo von Liebesnächten, Zeugung, Verlangen und Begattung die Rede ist. Aber der erste Vers „Sagt es niemand, nur den Weisen“ wehrt diese Deutung ab. Nicht die breite Masse, sondern nur die Philosophen verstehen Leben und Tod als Gegensätze, die sich gegenseitig anziehen und nicht — wie der Common Sense meint — sich abstossen. Der Tod als Erfüllung des Lebens und das Leben als Erfüllung des Todes: In der vierten Strophe beschreibt Goethe einen Schmetterling, der jede Entfernung überwindet, um, angezogen vom Licht, in der Sonne zu verglühen.

Keine Ferne macht dich schwierig,

Kommst geflogen und gebannt,

Und zuletzt, des Lichts begierig,

Bist du Schmetterling verbrannt.

Der Schmetterling ist der Dichter, der sich, angezündet von einer Idee oder Vision, im Schaffensprozess vollständig verausgabt, bis er ausgebrannt ist. Ein fruchtbares Burn-out, denn er hat etwas Neues hervorgebracht, durch das er sich selber erneuert. Wie Phönix steigt er aus der Asche, um sich von neuem in die Lüfte zu erheben und kreativ zu betätigen.

Was Goethe am Schmetterling resp. Dichter beispielhaft vorführt, gilt im Grunde für jeden Menschen, der sich darum bemüht, seinem Leben Sinn zu geben, indem er seinen Tod riskiert, um seine ganze Kraft und Lebendigkeit zu spüren und entsprechend einzusetzen. So lautet die fünfte Strophe des Gedichts „Selige Sehnsucht“:

Und so lang du das nicht hast,

Dieses: Stirb und werde!

Bist du nur ein trüber Gast

Auf der dunklen Erde.

Wer nicht bereit ist, das Leben zu wagen, um sich selbst zu erneuern, verdunkelt die Welt und beraubt damit auch sich des Lichts. Er ist gleichsam schon wie tot, obwohl er physisch noch existiert: als „trüber Gast“, dem es nicht gelungen ist, die Flamme seiner Kreativität zum Leuchten zu bringen.

Doch wie haben es die von Goethe angesprochenen Weisen mit der Dialektik von „Stirb und werde“ gehalten? Wie haben die Philosophen im Leben den Tod und im Tod das Leben bedacht? Beginnen wir mit den ältesten uns bekannten Philosophen des Abendlandes, den so genannten Vorsokratikern. Das griechische Weltbild ist zyklisch. Der Kosmos insgesamt wird von den vorsokratischen Philosophen als Resultat von Prozessen aufgefasst, die nach einem Gleichmass erfolgen: soviel entsteht — soviel vergeht. Der Tod ist nur eine andere Form des Lebens und das Leben eine andere Form des Todes. Das Sterben des einen führt zur Geburt des anderen und umgekehrt. So hat Heraklit eine Verhältnisgleichung für die vier Elemente aufgestellt, durch welche eine in sich geschlossene Ursachenkette denkbar gemacht wird: „Es lebt das Feuer der Erde Tod, und die Luft lebt des Feuers Tod, das Wasser lebt der Luft Tod, die Erde den des Wassers.“ (Fragment B 76) Jedes der Elemente steht einmal an der Stelle des Lebens und einmal an der Stelle des Untergangs, so dass es jeweils im Verhältnis zu den anderen Elementen entweder als Ursache oder als Wirkung tätig ist.

Der Mensch als Mitglied des Weltalls hat Anteil an allen vier Elementen und ist eingebunden in den kosmischen Kreislauf, in welchem er immer wieder von neuem mit entsteht und mit vergeht, ohne je völlig zu verschwinden. Die Griechen gingen davon aus, dass der Mensch nicht ganz sterblich ist, sondern dass er eine Seele hat, die sich nach dem Tod des Körpers entledigt und wieder frei ist. soma [=] sema lautet ein pythagoreischer Spruch: Der Leib ist das Grab der Seele. Sie befindet sich während ihres irdischen Aufenthalts gleichsam in einem fleischlichen Sarg. Es gibt jedoch einen entscheidenden Unterschied zwischen jenem steinernen Sarg, der als Sarkophag bezeichnet wurde, und dem Körper als dem Sarg der Seele. Sarkophag (von griech: sarko phagos) heisst wörtlich: „Fleischfresser“. Die Steine, in denen der Leichnam bestattet wurde, waren besonders gut geeignet, den toten Körper zu zersetzen.

Der Körper als Sarg der Seele hingegen vermag die Seele nicht zu zersetzen, denn die Seele ist ihrer Natur nach immateriell. Wenn sie jedoch den Körper zu sehr liebt und seine Bedürfnisse übernimmt, verdunkelt sie sich und nimmt damit Eigenschaften der Materie an. Doch nicht der Körper, sondern die Seele selbst ist es, die sich zu jenem trüben Gast auf der dunklen Erde degradiert hat, von dem in Goethes Gedicht die Rede ist. Ihre eigentliche Aufgabe, alles Materielle mit den Mitteln der Vernunft zu erhellen, hat sie verfehlt. Ein falscher Eros hat sie in die Irre geführt, eine materialistische Liebe, mit welcher sie sich an den Körper und an vergängliche Dinge gekettet hat, anstatt all ihr Verlangen auf das Ewige, die unsterblichen Gebilde des Geistes zu richten. Umso schwerer fällt ihr daher nach dem Tod die Ablösung vom Körper. Wie es ein antiker Mythos erzählt, schleichen solche Seelen als dunkle Schatten um die Gräber, immer noch angezogen von den darin verwesenden Körpern und selber in ihrer Helligkeit getrübt durch fleischliche Begierden. 

Dass die Seele, die ihrer Natur nach unsterblich ist, sich in einem sterblichen Körper aufhalten muss, ist für die Griechen ebenso wie später für die Christen die Folge einer Verfehlung gegen die Götter. Erst nachdem der Körper vergangen ist, kann die Seele wieder ungehindert ihre eigentliche Tätigkeit aufnehmen: die Beschäftigung mit den Ideen. Je weniger sie am Körper hängt, desto leichter wird es ihr nach dem Tod fallen, sich von ihm trennen. Deshalb empfiehlt Sokrates die Vorwegnahme des Todes durch viele kleine Tode im hiesigen Leben, mit denen man sich ans Sterben gewöhnt und, wenn das Ende naht, die endgültige Trennung der Seele vom Körper, mit welcher dem Vergänglichen ein für allemal der Rücken gekehrt wird, freudig begrüsst.

In Platons Dialog Phaidon tröstet Sokrates seine Schüler über seinen bevorstehenden Tod durch den staatlich verordneten Giftbecher, indem er sie davon zu überzeugen versucht, dass die Seele des Menschen unsterblich ist und sich desto besser vom Körper zu lösen vermag, je tugendhafter jemand sein irdisches Dasein verbracht hat, keine materiellen Ziele verfolgte, sondern sich um das Gute, das Wahre und das Schöne verdient gemacht hat. Man müsse sich schon im hiesigen Leben in das Sterben einüben und allem entsagen, was die Seele zu sehr mit materiellen, vergänglichen Dingen in Berührung bringt und sie von dem eigentlich Wichtigen, den ewigen Ideen und Idealen ablenkt. Sterbenlernen heisst: der Befriedigung körperlicher Bedürfnisse nur so weit nachzukommen, als es zum Überleben unerlässlich ist, sich ansonsten aber von den Verstrickungen ins Sinnliche, Triebhafte weitgehend fern zu halten, um sich besser auf die seelischen Interessen am Unsterblichen als dem ewig Gültigen konzentrieren zu können. Das hiesige Leben dient der Vorbereitung auf den Tod, nach dem das eigentliche Leben kommen wird, ein Leben, das nicht mehr den Bedingungen von Raum und Zeit unterworfen ist und entsprechend keinen Tod mehr kennt. Da es für ein solches Leben nach dem Tod keine empirischen Belege gibt, muss man mit aller Kraft daran glauben.

Calvin hat dies, ähnlich wie Luther, später so formuliert: „Wie wir mitten im Leben vom Tode umfangen sind, so müsst ihr jetzt auch ganz fest überzeugt sein, dass wir mitten im Tode vom Leben umfangen sind.“ Calvin stützt den religiösen Glauben somit auf eine Dialektik, die uns aus unserer Alltagserfahrung vertraut ist: Neben den kontradiktorischen Gegensätzen, die sich gegenseitig ausschliessen, gibt es auch polare oder relative Gegensätze, die sich gegenseitig bedingen. Für kontradiktorische Gegensätze gilt das Entweder/Oder: das Runde schliesst das Eckige aus, der Schnee die Wärme. Für polare Gegensätze gilt das Sowohl/Als auch: ohne Süden kein Norden, ohne Anode keine Kathode. Wenn wir im Leben vom Tod umfangen sind, so Calvin, sind Leben und Tod polare Gegensätze, woraus folgt, dass wir umgekehrt im Tod vom Leben umfangen sein werden.

Gleichwohl wird der Tod doch von vielen Philosophen als Skandal empfunden, so wie von den meisten Menschen. Wir akzeptieren zwar mehr oder weniger zähneknirschend, dass wir endliche Wesen sind und keine unsterblichen Götter, aber der Unausweichlichkeit des Todes versuchen wir mit allen möglichen Strategien etwas entgegen zu setzen, das den Gedanken eines endgültigen Endes entschärft. So wird, wie bereits angesprochen, in vielen Kulturen der Tod als ein Übergang in ein anderes, besseres und schöneres Leben beschrieben, als ein langer Schlaf, aus dem man schliesslich erwacht, um auf der Insel der Seligen oder an einem himmlischen Ort unter ganz anderen Bedingungen weiter zu existieren, ohne Schmerzen, ohne Alter, ohne Leid und Not, die im irdischen Dasein die Lebensqualität beeinträchtigen. Der unerträgliche Gedanke also, dass nichts von uns übrig bleibt, nachdem uns der Tod ereilt hat, dass im Gegenteil der Gang der Geschichte voran schreitet, als hätte es uns nie gegeben, wird dadurch gemildert, dass in uns etwas ist, dem der Tod nichts anhaben kann.

Allerdings kann das, was mit den Seelen nach dem Tod passiert, noch viel schrecklicher sein als jede irdische Pein. Schon lange vor der christlichen Höllendrohung versuchte man die Menschen zu einem anständigen Lebenswandel zu bewegen, indem man ihnen in lebhaften Farben das Schicksal der Seelen nach dem Tod ausmalte. Im Schlussmythos von Platons Dialog Phaidon werden vier Aufenthaltsorte der Seele nach dem Tod geschildert, zwei davon sind endgültig: zum einen die Insel der Seligen für die reinen Seelen und zum anderen der Tartaros für die als unverbesserlich erachteten Seelen, die mit fürchterlichen Qualen bestraft werden, von denen es in alle Ewigkeit keine Erlösung gibt. An zwei anderen Aufenthaltsorten befinden sich solche Seelen, die im Leben zwar schuldig geworden sind, aber als besserungsfähig gelten und deshalb nach einer gewissen Vorbereitungszeit wieder neu verkörpert werden, damit sie noch einmal Gelegenheit haben, sich um ein tugendhaftes Leben zu bemühen und nach dem nächsten Tod an den überhimmlischen Ort zu den Göttern zu gelangen.

Es gab aber auch Philosophen, die davon überzeugt waren, dass es kein Leben nach dem Tod gibt, die Seele als Sitz der Vernunft also nicht unabhängig von einem Körper existieren kann. Entsprechend werteten diese Philosophen das Materielle auf und räumten dem Körper Eigenrechte, insbesondere ein Genussrecht ein. Sie setzten nicht wie Sokrates auf ein Leben nach dem Tod, den es während des gesamten bewusst geführten Lebens als etwas Erwünschtes zu bedenken gilt, sondern betrachteten das Leben als ein fortwährendes Sterben, das bereits mit der Geburt beginnt und sich mit jedem Tag unweigerlich seinem Ende nähert. Im Prozess dieses ununterbrochenen Sterbens gilt es das Leben zu geniessen und jeden Augenblick voll auszuschöpfen, um den Tod mit Leben zu erfüllen.

So haben zum Beispiel die Hedonisten in ihrer Strategie des guten Lebens das Lustprinzip hoch geschätzt und die Sinnlichkeit rehabilitiert. Epikur, wohl der bekannteste Vertreter des Hedonismus, wehrte sich gegen den Vorwurf, einem exzessiven Leben das Wort zu reden. Was Epikur immer wieder anmahnte, ist die Tugend des Masshaltens. Man müsse die körperlichen Bedürfnisse so befriedigen, dass dabei zugleich — etwa in Form eines geistreichen Gesprächs — auch die Vernunft auf ihre Kosten komme. Die Tugend des Masshaltens verlangt keine Selbstkasteiung, keine Askese, sondern die Ausbildung des Geschmacksvermögens, sowohl auf dem Sektor der Ess- und Trinkgewohnheiten als auch auf ethischem und ästhetischem Gebiet. Geschmack erweist sich somit als die Fähigkeit zur Feinabstimmung zwischen Körper und Geist, was zum Wohlbefinden der ganzen Person beiträgt. Dadurch entschärft sich auch das Verhältnis zum Tod, der nicht mehr als Skandal angesehen wird. Epikur hierzu: „Das angeblich schaurigste aller Übel, der Tod, hat für uns keine Bedeutung; denn solange wir noch da sind, ist der Tod nicht da; stellt sich aber der Tod ein, so sind wir nicht mehr da. Er hat also weder für die Lebenden Bedeutung noch für die Abgeschiedenen.“ (281)

Epikur meint, es habe keinen Sinn, sich vor dem Tod zu fürchten, denn solange wir leben, gibt es den Tod nicht, und wenn der Tod eingetreten ist, gibt es uns nicht mehr. In beiden Fällen spielt der Tod somit für den Menschen keine Rolle. Man solle daher das Leben nach Massen geniessen und sich keine Sorgen über den Tod machen. Denn für lebendige Menschen existiert er nicht, und für die Toten auch nicht, weil sie ja kein Bewusstsein mehr haben. Epikur fasst demzufolge Leben und Tod als kontradiktorische Gegensätze auf. Entweder man lebt, und dann spielt der Tod keine Rolle. Oder man ist tot, und dann spielt nichts mehr eine Rolle, weder das Leben noch der Tod.

Manche Philosophen, für die alles Leben mit dem Tod endet, fürchten nicht den Tod bzw. das Totsein, sondern das Sterben. Der französische Moralist Michel de Montaigne (16. Jh.) klagte in seinen Essais (I, 19): „Nicht der Tod, sondern das Sterben beunruhigt mich.“ Es ist dieser Übergang vom Leben zum Tod, den man nicht begreifen kann, jener Augenblick, in dem der Sterbende das Bewusstsein verliert und das Leben loslässt. Was genau passiert dabei, und was empfindet man? Die Frage ist unbeantwortbar, da jedes Individuum seinen eigenen Tod stirbt und darüber nichts berichten kann. Aber man sollte sich darüber nicht den Kopf zerbrechen, denn solange wir leben, ist das Leben wichtiger als das, was nach dem Leben kommt. Ein anderer französischer Moralist, Jean de La Bruyère (17. Jh.), hat jedoch festgestellt, dass die meisten Menschen sich viel zu sehr genau dafür, was nach dem Leben kommt, interessieren und dem Leben selber viel zu wenig Beachtung schenken: „Es gibt für den Menschen nur drei Ereignisse: geboren werden, leben und sterben. Aber er merkt nicht, wenn er geboren wird; er leidet, wenn er stirbt und — er vergisst zu leben.“ Er verpasst also gewissermassen alle drei für ihn bedeutsamen Ereignisse. Dies hat auch Woody Allen gemeint, als er sagte: „Bei allem Nachdenken über die Frage, ob es ein Leben nach dem Tod gibt, ist mir plötzlich aufgegangen, dass es ein Leben vor dem Tod gibt.“

Werfen wir einen kurzen Blick auf die christlich inspirierten Philosophen. Wenn wir uns daran erinnern, dass es gemäss dem biblischen Bericht im Paradies zwei Bäume gab, den Baum der Erkenntnis und den Baum des Lebens, so war Adam und Eva nur der erstere verboten worden. Vom Baum des Lebens hätten sie also essen können und wären dadurch unsterblich geworden. Stattdessen assen sie vom verbotenen Baum der Erkenntnis, was zur Folge hatte, dass sie das Böse in die Welt brachten und mit der Vertreibung aus dem Paradies bestraft wurden. Der Sündenfall weist darauf hin, dass die Menschen selbst die Schuld an ihrem Tod tragen, dass sie wieder zu Staub werden, nachdem sie eine Zeitlang ein Leben voller Schmerz und Leid gelebt haben. Die Wiederauferstehung Jesu Christi von den Toten deutet jedoch die Möglichkeit einer Erlösung an, die denen zuteil wird, die ein Gott gefälliges Leben führen und die Urschuld, sich gegen den Willen Gottes versündigt zu haben, während ihres gesamten Lebens bereuen. Ein im christlichen Glauben geführtes religiöses Leben nimmt dem Tod seinen Stachel durch ein Heilsversprechen, welches am Ende aller Zeiten, nach dem Jüngsten Gericht eingelöst werden soll. Die christliche Auffassung des Todes deckt sich demnach mit der griechischen in der Hinsicht, dass unser hiesiges Leben nur die Vorbereitung auf ein anderes, das eigentliche Leben in direkter Gemeinschaft mit Gott ist. Das Sterben und der Tod verlieren ihren Schrecken, wenn man davon überzeugt ist, dass danach längst nicht alles vorbei ist, sondern etwas Neues, Höherrangiges seinen Anfang nimmt, auf das wir unser hiesiges Leben ausrichten sollen.

In einer anderen Weise wird der Tod zum Thema bei den Existenzphilosophen. Sie wollen den Tod als wesentlichen Faktor des menschlichen Lebens bedenken, das Martin Heidegger als ein „Sein zum Tode“ bezeichnet hat. Der dänische Philosoph Søren Kierkegaard, der als Begründer der Existenzphilosophie gilt, war noch wesentlich christlich orientiert. Er bezeichnete die Verzweiflung als eine „Krankheit zum Tode“, die Verzweiflung darüber, dass die Menschen sich im Sündenfall ihres göttlichen Fundaments beraubt haben und damit ihrer Identität verlustig gegangen sind. Verzweiflung ist Leben in der Selbstzerrissenheit, in der sich die Sinnlosigkeit einer heillosen Existenz manifestiert, für die es keine Hoffnung mehr gibt. Für Heidegger hingegen, der nicht an das christliche Erbe, sondern an den Anfang der Philosophie bei den Vorsokratikern anknüpft, kündigt sich in der Angst die Möglichkeit des Nicht-mehr-Seins an, was den Menschen dazu nötigt, über den Sinn des Daseins nachzudenken. Wie soll man sich angesichts des jederzeit möglichen Todes, der das Leben abrupt beenden kann, zu sich selbst und zu den anderen verhalten, die sich in der gleichen Grenzsituation befinden, von welcher Karl Jaspers sagt, dass man sie weder verdrängen noch ignorieren dürfe? Sowohl Heidegger als auch Jaspers verweisen in diesem Zusammenhang auf die menschliche Freiheit, die zwar nicht über den Tod verfügen kann, sehr wohl aber Wege aufzeigt, wie der Mensch mit dem Faktum seiner Sterblichkeit umgehen und in der Sorge um seine Existenz seinem Leben einen die Zeit überdauernden Sinn geben kann. Man muss sich selbst treu bleiben in allem, was man denkt, fühlt, will und tut, sich nicht korrumpieren lassen von Ideologien oder Heilsversprechen, die den Sprung in ein Absolutes suggerieren — verbunden mit der Forderung, sich selbst vollständig aufzugeben und dem Willen einer höheren Macht zu unterwerfen. Dies war auch das Credo des französischen Existenzphilosophen Albert Camus. Wenn dem Menschen Unsterblichkeit verwehrt ist, muss er dieses eine Leben möglichst vollständig ausschöpfen, indem er viele Leben lebt, wie der Schauspieler, der in verschiedene Rollen schlüpft und dabei unterschiedliche Lebensformen ausprobiert. Es gilt demnach, dieses eine Leben zu vervielfältigen, um sich für dessen Vergänglichkeit zu entschädigen.

Ziehen wir eine kurze Zwischenbilanz. Den Tod im Leben zu bedenken, ist vor allem denjenigen ein Anliegen, die davon überzeugt sind, dass der Tod das Tor zu einem neuen Leben ist, um das man sich bereits im hiesigen Leben verdient machen muss. Indem die Menschen ihr Leben so gestalten, dass sie ihren Hang zum Materiellen abtöten, bereiten sie sich auf ein immaterielles, geistig-spirituelles Leben ihrer körperlos gewordenen Seele vor, in einem Jenseits ausserhalb von Raum und Zeit. An die Stelle der Prozesse von Entstehen und Vergehen, von Geburt und Tod tritt ewige Präsenz. Die hier auf Erden schmerzlich vermisste Unsterblichkeit — dereinst wird sie uns zuteil werden.

Doch auch diejenigen, die davon ausgehen, dass mit dem Tod alles Leben vorbei ist, dem Tod also kein neues Leben innewohnt, machen das memento mori zu ihrer Lebensmaxime. Allerdings soll sie gerade daran erinnern, dass wir aller Wahrscheinlichkeit nach nur dieses eine Leben zur Verfügung haben, aus dem wir das Beste machen sollen, wobei ein gutes Leben auch das körperliche Wohlbefinden mit einschliesst. Den Tod zu verdrängen, um der Angst vor dem Sterben keine Nahrung zu geben, ist ebensowenig empfehlenswert wie eine übermässige Trauer über den Tod nahestehender Personen, da sie die Handlungsfähigkeit lähmt. Den richtigen Umgang mit dem Tod kann man im Leben erlernen und gerade dadurch die Lebensqualität steigern, weil unnötige Ängste, überschiessende Emotionen, in die Irre führende Trostangebote und falsche Hoffnungen vermieden werden.

Im übrigen verzichten auch diejenigen, für die das Weiterleben nach dem Tod undenkbar ist, nicht auf Unsterblichkeit. Zwar glauben sie nicht an die Weiterexistenz der Seele oder eine wie auch immer vorzustellende individuelle Auferstehung, aber sie setzen auf das kulturelle Gedächtnis, in welchem ihre Lebensleistung gespeichert wird. So stammt von Seneca der Spruch vita brevis, ars longa: das Leben ist kurz, die Kunst lang. Das Individuum vergeht zwar, doch seine Werke bleiben erhalten, überdauern in Archiven, Museen, Bibliotheken, werden in Vernissagen, Lesungen, Theater- und Opernaufführungen wiederbelebt usf. Solange es jemanden gibt, der sich mit kulturellen Erzeugnissen beschäftigt, hält er die Tradition lebendig und mit ihr die Namen, die diese Tradition geprägt haben.

Den Tod als etwas Natürliches, zum Leben Gehöriges zu betrachten bzw. das Leben als endlichen Prozess zu begreifen, der unausweichlich tödlich verläuft, war einerseits Sache der Weisen, der Philosophen, andererseits der Theologen und Religionsanhänger. Für den Alltagsmenschen spielen solche Überlegungen je nach Alter eine unterschiedliche Rolle. Solange man jung ist und alle Kräfte einsetzt, um sich seinen Platz im Leben zu erobern, verschwendet man kaum Gedanken an den Tod, es sei denn, Krankheiten oder körperliche Behinderungen erinnern schon früh an die eigene Vergänglichkeit. In den mittleren Jahren blickt man, wenn das Leben gut gelaufen ist, mit einiger Zufriedenheit auf bereits Erreichtes und erzielte Erfolge zurück, versucht die Karriere weiter zu optimieren und weiss sich in gefestigten Verhältnissen aufgehoben. Für Gedanken an den Tod ist auch hier noch wenig Platz, obwohl die zunehmende Gebrechlichkeit der Eltern Vorbote des Endes ist, dem man auch selber näher gerückt ist.

Wenn das Leben jedoch nicht so gut gelaufen ist, wenn Misserfolge sich gehäuft haben, Lebenspläne gescheitert sind, bricht in den mittleren Jahren der Todesgedanke oft vehement in den Alltag der Frustrierten ein. Schon bald könnte alles vorbei sein, wo man doch noch gar nicht richtig gelebt, vielleicht sogar sein Leben verpfuscht hat. Burnout-Syndrom, Midlifecrisis, die Angst, das Wesentliche zu verpassen, bevor man in die Grube fährt — dies alles führt zu unterschiedlichen Reaktionen. Den einen erscheint der Tod als Schreckgespenst, dem sie mit allen Mitteln zu entfliehen versuchen. Träume von einer radikalen Veränderung der Lebensverhältnisse, von einem Ausstieg, verbunden mit einem absoluten Neuanfang, sei es privat oder beruflich, gaukeln die Chance eines zweiten Lebens vor, in dem man alte Fehler vermeidet und alles besser macht, so dass man am Ende doch sagen kann: Es hat sich gelohnt, das Leben.

Die anderen hingegen tragen sich mit Suizidgedanken, klagen resigniert, dass sowieso alles umsonst ist, jede weitere Anstrengung blosse Zeitverschwendung wäre und die Zukunft ebenso sinnlos sein wird wie die Vergangenheit. So erscheint es als eine gute Sache, das Leiden am Leben abzukürzen und freiwillig einen vorzeitigen Tod zu wählen. Das Nichtmehrsein wird dem Leben vorgezogen. Beide Reaktionen sind ein Selbstbetrug. Zwar gelingt es einigen wenigen tatsächlich, aus ihrem alten Leben auszusteigen und noch einmal von vorn anzufangen. Und für einige andere bringt der Suizid die erhoffte Erlösung von unerträglichen Zwängen. Aber der Wunsch, sich selbst loszuwerden, scheitert in der Regel an einer falschen Vorstellung vom Sinn des Lebens. Dieser Sinn müsste sich, so glaubt man, mit einem Schlag unverlierbar einstellen.

Die realistischere Mehrheit sieht sich zu Kompromissen genötigt, um wieder zu einer positiven Lebensbilanz zu gelangen. Dabei ist es ganz wichtig, sich auch mit dem Tod zu arrangieren, ihn buchstäblich als eine deadline in den Alltag miteinzubeziehen. Nicht dass man ständig an den Tod denken soll. Im Gegenteil: Es gilt zu leben und jeden Augenblick auszuschöpfen, ihn mit Sinn zu erfüllen. Man sollte nichts, was einem am Herzen liegt, aufschieben, sondern sich hier und jetzt um seine Verwirklichung bemühen. Später könnte es zu spät sein.

Der Rat der Hedonisten, man solle jeden Augenblick so leben, als könnte es der letzte sein, klingt banal, zeugt aber meines Erachtens von Lebensklugheit, denn der geglückte Augenblick genügt für sich selbst, auch wenn es der letzte sein sollte, auf den nichts mehr folgt. Wenn wir uns an die Schöpfungsgeschichte in Genesis 3 des AT erinnern, so hat Gott nicht erst am Ende der Woche Bilanz gezogen, sondern nach jedem Tag sein Werk begutachtet und festgestellt: Siehe, es war gut. Die Erschaffung der Welt wäre zwar nicht vollendet gewesen, wenn Gott aus welchen Gründen auch immer vorzeitig damit aufgehört hätte. Aber indem er jede Etappe für sich betrachtete und als gelungen deklarierte, bekundete er, dass der Wert des Ganzen in jedem einzelnen Teil bereits voll und ganz präsent ist und nicht erst am Ende des Prozesses. Für den endlichen Menschen bedeutet dies, dass sein Lebenswerk anders als im Fall eines allmächtigen Gottes nie vollendet sein wird. Nachlassende Kraft und schliesslich der Tod brechen es irgendwann ab. Aber wenn wie in jedem einzelnen Schöpfungstag auch in jedem bewusst gestalteten Moment menschlichen Lebens der Sinn des Ganzen steckt, geht für das Individuum durch den Tod nichts verloren, weil das Ganze, um das es sich lebenslang bemüht, in jedem gelebten Augenblick zum Vorschein kommt.

Den letzten Teil meines Vortrags möchte ich im Zusammenhang mit dem Ausstellungsthema „Staatssarg“ der Frage widmen, wie stark der Staat Einfluss nehmen darf auf die mit dem Lebensende zusammenhängenden Dinge, insbesondere auf die Bestattung. Es versteht sich von selbst, dass es in einer Gemeinschaft von vielen einen gewissen Regelungsbedarf gibt, der sich erübrigen würde, wenn jedes Individuum wie Robinson auf seiner privaten Insel lebte und niemanden durch seinen speziellen Lebensstil beeinträchtigen würde. In einem Kollektiv jedoch kann nicht jeder nach Belieben schalten und walten, sondern muss sich, damit kein Chaos entsteht, an die Regeln halten, die aufgrund eines demokratischen Beschlusses für alle gleichermassen verbindlich sind.

Manchmal wird allerdings durch staatliche Regelungswut das Chaos, das vermieden werden soll, gerade erst erzeugt. Sie kennen den Spruch „Von der Wiege bis zur Bahre: Formulare, Formulare ...“ Vor dem Gesetz existieren wir nur durch Dokumente, die unsere Geburt bescheinigen, Eheschliessungen resp. Scheidungen beurkunden, unsere AHV- und Steuer-Nummer ausweisen usf. Nach Meinung vieler Bürgerinnen und Bürger gehen Einzelheiten, die zum Intimbereich gezählt werden, den Staat nichts an. Das Netz staatlicher Verordnungen wird oft als zu engmaschig empfunden. Es lässt den Individuen zu wenig oder gar keinen Spielraum.

Wohin es führen kann, wenn der Staat sich auf unzulässige Weise in die Vorgänge von Geburt und Tod einmischt, möchte ich an zwei Utopien zeigen, die auf drastische Weise vorführen, wie sich die künstliche Erzeugung der künftigen Bürgerinnen und Bürger und das Ableben der älteren Generation sozial verträglich planen lässt. In Aldous Huxleys Zukunftsroman Schöne neue Welt altern die Menschen nicht mehr, weil es gelungen ist, alle Krankheiten zu besiegen. „Sämtliche physiologischen Symptome des Greisenalters sind beseitigt. Und zugleich mit ihnen natürlich auch [...] alle psychischen Eigenschaften alter Menschen. Heutzutage bleibt der Charakter während des ganzen Lebens unverändert“ (Aldous Huxley: Schöne neue Welt, Frankfurt am Main 1978, 61) — so preist einer der Weltaufsichtsräte in der schönen neuen Welt den wissenschaftlichen Fortschritt. Die Menschheit insgesamt ist auf eine global kontrollierte, nach Bedarfsplänen in ihrer Zahl genau festgelegte und konstant gehaltene Gemeinschaft reduziert worden. Perfekt konditioniert, brauchen die von ihrer Erzeugung in der Retorte an programmierten Menschen nichts mehr selbst zu entscheiden. Sie fahren auf der ihnen vorgezeichneten Bahn wie auf Schienen, reibungslos und konfliktfrei. Über die Weichenstellungen müssen sie sich keine Gedanken machen. Eine intensive medizinische Versorgung lässt sie ein sorgen- und schmerzfreies Leben führen.

Der Tod wird in der schönen neuen Welt ebenso wenig dem Zufall überlassen wie die Herstellung neuer Individuen. Um die Zahl der Menschen im Verhältnis zu den vorhandenen bzw. zu erwirtschaftenden Ressourcen konstant halten zu können, werden die Bürgerinnen und Bürger, sobald sie das 60. Lebensjahr erreicht haben, mittels einer euphorisierenden Droge ins Jenseits befördert. Obwohl sie gesund und im Vollbesitz ihrer Kräfte sind, beenden sie ihr Leben — faltenlos und wie Sechzehnjährige aussehend — in einer Sterbeklinik, in welcher sie schon vom Kindesalter an zwei Vormittage in der Woche zugebracht haben, um den Tod als etwas Selbstverständliches zu begreifen und den Vorgang des Sterbens als etwas Angenehmes zu betrachten.

Huxley greift in seiner Utopie einen alten Menschheitstraum auf: ohne gesundheitliche Beeinträchtigungen alt zu werden und schmerzlos, ohne Angst vor dem Tod zu sterben. In der schönen neuen Welt erreicht man diese Ziele durch ein expansives Gesundheitswesen einerseits, durch Euthanasie andererseits. Der Tod verliert seinen Schrecken, wenn es nichts gibt, das man in seinem Leben bedauert oder bereut oder verpasst zu haben fürchtet. Ein paar Jahre mehr oder weniger würden an der positiven Bilanz nichts ändern.

Mir scheint jedoch, dass man in der schönen neuen Welt Huxleys lieber sterben würde als Im Land der leeren Häuser (München 1993), das die englische Kriminalschriftstellerin P.D. James schildert. Die Menschen haben ihre Fortpflanzungsfähigkeit verloren, und da seit 25 Jahren keine Kinder mehr geboren wurden, ist es absehbar, wann die Menschheit ausgestorben sein wird. Die Generation der Letztgeborenen, die so genannte Omega-Generation von no future kids tut und lässt, was ihr gefällt, denn nach ihnen wird niemand mehr kommen, dem sie noch etwas schulden. Sie sind egoistisch, grausam und kaltherzig, kümmern sich nicht um die Älteren und die pflegebedürftigen ganz Alten. Die Solidargemeinschaft ist vollständig zerbrochen. Wer auf fremde Hilfe angewiesen ist, findet sie wenn überhaupt nur noch unter rüstig gebliebenen Gleichaltrigen. Aber auch die werden eines Tages zu gebrechlich sein, um sich gegenseitig zu betreuen.

Zuerst veranlassen die staatlichen Behörden, dass die Älteren vom Land in die sich ohnehin leerenden Städte gebracht werden, in welchen ein zentraler Pflege- und Dienstleistungsbetrieb eingerichtet wird. Aber diese Massnahme ist nur eine kurzfristige Notlösung. Dann beginnen einzelne Gruppen Massenselbstmorde zu inszenieren, Quietus genannt. Eine Reihe von Greisen, die sich an den Händen halten, springt gemeinsam von den Klippen ins Meer. Was zunächst vereinzelt spontan und auf freiwilliger Basis geschieht, wird dann heimlich vom Staat in grossem Stil organisiert. Alte und kranke Personen, die sich nicht mehr selbst versorgen können, werden mit Bussen ans Meer gebracht, wo man sie weiss einkleidet und unter feierlicher Musikbegleitung in kleine Boote verfrachtet. Medikamentös ruhig gestellt und mit den Füssen im Boot angekettet, fahren sie aufs Meer hinaus und werden dort versenkt.

Der staatlich organisierte Tod weckt selbst dann, wenn die Betreffenden einverstanden sind und ihr Ende bis zu einem gewissen Grad mit gestalten können, Unbehagen. Man hat den Eindruck, um den eigenen Tod betrogen zu werden. Zwar plädieren viele für einen selbst bestimmten Tod, wenn ein Ende mit unvorstellbaren Qualen absehbar ist und man in einer ausweglosen Lage den Zeitpunkt des Lebensendes in einem Zustand wählt, der ein Sterben in Würde ermöglicht. Aber wir möchten auf keinen Fall, dass andere, vor allem nicht der Staat, unseren Tod verfügt. Wenn der Tod schon sinnlos ist, möchten wir ihm wenigstens einen persönlichen, individuellen Sinn geben. Andererseits rührt das Unbehagen angesichts der geschilderten Verhältnisse auch daher, dass wir in unserer heutigen Lebenswelt Tendenzen erkennen, die in genau die Richtung weisen, die Huxley und James beschrieben haben. Die zunehmende Zahl älterer Menschen wird die kommenden Generationen vor Probleme stellen, um die wir uns heute vielfach drücken. Wir schätzen die individuelle Freiheit und die damit einhergehende Vielfalt hoch ein, aber sie hat auch ihre Grenzen, die Normierungen erforderlich machen. Normierungen allerdings, die gemeinsam vereinbart werden und auf breite Akzeptanz stossen müssen.

Um den Tod zu enttabuisieren, müssen wir ihm mehr Raum im Leben geben, auch der damit verbundenen Trauer und Angst. In Fernsehberichten über terroristische Anschläge und Selbstmordattentate sieht man manchmal, wie die Angehörigen der Opfer ihren Schmerz herausschreien und in höchster Verzweiflung wild um sich schlagen. In unserer Kultur gilt dies als verpönt. Man hat still zu leiden und die Trauer hinter grosskalibrigen Brillen und dichten Schleiern zu verbergen. Vielleicht ist dieser uns von klein auf antrainierte Umgang mit Betroffenheit auch ein Extrem, das den Schmerz, obwohl er ein wesentlicher Bestandteil des Lebens ist, verinnerlicht und abkapselt — und damit aus dem Leben verbannt. Wie letztlich auch den Tod. In der privaten wie in der öffentlichen Diskussion über das Lebensende herrscht die klinische Sprache vor, die aufgrund ihrer Distanziertheit das Phänomen entindividua­lisiert und damit die persönliche Verarbeitung erschwert.

Vielleicht könnte man die Sokratische These vom Sterbenlernen dahingehend interpretieren, dass wir in unserem Leben allzu sehr auf das Habenwollen fixiert sind und dabei verlernt haben, loszulassen. Die Dinge auch einmal zu lassen, wie sie sind, fällt uns schwer. Wachstum, Steigerung, Maximierung sind Ausdruck eines unersättlichen Habenwollens, das keine Grenze kennt. Um davon wenigstens momentweise einmal abzulassen und innezuhalten, muss man loslassen. Die Einübung ins Loslassen führt zu jener Gelassenheit, die uns hilft, in jeder Situation angemessen zu reagieren. Gelassenheit wird uns dann, wenn es so weit ist, auch helfen, das Leben loszulassen; vielleicht nicht ohne Bedauern, aber in der festen Überzeugung, dass es sich gelohnt hat, das Leben.