Arber Predigt

Volkspredigt von Prof. Werner Arber im Rahmen des Festivals

“Science et Cite” am 6. Mai 2001

Thema: Schöpfung als permanenter Prozess                                                 

Meine lieben Mitmenschen,

Ich danke Ihnen recht herzlich dafür, dass Sie sich in dieser Kirche eingefunden haben, um gemeinsam mit mir nachzudenken über den Einfluss der Wissenschaften, insbesondere der Naturwissenschaften, auf unser tägliches Leben.

Vor bald zwei Jahren hatte ich in meiner damaligen Funktion als Präsident der weltweiten Dachorganisation aller naturwissenscharftlichen Berufsverbände und Akademien die Ehre, zusammen mit dem Generaldirektor der UNESCO eine sechstägige Weltkonferenz über die Wissenschaften in Budapest durchzuführen. Dabei machten sich etwa 2000 Teilnehmer aus 155 Staaten darüber Gedanken, wie die Naturwissenschaften ihre Aufgaben der Erforschung der Natur erfüllen, wie sie mit ihren Resultaten einerseits die Technologie befruchten und andererseits unsere Weltanschauung beeinflussen, und wie verschiedenartig sich die Wechselwirkungen zwischen den Wissenschaften und der Bevölkerung gestalten. Alle das Wort ergreifenden UNESCO-Delegationen vertraten die Meinung, dass unsere Zivilisation sich massgeblich auf wissenschaftlichen Fortschritt abstützen muss, und dass in vermehrtem Masse breite Kreise der Zivilgesellschaft im Dialog mit den Forschern nicht nur den Fortschritt mitverfolgen, sondern auch dessen Anwendungen mitverantworten sollten. In unserem Lande will sich die Stiftung ”Science et Cité” dieser sozialethisch verwurzelten Zielsetzung annehmen. Sozusagen als Probelauf des Gedankenaustausches sollen die an verschiedenen Orten während dieser Woche durchgeführten Veranstaltungen dienen.

Meinem heutigen Beitrag zu diesem Programm habe ich folgenden Titel gegeben: “Schöpfung als permanenter Prozess”. Damit möchte ich versuchen, eine Brücke zu schlagen zwischen der molekularen Biologie und Jahrtausende altem “traditionellem” Wissen, welches die Weltreligionen mitgeprägt hat und diese auch heute noch massgeblich beeinflusst.

Der Gentechnik wird öfters vorgeworfen, dass sie dem Schöpfer in sein Handwerk pfuschen würde. Hin und wieder kann man auch die Aussage einzelner Molekulargenetiker zur Kenntnis nehmen, dass sie ein neues Lebewesen geschaffen hätten. Was steckt hinter solchen Behauptungen?

Seit 50 Jahren ist bekannt, dass die Erbinformation aller Lebewesen in fadenförmigen Molekülen der Nukleinsäure DNA enthalten ist. Wie in unserer Schrift die Buchstaben, reihen sich in der DNA einzelne Nukleotide als Bausteine linear hintereinander zu Worten, Sätzen und Abschnitten. Gewisse Abschnitte sind für das Leben bedeutungsvoll und wir nennen sie Gene. Andere Abschnitte scheinen weniger bedeutungsvoll zu sein und dienen vielleicht eher als Füllmaterial.

 

Um den Grad wie auch den effektiven Inhalt der Bedeutung der Erbinformation, also die biologische Funktion, besser erforschen zu können, wurde vor 25 Jahren die Gentechnik entwickelt. Damit ist es den Forschern gelungen, einzelne Abschnitte der sehr langen DNA-Fäden nicht nur auszusortieren, sondern diese Abschnitte auch tausendfach zu vermehren, so dass genügend Material für deren Studium verfügbar wird. So ist es in den letzten Jahren möglich geworden, von mehreren Arten von Lebewesen, auch vom Menschen, die gesamte Erbschrift, Genom genannt, zu entziffern.

 

Die Kenntnis der Buchstabenfolge der Gene ist eine gute Basis für das Studium der Funktionen der Gene. Allerdings ist die funktionelle Analyse der Gene viel mühsamer als das Erkunden der Reihenfolge der Buchstaben der Erbschrift. Die Gene selber sind nämlich stumm und bewirken allein noch keine Lebensprozesse. Solche kommen aber zu Stande, wenn die Gene gelesen werden, wobei normalerweise Proteine produziert werden. Es sind dann diese Genprodukte, welche vielfältige Lebensprozesse in und zwischen den Zellen in der richtigen Dosierung anregen und ausführen. Dank der intensiven Forschung können wir damit rechnen, dass in absehbarer Zeit mehr und mehr Wissen über Genfunktionen verfügbar wird. Das eröffnet schrittweise neue Möglichkeiten für Nutzanwendungen in der Medizin, in der Landwirtschaft, in der industriellen Produktion und auch in der Pflege unserer Umwelt. Dabei stellt sich uns die Frage, wie wir mit dem verfügbar werdenden Wissen in verantwortbarer Weise umgehen wollen und sollen.

 

Schon heute ist es möglich, durch Veränderung der Buchstabenfolge in der DNA einzelne Gene in ihrer Funktion zu verändern. Kritisch betrachtet, sind solche von der Gentechnik am Erbgut vorgenommenen Veränderungen direkt vergleichbar mit den natürlicherweise spontan erfolgenden genetischen Mutationen, welche gemäss Darwinismus Voraussetzung für die biologische Evolution sind. Allerdings muss auch gesagt werden, dass die wissenschaftliche Forschung bisher weder ein absolut neuartiges Gen hergestellt, noch ein völlig neuartiges Lebewesen aus Einzelgenen zusammengesetzt hat.

 

Ein anderer zu erwähnender und in der biologischen Forschung bestätigter Aspekt ist die Tatsache, dass die einzelnen Funktionen eines Lebewesens zwangsmässig und in vielfältiger Art und Weise voneinander abhängen. So steht denn auch die effektive Wirkung eines Genes meistens mehr oder weniger stark unter dem Einfluss des Umfeldes, in dem sich das die biologische Funktion ausführende Genprodukt befindet. Mit Umfeld meine ich zunächst die Zelle oder das Organ, in dem das Gen zum Ausdruck kommt, dann aber auch das Gesamtlebewesen und schliesslich auch dessen Umwelt, die sich ja aus einer Mischpopulation von Mitlebewesen und aus unbelebter Materie zusammensetzt. Aus diesen Gründen fällt es der Wissenschaft ziemlich schwer, präzise Aussagen über mögliche Auswirkungen genetischer Veränderungen zu machen bevor diesbezügliche Experimente durchgeführt wurden.

 

In vielfältiger Art und Weise ist in der Tat das Vorgehen der Gentechnik mit der allgemeinen evolutionären Strategie der Natur vergleichbar, welche eine Strategie des Veränderns und Ausprobierens ist. Mehr wissenschaftlich formuliert, geht es einerseits um genetische Variation oder Mutation und andererseits um natürliche Selektion.

 

Um diese Aussage besser verstehen zu können tun wir gut daran, uns nach dem effektiven Geschehen in der biologischen Evolution zu fragen. Wie erklärt sich das Auftreten der ersten Lebewesen und wie entwickelte sich im Laufe langer Zeiträume die reichhaltige biologische Vielfalt, die wir auf unserem Planeten so sehr schätzen? Auf der Suche nach Antworten auf diese Fragen möchte ich jetzt mit Ihnen die Schöpfung der Lebewelt und deren biologische Evolution auf dem Planeten Erde betrachten. Hören wir uns zunächst an, was die biblische Schöpfungsgeschichte im 1. Buch Mose darüber aussagt.

 

Lesung I: Die Erschaffung der Welt nach dem 1. Buch Mose.

Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde; die Erde aber war wüst und wirr, Finsternis lag über der Urflut, und Gottes Geist schwebte über dem Wasser. Gott sprach: Es werde Licht. Und es wurde Licht. Gott sah, dass das Licht gut war. Gott schied das Licht von der Finsternis, und Gott nannte das Licht Tag und die Finsternis nannte er Nacht. Es wurde Abend, und es wurde Morgen: erster Tag.

Dann sprach Gott: Ein Gewölbe entstehe mitten im Wasser und scheide Wasser von Wasser. Gott machte also das Gewölbe und schied das Wasser unterhalb des Gewölbes vom Wasser oberhalb des Gewölbes. So geschah es, und Gott nannte das Gewölbe Himmel. Es wurde Abend, und es wurde Morgen: zweiter Tag.

Dann sprach Gott: Das Wasser unterhalb des Himmels sammle sich an einem Ort, damit das Trockene sichtbar werde. So geschah es. Das Trockene nannte Gott Land, und das angesammelte Wasser nannte er Meer. Gott sah, dass es gut war. Dann sprach Gott: Das Land lasse junges Grün wachsen, alle Arten von Pflanzen, die Samen tragen, und von Bäumen, die auf der Erde Früchte bringen mit ihrem Samen darin, So geschah es. Das Land brachte junges Grün hervor, alle Arten von Pflanzen, die Samen tragen, alle Arten von Bäumen, die Früchte bringen mit ihrem Samen darin. Gott sah, dass es gut war. Es wurde Abend, und es wurde Morgen: dritter Tag.

Dann sprach Gott: Lichter sollen am Himmelsgewölbe sein, um Tag und Nacht zu scheiden. Sie sollen Zeichen sein und zur Bestimmung von Festzeiten, von Tagen und Jahren dienen; sie sollen Lichter am Himmelsgewölbe sein, die über die Erde hin leuchten, So geschah es. Gott machte die beiden grossen Lichter, das grössere, das über den Tag herrscht, das kleinere, das über die Nacht herrscht, auch die Sterne. Gott setzte die Lichter an das Himmelsgewölbe, damit sie über die Erde hin leuchten, über Tag und Nacht herrschen und das Licht von der Finsternis scheiden. Gott sah, dass es gut war. Es wurde Abend, und es wurde Morgen: vierter Tag.

Dann sprach Gott: Das Wasser wimmle von lebendigen Wesen, und Vögel sollen über dem Land am Himmelsgewölbe dahinfliegen. Gott schuf alle Arten von grossen Seetieren und anderen Lebewesen, von denen das Wasser wimmelt, und alle Arten von gefiederten Vögeln. Gott sah, dass es gut war. Gott segnete sie und sprach: Seid fruchtbar, und vermehrt euch, und bevölkert das Wasser im Meer, und die Vögel sollen sich auf dem Land vermehren. Es wurde Abend, und es wurde Morgen: fünfter Tag.

Dann sprach Gott: Das Land bringe alle Arten von lebendigen Wesen hervor, von Vieh, von Kriechtieren und von Tieren des Feldes. So geschah es. Gott machte alle Arten von Tieren des Feldes, alle Arten von Vieh und alle Arten von Kriechtieren auf dem Erdboden. Gott sah, dass es gut war. Dann sprach Gott: Lasst uns Menschen machen als unser Abbild, uns ähnlilch. Sie sollen herrschen über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels, über das Vieh, über die ganze Erde und über alle Kriechtiere auf dem Land. Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie. Gott segnete sie, und Gott sprach zu Ihnen: Seid fruchtbar, und vermehrt euch, bevölkert die Erde, unterwerft sie euch, und herrscht über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die sich auf dem Land regen. Dann sprach Gott: Hiermit übergebe ich euch alle Pflanzen auf der ganzen Erde, die Samen tragen, und alle Bäume mit samenhaltigen Früchten. Euch sollen sie zur Nahrung dienen. Allen Tieren des Feldes, allen Vögeln des Himmels und allem, was sich auf der Erde regt, was Lebensatem in sich hat, gebe ich allen grünen Pflanzen zur Nahrung. So geschah es. Gott sah alles an, was er gemacht hatte: Es war sehr gut. Es wurde Abend, und es wurde Morgen: der sechste Tag.

So wurden Himmel und Erde vollendet und ihr ganzes Gefüge.

Am siebten Tag vollendete Gott das Werk, das er geschaffen hatte, und er ruhte am siebten Tag, nachdem er sein ganzes Werk vollbracht hatte. Und Gott segnete den siebten Tag und erklärte ihn für heilig; denn an ihm ruhte Gott, nachdem er das ganze Werk der Schöpfung vollendet hatte. Das ist die Entstehungsgeschichte von Himmel und Erde, als sie erschaffen wurden.

 

 

Dieser vor etwa 2 1/2 Jahrtausenden niedergeschriebene Text basiert auf noch älteren Überlieferungen von sogenannt traditionellem Wissen, besonders aus dem babylonischen Schöpfungsmythos. Traditionelles Wissen mag seine Wurzeln wohl in der spezifisch menschlichen Fähigkeit haben, sich selber und seine Umgebung kritisch zu beobachten und daraus allgemeine Naturgesetze und Lebensregeln abzuleiten. Darin liegt ja auch der Ursprung sowohl der Naturwissenschaften als auch der Philosophie.

 

Angesichts seines hohen Alters entspricht der vorgelesene Text erstaunlich gut der Einsicht, die wir heutigen Menschen ohne Kenntnis des naturwissenschaftlich erarbeiteten Wissens wahrscheinlich erlangen könnten. Das Leben wird möglich, wenn Licht, Wasser und Land vorhanden sind, und in der sogenannten Biosphäre begegnen wir einer grossen Vielfalt von Lebewesen. Deren Verschiedenartigkeit ist so gross, dass jede Art wohl einen unabhängigen Ursprung haben muss. In der angegebenen Reihenfolge der Schöpfung der Lebewelt steckt eine gewisse Logik: Mikroorganismen werden nicht erwähnt, da man diese mit unseren Sinnesorganen allein nicht wahrnehmen kann. Pflanzen werden zuerst erschaffen, da diese ja später als Nahrung für die Tiere dienen, welche dann an den darauf folgenden Tagen erschaffen werden. Der Mensch wird zuletzt erschaffen. Dabei nimmt sich Gott als Schöpfer selber als Vorbild, aber er schafft den Menschen nicht völlig gleich, sondern ähnlich. Damit ist wohl nicht das physische Abbild gemeint, sondern eher die Fähigkeit, sich traditionelles Wissen anzueignen, zu mehren, weiterzugeben und die erlangten Kenntnisse in seinem eigenen Interesse auch zu seinem Wohle zu nutzen, kurz gesagt, die Welt zu verstehen und sie nachhaltig zu managen, um einen modernen Ausdruck zu gebrauchen. Ähnlich wie Gott soll auch der Mensch ein kreatives Wesen sein, das fähig ist zu schaffen, zu schöpfen, zu formen und zu gestalten und dabei auch sozialethische und oekologische Verantwortung wahrzunehmen.

 

Die heutige naturwissenschaftliche Schöpfungstheorie geht aus vom Urknall mit der darauf folgenden Expansion und Evolution des Weltalls, Entstehen der Himmelskörper und der chemischen Elemente. Unter günstigen physiko-chemischen Bedingungen kann es dabei auf gewissen Himmelskörpern zu sich selbst vermehrenden Lebewesen kommen, zunächst wohl nur primitive Einzeller. Darüber bestehen zwar interessante Theorien, aber bisher kein mit Sicherheit nachgewiesenes Wissen. Die wissenschaftliche Aufklärung des primordinalen Aktes der Schöpfung von Leben bleibt als Aufgabe für künftige Generationen von Forschern.

 

Da wir an den heute vorhandenen Lebewesen den Evolutionsprozess erforschen können, haben wir gute Ideen, wie die biologische Evolution im Laufe von einigen Jahrmilliarden aus den erwähnten primitiven Anfängen eine enorme Vielfalt von Lebensformen hervorgebracht hat. Charles Darwin und einige seiner Zeitgenossen haben mit der Evolutionstheorie enorm zum Verständnis dieser Vorgänge beigetragen. Wie bereits kurz erwähnt, sind wesentliche Elemente dieser Theorie das spontane Auftreten von genetischen Varianten, die natürliche Selektion zu Gunsten einzelner dieser Varianten und schliesslich auch die Isolation.

 

Im ersten Buch Mose folgt auf die Schöpfungsgeschichte eine relativ ausführliche Genealogie der Nachkommen von Adam und Eva. Bei einer naturwissenschaftlich ausgerichteten Betrachtung dieses Textes fällt einem auf, dass Variation und Selektion ein zentrales Thema ist. Nicht nur hat jeder beschriebene Mensch seine Eigenartigkeiten, was der Variation entspricht, sondern gewisse Menschen werden vom Schicksal bevorzugt, andere benachteiligt. So etwa gab Abraham vor seinem Tod “all sein Gut dem Isaak”, während er den anderen Söhnen eine Abfindung durch Geschenke offerierte, bevor er sie wegschickte. Dahinter erkennen wir eine klare Selektion zu Gunsten von Isaak.

 

Wenden wir uns jetzt aber wieder unseren heutigen Kenntnissen aus der molekularen Genetik zu. Danach ist die biologische Evolution ein permanenter Prozess, der auf unserem Planeten schon seit etwa 4 Milliarden Jahren läuft. Biologisch gesehen ist nicht der Mensch oder allenfalls ein zukünftiger Supermensch das Ziel der Evolution, sondern ganz einfach die Lebensentfaltung in einer sehr reichhaltigen Vielfalt von Lebensformen. Dies wird dadurch erreicht, dass die Erbinformation nicht völlig stabil ist, sondern hin und wieder eine Veränderung erleidet. Viele solcher Veränderungen sind ungünstig und beeinträchtigen das Leben des betroffenen Organismus. Eher wenige der genetischen Veränderungen bringen Verbesserungen, Erleichterungen im sich Zurechtfinden mit den vorgefundenen Lebensbedingungen, was einer selektiven Bevorzugung entspricht.

 

Lange hat man angenommen, dass genetische Variation, d.h. spontan erfolgende Mutation, die Folge von Fehlern und Unfällen am Erbgut sei. Heute offeriert die molekulare Genetik eine andere Erklärung: hinter der Erzeugung von genetischen Varianten stecken uns bekannte Produkte von Genen, deren Funktion es in der Tat ist, für die biologische Evolution in der richtigen Dosierung genetische Varianten bereit zu stellen. In einem steten Abtasten der von allen Varianten vorgefundenen Lebensbedingungen wird schliesslich die Richtung bestimmt, in der die Zweige am Evolutionsbaum schrittweise weiterwachsen. Im übrigen vollbringen die Produkte von Evolutionsgenen die erwähnte Aufgabe der spontanen Bildung von Mutanten nicht allein, sie tun dies Hand in Hand mit vorgefundenen Umweltfaktoren. Dazu gehören gewisse chemische Stoffe und Strahlen, aber auch die naturgegebene Flexibilität der Strukturen biologisch aktiver Moleküle. Gewisse der identifizierten Evolutionsgene können mittels ihrer Produkte verhindern, dass im Genom allzu häufig Mutationen entstehen. Diese Evolutionsgene modulieren die Häufigkeit der Mutation. Die Produkte anderer  Evolutionsgene erzeugen von Fall zu Fall immer wieder neue genetische Varianten. Wir nennen diese Genprodukte Variationsgeneratoren.

 

Gesamthaft gesehen verfolgt die Natur gleichzeitig drei qualitativ verschiedene Strategien zur Erzeugung von genetischen Varianten. Eine dieser Strategien bringt lokale Veränderungen in der Erbschrift zu Stande, sei es dass ein oder wenige Buchstaben durch andere ersetzt werden oder dass einzelne Buchstaben entweder weggelassen oder neu zugefügt werden. Die resultierenden Punktmutanten verdanken ihre Entstehung vornehmlich der Variabilität physikalisch-chemischer Eigenschaften der Materie und anderen Umwelteinflüssen. Die von der ersten Art der erwähnten Evolutionsgene kodierten Reparatursysteme verhindern ein allzu häufiges Entstehen dieser Art von Mutanten. Eine zweite natürliche Strategie zur Erzeugung genetischer Varianten nutzt Genprodukte als Varationsgeneratoren. Diese verpflanzen mehr oder weniger lange Abschnitte innerhalb des Genoms. Häufig gehen dabei wichtige Genfunktionen verloren, aber hin und wieder finden sich zwei funktionelle Bereiche so zusammen, dass vorher nicht bestehende biologische Aktivitäten zu Stande kommen. Dies kann einen wichtigen Beitrag zur biologischen Evolution ergeben. Die dritte Strategie der Bildung von genetischen Varianten ist der auch Artenbarrieren überschreitende Transfer von Erbinformation von einem Lebewesen auf ein anderes. Häufig wirken dabei Viren als sogenannte Genvektoren. Selbstverständlich sind auch bei diesem Prozess Produkte spezifischer Gene beteiligt.

 

Zusammenfassend stellen wir also erstaunt fest, dass die biologische Evolution entgegen aller Erwartung von der belebten Natur selber aktiv mitgestaltet wird. Die dafür zuständigen Evolutionsgene befinden sich auf dem Genom jedes Lebewesens, zusammen mit den uns vertrauteren Genen, deren Produkte für die täglichen Lebensfunktionen des Individuums zuständig sind.

 

Was sagt das alte Testament über die Wertschätzung der Abfolge der Generationen und damit der biologischen Evolution? Der genetischen Variation und der Selektion sind wir schon in der im 1. Buch Mose beschriebenen Genealogie begegnet. Einen weiteren Hinweis auf das evolutive System des Lebens finden wir im 5. Gebot.

 

Lesung II: 5. Gebot

 

Ehre deinen Vater und deine Mutter, wie es dir der Herr, dein Gott, zur Pflicht gemacht hat, damit du lange lebst und es dir gut geht in dem Land, das der Herr, dein Gott, dir gibt.

 

Ich nehme mir heute die Freiheit, dieses schöne Gebot, das auch eine Stütze der ethisch verankerten Menschlichkeit ist, in einer für uns alle ungewöhnlichen Weise zu interpretieren. Dass man seine beiden Eltern ehren soll, denen man sein eigenes Leben und wichtige Teile der Erziehung verdankt, sollte uns Menschen eigentlich selbstverständlich sein, umso mehr, als dies nach dem Willen Gottes zu den Menschenpflichten gehört. Warum aber folgt im Nachsatz noch eine Begründung? Und warum verspricht diese Begründung ein langes Leben in Wohlfahrt?

 

Symbolhaft bedeuten Vater und Mutter die Vorfahren. Wir sind Teil einer langen Abfolge von Generationen und sind somit auch aktiv an der Evolution mitbeteiligt. Für diesen Prozess der biologischen Evolution sollten wir Ehrfurcht bezeugen, zunächst innerhalb der Menschengemeinschaft, im mehr allgemeinen Sinne aber auch gegenüber der gesamten Lebewelt, für die wir unsere Wertschätzung aufbringen sollen. Das Land, das der Herr, unser Gott uns geben möchte, ist die Zukunft. Dieses Land wird unseren Nachkommen und den Nachkommen aller anderer Lebewesen langfristig Lebensmöglichkeiten bieten, vorausgesetzt, dass wir den naturgegebenen Prozess der biologischen Evolution hochhalten und respektieren. In diesem Sinne wird das 5. Gebot auch zu einer Ermahnung für ökologisches Verhalten und Rücksichtnehmen.

 

Nach der Erschaffung der Welt und des Lebens sah Gott alles an und stellte befriedigt fest, dass alles sehr gut war. Dazu gehört auch die biologische Evolution, die Schöpfung als permanenter Prozess. Dazu gehören die vielen Gene, die dem Einzelleben dienen, aber auch die Evolutionsgene, deren Produkte die biologische Evolution mitgestalten. Wir wissen, dass genetische Variationsgeneratoren viel häufiger benachteiligende Mutationen erzeugen als evolutionär nützliche. Selbst Nützlichkeit ist hier ein relativer Begriff und hängt von Umfeld ab. So sind ja die vom Lebewesen vorgefundenen Lebensbedingungen in keiner Weise räumlich und zeitlich konstant. Das System ist offen, wobei sich aus der grossen Vielfalt der verfügbaren Varianten immer wieder Lebewesen finden, welche neu vorgefundene ökologische Nischen zu nutzen vermögen. In der Dynamik dieses Systems ist es langfristig kaum möglich, Vorhersagen über zukünftige Zustände zu machen. Die belebte Natur hat sich in der Vergangenheit selbst zu helfen gewusst. Sie hat spezielle Variationsgeneratoren und Modulatoren der Häufigkeit genetischer Variation entwickelt, die sich in langen Zeiträumen bewährt haben. Auch das hat Gott für gut befunden im Wissen, dass dadurch die langfristige Lebensentfaltung gesichert ist. Dafür bezahlt die Natur allerdings einen Preis: einzelne Lebewesen werden durch erlittene Mutationen mehr oder weniger stark behindert. Natürliche Selektion wird sie früher oder später aus den Populationen eliminieren.

 

Diese Betrachtung macht uns auf eine im System verhaftete Dualität von Gut und Böse aufmerksam, wobei diese zwei Begriffe wiederum kontextabhängig zu verstehen sind. Das diese Dualität nutzende evolutive System des Lebens ist aber als Gesamtsystem nach der Meinung Gottes gut. Die vorgefundene reichhaltige biologische Vielfalt ist ein wertiger Zeuge für diese Aussage. Ich stosse mit dieser Meinung absichtlich die fundamentalistische Haltung um, gemäss der Gott die Lebewesen einzeln erschaffen hätte. Diese auch heute noch weitherum verbreitete, auf traditionellem Wissen basierende Meinung führt im Lichte der Aussage, dass Gott alle seine Werke als gut befunden hat, zwangsläufig zur Auffassung, eine genetisch stabile und von Gott so geschaffene Lebewelt dürfe keine vom Menschen vorgenommenen genetischen Veränderungen erfahren, denn dies würde gegen den Willen Gottes verstossen.

 

Die heutige Gentechnik dient hauptsächlich der Grundlagenforschung in der Erkundung der Mechanismen biologischer Aktivitäten. Sekundär dient sie auch in zunehmendem Masse der Biotechnologie, in welcher erlangtes Wissen über biologische Funktionen zur Anwendung gebracht wird. In all diesen Fällen benutzt die Gentechnik die gleichen drei Strategien, welche wir als Quellen für natürlich entstehende genetische Varianten kennen gelernt haben. Dies sind erstens kleine lokale Veränderungen in der Abfolge der Bausteine des Genoms, zweitens abschnittsweise Umstrukturierung innerhalb des Genoms und drittens das Verpflanzen einzelner Abschnitte aus dem Genom eines Lebewesens in das Genom eines anderen Lebewesens. In jedem Falle handelt es sich um sehr kleine Teilbereiche des Gesamtgenoms, bei Bakterien weniger als 1%, bei höheren Lebewesen noch wesentlich weniger. Somit kann man bei gentechnisch veränderten Lebewesen wissenschaftlich nicht von neuartigen Lebewesen sprechen. Sie haben höchstens einige zusätzliche Eigenschaften erhalten oder auch einige Eigenschaften verloren.

 

Fragen wir uns abschliessend noch nach der ethischen Beurteilung von Projekten der Gentherapie am Menschen. Dabei geht es um die Möglichkeit, genetische Defekte durch Einschleusen von gereinigtem Erbgut, welches das betroffene Gen in seiner funktionstüchtigen Form enthält, zu kompensieren. Das Vorgehen ist zur Zeit sehr anspruchsvoll und noch in der frühen Versuchsphase. Ich denke, dass die von Jesus Christus gelebte Solidarität mit leidenden Menschen dabei als Wegleitung für unsere ethischen Überlegungen dienen kann. Warum sollen nicht wissenschaftlich Erfolg versprechende Verfahren die Not einzelner Menschen lindern, welche sozusagen Opfer der für die biologische Evolution so wichtigen Variationsgeneratoren geworden sind?

 

Die moderne Genetik und die neueren Erkenntnisse über Lebensprozesse lehren uns Ehrfurcht vor der so wunderbar etablierten genetischen Grundlage jeden Lebens. Daraus können wir auch Vertrauen und Zuversicht schöpfen in eine zukünftige evolutionäre Weiterentwicklung vielfältiger Lebensformen, so lange als Leben ermöglichende Bedingungen auf unserem Planeten erhalten bleiben.