Basler Zeitung 15.4.2000

Vom Stellwerk zur Rüstung: Basel einmal anders

«Transfiguration»: Modisch-künstlerisches Schauspiel in siebzehn extravaganten Bildern

Rechts vom Laufsteg wird auf einer riesigen Leinwand das Stellwerk am Bahnhof SBB von Herzog/de Meuron projiziert. Links eine Nahaufnahme des Gebäudes. Zwischen den Wänden treten drei Models ins Scheinwerferlicht. Ein Raunen geht durchs Publikum. Die gezeigten Kreationen sind unschwer
als künstlerisch-modische Umsetzungen des Stellwerks zu erkennen. Bronze beherrscht das Bild. Das Festungsartige des Baus kommt vor allem in der lockeren Rüstung voll zur Geltung. Der bronzene Gurt und das bronzene Décolleté über Lacklederkleidern geben steif, aber dennoch spielerisch Details des Werks wieder. Damit ist das hohe Niveau vorgegeben: Die an diesem Abend präsentierten Kreationen sind modische Kunst oder künstlerische Mode, wie es euch beliebt.

Zur Aufführung des Projekts «Transfiguration» hatte die Lehrwerkstatt für Damenschneiderinnen und -schneider der Berufs- und Frauenfachschule Basel in die Elisabethenkirche geladen. Transfiguriert wurden Basler Impressionen, von markanten Gebäuden über Sehenswürdigkeiten bis hin zu Graffiti oder dem Himmel über der Rheinstadt. Transfiguriert in mehr oder weniger tragbare Mode.

Himmel, Quallen und Lichter

Träumerisch schwebte das luftige Mini-Kleid aus wattigem Füllmaterial vorbei, genau wie seine Inspirationsquellen, die weissen Wolken am Himmel. Ein glanzvolles Unterwasser-Ballett führten die metallische Kapuzen-Hülle, das schleierartige Folienfransenkleid sowie der Ballonjupe auf - wie die Quallen im Zoo. Der Efeu wucherte am Etuikleid empor wie an so vielen Wänden der Stadt oder knöpfte den grünen Mantel zu, der zusätzlich mit braunen Zweigen verziert war. Seine zufälligen Strukturen spiegelte das gefrorene Wasser im blauen gebauschten Jupe kombiniert zum grauen Pelz-Bolero wider. Hinter einem «anzüglichen» Gitter gefangen war der einzige Dressman der Show, etwas steif auch die Lichter-Königin in nachtblauer Robe.

Serra, Tinguely und Graffiti

Dann eine unverkennbare Silhouette: Beinahe 1:1 schoss sich die «Rakete» des Dreiländerecks in modische Höhen, nicht anders die Serra-Plastik. Ganz konkret auch die Boa aus aufgeblasenen Kondomen und die mit Kondomverpackungen verzierten Jupes, Tops und Strümpfe - mit dieser «sichersten Mode der Welt» grüsste die Condomeria. Angedeutet dagegen nur der in Eis erstarrte Tinguely-Brunnen im langen Chasuble mit Kapuze oder im geflügelten, plissierten Hochzeitskleid. Schon wieder fast abstrakt der Skianzug - pink und grün wie die Kunsthallenwand gegenüber der Elisabethenkirche -, der sich dank Klett in verschiedenste Modelle verwandelte. Auch nur in den Farben und im Schwung der Schalkleider und Wickeljupes erkennbar die violetten und braunen Tags.

Bank, Bahnhof und Kirche

Der runde BIZ-Bank-Turm sowie die blaue Credit Suisse am Bankenplatz inspirierten zum Reifen-Röhren-Kleid inklusive passenden Kopfschmucks respektive zum mehr-eckigen, blauen Ballkleid. Die Fenster-Architektur des Botta-Baus am Aeschenplatz bestach im Verschluss des Mädchenkleides, im Saum des langen Trägerkleides, in der Taille des Oberteiles und des Overalls, untermalt noch vom gelungenen Streifendessin. Die gepunktete Plastikfolie über dem grünen Mini und dem «Schild»-Top war eindeutig das zu Stoff gewordene Peter-Merian-Gebäude am Ostbahnhof. Den Schlusspunkt setzte die Elisabethenkirche selbst, die allerdings bald «ausgezogen» wurde, wobei das in schwarze Spitze gehüllte Goldkleid immer noch genug heiligen Geist versprühte.
Andrea Maÿsek