Basler Zeitung, 15. April 2000

Von Langsamkeit und «Eigenzeit»

Am Donnerstagabend nahmen rund 200 Personen an einem Marsch der Langsamkeit teil, den die Stiftung Pro Rehab organisiert hatte. Anschliessend sprach der Philosoph Fritz Reheis über kreative Langsamkeit.

Ein langer Marsch, ein kurzweiliges Ereignis. So langsam sah man noch nie zweihundert Menschen die Freie Strasse hinaufgehen: Geführt von Pantomiminnen, die in ihren Gebärden Langsamkeit demonstrierten, und von zwei Frauen, die ein Transparent trugen, das den «Marsch der Langsamkeit» anzeigte. Viele Passantinnen und Passanten verstanden sofort, worum es ging, spontan schlossen sich einige dem seltsamen Zug an. Andere schüttelten die Köpfe und hasteten weiter.

Das hat die Stiftung «Pro Rehab» erfunden - damit wir endlich begreifen, dass hirnverletzte und querschnittgelähmte Menschen nicht aus einer Laune heraus ein langsameres Tempo anschlagen, und das hat sie uns drastisch vor Augen und Ohren und Füsse geführt.
Der «Marsch der Langsamkeit» endete in der Elisabethenkirche. Dort wurden die Leute von Stiftungspräsidentin Christine Wirz-von Planta empfangen. Markus Mäder, Chefarzt der Rehab Basel, wies darauf hin, dass es bereits einen klinischen Begriff gibt für Krankheiten, die auf den Verlust der Langsamkeit zurückzuführen sind: «Hurrysickness». Auf eben diese Krankheit zurückzuführen sind genau die Phänomene, die uns zurzeit bewegen - dies führte Gastreferent Fritz Reheis in seinem rundum schlüssigen Referat aus.
Zunächst ortet Reheis die Symptome: Rohstoffverschwendung, Bodenversiegelung - wir überholen das Tempo der Natur, indem wir sie ausbeuten. Dann stellt er, bezogen auf die Auswirkungen dieses Tuns auf die Menschen, die Diagnosen: Allergien, Krebshäufigkeit, Zeugungsunfähigkeit bei Männern, Ausgrenzung der Nichtleistungsfähigen. «Auch unser psychisches Immunsystem droht zusammenzubrechen.» Die aus diesem Begriff unmittelbar abzuleitende Kritik an den Praktiken der Wirtschaft führt Reheis bis zu Aristoteles zurück - dieser hatte eine «genügsame Wirtschaft» von einer Wirtschaft unterschieden, der es «um die Produktion um des Geldes willen» gehe.
Und was fangen wir nun damit an? «Diese Frage wird immer unmenschlicher beantwortet», findet der unbestechliche Rhetoriker Reheis. Und findet endlich zum Wort, das den Ausweg aus dem ganzen Schlamassel benennt: «Eigenzeit». Darunter sei die Zeit verstanden, die das je nach seiner Art Natürliche brauche, um sich zu formen und zu entwickeln.
Nach dem Vortrag kritische Fragen, Anmerkungen, Einwände aus dem Publikum. Ohne deren Inhalte im Einzelnen würdigen zu wollen - erstaunlich ist es schon, wie sich da die Gemüter und die Geister regen, ganz frei und ohne jede Angst, sich zu verhaspeln oder vielleicht etwas Dummes zu sagen. Ob das bereits die Wirkung der vorgeschlagenen Langsamkeit ist?
Zum Abschied spielte Lukas Rohner ein bezauberndes Solo auf bronzenen Schüsseln und Aschenbechern, einem Gong und einer Rahmentrommel. Mir fällt das Wort «Echtzeit» ein, ein Wort, das Studiomusiker gebrauchen, wenn sie andeuten wollen, dass das System ihnen folgen kann - oder umgekehrt. Wenn Lukas Rohner spielt, ist der Begriff ausser Kraft gesetzt - er musiziert in seiner «Eigenzeit».
Warum vergeht ein Abend, der sich mit Langsamkeit befasst, so schnell, obwohl er insgesamt über drei Stunden dauert?
David Wohnlich