Badische Zeitung, 11. März 2000 

Bebbis und Tiere in der offensten Kirche Europas

Der evangelische Pfarrer Felix Felix hat sich in der Basler Elisabethenkirche den Traum einer „jesuanischen Kirche“ erfüllt

Hund und Katz im Kirchengestühl, Schnitzelbängg und Piccolo-Pfeiffer vor dem Altar oder der deutsche Kabarettist Hanns Dieter Hüsch als Prediger: In der Offenen Kirche Elisabethen ist (fast) alles möglich. In dem denkmalgeschützten neugotischen Kirchenbau hinter dem Theater hat sich ein Schmelztiegel entwickelt. Schwule und lesbische Basiskirche, Fasnächtler, Kleinkünstler, Quartiersbewohner, freie Geister und „Normale“, New-Ager und Christen- das ganze Spektrum einer Stadt findet in diesem Konzept einen Platz.

Seit 1994 lebt der evangelische Pfarrer Felix Felix hier seinen „Traum von einer jesuanischen Kirche“, einer Kirche, die sich der Welt und allen ihren Facetten öffnet, die den Dialog und die Auseinandersetzung sucht, die gleichermassen provoziert wie integriert. Offene Kirche Elisabethen – das ist im doppelten Sinne Programm: Eine Kirche, die jeden Tag zwischen 10 und 21 Uhr geöffnet ist, in der zu jeder Zeit ein Mitarbeiter da ist, der ein offenes Ohr für die Anliegen der Besucher hat. Aber auch eine Kirche, die offen ist für alle „Spielarten“, für Tanz und Musik, Meditation oder Diskussion, Vorträge und Experimente.  „Eine Kirche, die den Mut haben muss, sich zu exponieren, zu demonstrieren und sich korrigieren zu lassen“, wie Pfarrer Felix Anfang 1998 das Konzept umriss.

Erste City-Kirche der Schweiz

Lange war unklar, was mit dem 1972 von der Gemeinde aufgegebenen Kirchenbau passieren sollte. Sogar über einen Abriss des vom Stiftungsgründer Christoph Merian erbauten Baus war diskutiert worden. Für zehn Millionen Franken wurde die Kirche schliesslich renoviert, ohne dass ein Konzept für die weitere Nutzung gefunden war. Bis 1994 die Idee von der ersten offenen City-Kirche der Schweiz geboren wurde. Ein Konzept, das Erfolg hat: Rund 10 000 Menschen finden jeden Monat bei den fast täglich stattfindenen Veranstaltungen den Weg in das offenen Gotteshaus, fast ein Viertel davon kommt aus der badischen Nachbarschaft.

Und die Café-Bar unter dem Treppenaufgang an der Kirchenseite ist zu einem beliebten Treffpunkt geworden. „Wir sind wahrscheinlich die offenste City-Kirche in Europa“ sagt Pfarrer Felix. Ob Dixieland oder Disco in der Kirche, Diavorträge über altgeorgische Kunst, Tier-Gottesdienst oder eine Schauspiel-Aufführung – es gibt kaum etwas, was nicht Platz im Kirchenschiff findet. „Wir wollen über die Konfessionsgrenzen Kultur, Soziales und Religiöses zusammenführen“, umschreibt Pfarrer Felix die Ziele seiner Gemeindearbeit. Während den traditionellen Kirchen die Jungen davonlaufen, findet das unkonventionelle Konzept der Offenen Kirche Elisabethen Zulauf: Rund 20 Prozent der Besucher, das hat eine Umfrage ergeben, sind bis 30 Jahre alt.

Katholiken sind auch dabei

Was für deutsche Verhältnisse eher ungewöhnlich klingt: Auch die Römisch-Katholische Kirche in Basel unterstützt das offene Konzept von Elisabethen. Seit Dezember 1998 hat die katholische Seelsorgerin Eva Südbeck-Baur von ihrem Vorgänger Peter Lack den Stab übernommen und betreut als Halbtagskraft die Arbeit der Kirche.

                                                                                                                                Hans-Walter Neunzig