Basler Zeitung

Donnerstag
20. Mai 1999

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Begegnung zwischen Jazz und Poesie

George Gruntz und Franco Ambrosetti in der Offenen Kirche Elisabethen

Majestätisch schweben die Trompetenklänge hoch zu den gotischen Bogen der Offenen Kirche Elisabethen. Rund 120 Leute sind am Dienstag gekommen, um Sili Togni, die Gedichte der argentinischen Dichterin Alfonsina Storni vorträgt, und das Jazzduo Franco Ambrosetti (Trompete) und George Gruntz (Flügel) zu hören. Das Duo setzt die Akustik fast wie ein eigenes Instrument ein. Die Stimmung ist intim, die Klänge rein. Im ersten Set präsentiert das Duo die Standards «Autumn Leaves» und «My foolish heart» neben zwei eigenen Kompositionen, die - intelligent arrangiert und brillant gespielt - subtil die ganze Bandbreite der beiden Meister aufzeigen.

Kennengelernt hätten sie sich als Kinder, zu Hause im Tessin, erklärt Franco Ambrosetti; George Gruntz sei für ihn wie ein älterer Bruder und die Freundschaft sei bis heute geblieben. Entsprechend rund klingt das Zusammenspiel, jeder Ton sitzt, und bei aller Virtuosität bleibt das Ganze abwechslungs- und variantenreich - nicht zuletzt durch die Wechsel von Ambrosetti, wenn er zum Flügelhorn greift oder einzelne Strophen mit dem Dämpfer vor der Trompete spielt.
Zwischen den einzelnen Songs, die unverstärkt gespielt sind, tritt die Schauspielerin Sili Togni ans Mikrofon und trägt Gedichte der legendären argentinischen Dichterin Alfonsina Storni vor. Franco Ambrosetti erklärt dazu: «Noch heute wird jeden Tag ein Rosenstrauss an ihrem Grab niedergelegt.» Kein Wunder, schrieb Torni - auf spanisch, notabene - Zeilen wie: «Warum die Liebe, frage ich, warum? Ganz einfach, um etwas Grosses, etwas Neues zu machen.» Auch die Biographie der Ende des 19. Jahrhunderts im Tessiner Bergdorf Sala Capriasca geborenen Poetin fasziniert: Früh stösst sie in Buenos Aires auf Widerstand, als sie sich für Frauenrechte einsetzt. Die «Poemas de Amor», die Silia Togni vorträgt, wurden 1926 publiziert und sprechen mit ironischem und zynischem Unterton gegen Männer, die bei den Frauen einzig Trost und Wohlbehagen suchen und im Gegenzug kaum bereit sind, ihren Geliebten etwas zu geben. Storni war eine Aussenseiterin, die wegen ihrer Veröffentlichungen ihre Jobs verlor und damals als unattraktiv - weil schwierig - galt, bis sie verarmt und krank ins Meer schritt, um nicht mehr zurückzukehren. Typisch für ihre Lyrik ist «Hombre Pequeñito», «kleiner Mann», in dem sie die Rolle der Frau mit einem eingesperrten Kanarienvogel vergleicht. Da heisst es: «Ich bin der Kanarienvogel, kleiner Mann, lass mich gehen.»
Musikalisch beschliessen George Gruntz und Franco Ambrosetti den Abend mit Arrangements und Kompositionen von Miles Davis. Zuerst die romantische Ballade «Some day my prince will come» aus «Snow White» und das variantenreiche «Milestones», von Davis selbst geschrieben. Ein stimmiger und spannender Abend geht unter grossem Applaus zu Ende. Für manche schade, dass sie kein Italienisch verstehen, doch die majestätische und brillante Musik in einer fantastisch klingenden Kirche war es sicher wert, interessante Dinge weltoffen zwischen dem Tessin und Basel zu entdecken.

Andy Strässle