Erschienen am: 09.03.2002

Skepsis und Ernst in Kinderaugen 

Eine Fotoinstallation in der Elisabethenkirche zeigt Bilder aus Afghanistan

Man spürt, mit diesen Kindern käme man nicht leicht ins Gespräch. Die Fotoinstallation von Fazal Sheikh in der Elisabethenkirche gibt einen berührenden Einblick in das Leid der vielen unschuldigen Opfer des Afghanistankrieges.  Foto Peter Armbruster


«Wenn zwei Stiere kämpfen, bricht sich das Kalb das Bein», hat Fazal Sheikh seine Ausstellung genannt und meint damit, dass bei jeder Auseinandersetzung der Starken und Mächtigen in erster Linie die Kleinen und Schwachen Leidtragende sind. Sie sind die Hauptdarsteller auf den Fotografien, die in der Elisabethenkirche gezeigt werden. Die Bilder stammen aus dem 1998 erschienenen Buch «Der Gewinner weint - Afghanistan», in dem der in Zürich und New York lebende Sheikh die Suche nach seinen Wurzeln in Afghanistan und das Finden des dortigen Elends dokumentiert, das das Land schon seit 23 Jahren kennt.
Ein leises Erschrecken erfasst einen im Augenblick, da man durchs Hauptportal den Kirchenraum betritt. Zwölf Augenpaare sind auf einen gerichtet, dunkle Augen in ernsten Kindergesichtern. Rechts heult ein kleines Kind, als ob es sich vor dem Besucher ängstigen würde, von links wird man mit Skepsis gemustert. Man spürt, mit diesen Kindern käme man nicht leicht ins Gespräch. Sie haben in ihrer Heimat schon zu viel erlebt und wurden zu oft enttäuscht, als dass sie einem Erwachsenen noch mit Offenheit und fröhlicher Neugierde begegnen würden. Wohl flackert noch kindliches Leben in manchen Augen, die Freude ist aber längst erloschen, kein Gesicht, das lacht.

Sträniges Haar, rissige Haut

Die in Leuchtkästen präsentierten quadratischen Porträts sind streng gehalten. Die Kinder werden frontal, in leicht sepiagetöntem Schwarzweiss porträtiert, der kurze Bereich der Schärfentiefe liegt auf Augen und Wangen, Mund und Nase sind schon weniger scharf gezeichnet, der Hintergrund verschwimmt in Unkenntlichkeit. Damit hat der Fotograf die Betonung ganz auf den Ausdruck gelegt und durch die Beleuchtung von hinten noch verstärkt. Fast beiläufige Details liefern weitere Informationen: geflickte Kleider, strähniges Haar und rissige Haut. Letztere trägt da und dort eine Schmutzschicht, doch nicht jene feuchtschmierige Kruste, die man sich beim Spielen holt, sondern feinen, trockenen Staub der Armut. Eine Erwachsenenhand streicht einem kleinen Mädchen übers Haar, doch dessen ängstlicher, unsicherer Blick straft das Schützende der Geste sogleich Lügen.
Auch der Ausstellungsort wirkt assoziativ. Mit der Hängung der Kinderbilder an den Seiten des Kirchenschiffes wird an die Stationen des Leidenswegs Christi in katholischen Kirchen erinnert, und wie dort sind es, wenn man die drei hinter dem Altar platzierten Fotografien mitzählt, 15 Bilder. Da fallen einem Worte ein, wie «was ihr dem Geringsten getan habt», oder man erinnert sich an Christi Aufforderung, wie die Kinder zu werden. Doch, wie diese Kinder in Afghanistan zu werden, ist keinem Menschen zu wünschen. Der Bezug zur Religion, auch im Datum der Ausstellung (während der Passionszeit), findet seinen Höhepunkt in den drei Bildern, die im Altarraum zum Panorama einer Hauptstrasse in Kabul gruppiert sind.

Schuttberge, Gebäudereste

Die Glasmalerei der Kirchenfenster darüber zeigt Epiphanie, Kreuzigung und Auferstehung. Das Triptychon darunter greift nur die mittlere Darstellung heraus und formt sie in moderne Sprache um. Golgatha, die «Schädelstätte», wird zu den Schuttbergen und Gebäuderesten Kabuls, deren gespenstisch in den Himmel ragende Mauerstümpfe ihr Gegenstück in den neogotischen Türmchen der Fensterbilder haben. Das Bild stammt aus dem Jahr 1996, «Ground zero» war dort schon lange vor dem 11. September - daran erinnern die berührenden Bilder von Fazal Sheikh. 
Dauer der Ausstellung: bis 27. April.

Von Boris Schibler



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