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Claude AnShin Thomas bei seinem Vortrag in der
Elisabethenkirche. Foto Tino Briner
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Beim ersten Mal musste er
erbrechen. Jede Faser seines Körpers rebellierte gegen das, was er getan
hatte. Das zweite Mal war weniger schlimm, und irgendwann fühlte Claude
AnShin Thomas nichts mehr, wenn er einen Vietnamesen umbrachte. Im Alter von
17 Jahren war er sich das Töten gewöhnt. «Es verlieh mir Macht in einer
Situation, in der ich völlig machtlos war», sagt Claude AnShin Thomas. «Es
gefiel mir.»
Er hätte an die Uni
gehen können, doch er wusste nicht, was er mit seinem Leben anfangen sollte.
Sein Vater sagte, das Militär würde ihn Disziplin lehren, also meldete er
sich 1966 freiwillig zum Dienst und wurde nach Vietnam geschickt.
Vom Helikopter aus feuerte
er im Tiefflug mit dem Maschinengewehr auf Menschen, fünf Mal wurde er
abgeschossen. Den letzten Absturz überlebte er schwer verletzt. Nach seiner
Genesung erhielt Claude AnShin Thomas eine Tapferkeitsmedaille und wurde -
noch keine 20 - wieder aus der Armee entlassen. Für ihn war der Krieg aber
noch lange nicht vorbei.
Schon zum dritten Mal
ist Claude AnShin Thomas auf Einladung der Offenen Kirche Elisabethen in
Basel. Er leitet den dreitägigen Oster-Retreat, am Gründonnerstag hat er in
der Elisabethenkirche einen Vortrag über Buddhas Lehre gehalten.
Unterschiede und
Gemeinsames
Die christliche und die
buddhistische Tradition hätten viel gemeinsam, sagt Pfarrer Felix Felix von
der Offenen Kirche Elisabethen. Das Mitgefühl, die Nächstenliebe seien in beiden
Lehren zentral, doch gebe es auch grundlegende Unterschiede. «Diese gilt es
zu akzeptieren und auszuhalten», sagt Pfarrer Felix. «Ich bin aber überzeugt,
dass man von anderen Traditionen viel lernen kann.» An Claude AnShin Thomas
schätze er besonders, dass dieser nicht wie ein Guru auftrete, sondern wie
ein Freund.
Gebraucht und
weggeworfen
In einem Alter, da
andere studierten, war Claude AnShin Thomas Kriegsveteran. Auch er versuchte
sich an der Uni, hielt es aber nicht lange aus. Das einzige Instrument, das
er kannte, war die Gewalt. Zu seinen Gefühlen hatte er keinen Zugang. Im
Dschungel von Vietnam hatte er geahnt, was sich nach seiner Rückkehr in die
USA bewahrheitete: Er passte nicht mehr in das bürgerliche Leben. Der
Wahnsinn war zu intensiv gewesen und hatte ihn für immer verändert.
Claude AnShin Thomas
fand keine Arbeit, weil niemand Vietnam-Veteranen einstellen wollte. «Wir
galten als verrückt», erzählt er. «Vielen Leuten gefiel die Idee des Krieges,
doch mit seinen Folgen wollten sie nichts zu tun haben.» Er hatte niemanden,
mit dem er sich hätte austauschen können. Das Gefühl der Leere wurde stärker,
irgendwann war es nur noch mit Drogen und Alkohol auszuhalten. Claude AnShin
Thomas landete - wie viele Vietnam-Veteranen - auf der Strasse.
Jahrzehnte der
Verwirrung
1990, nachdem Claude
AnShin Thomas im Krieg hunderte von Menschen und später beinahe auch sich
selbst umgebracht hatte, lernte er den vietnamesischen Mönch Thich Nhat Hanh
kennen. Ausgerechnet ein Vietnamese nahm ihn in seinem Leiden ernst und
ermunterte ihn, über seine Erfahrungen mit Krieg und Gewalt zu berichten.
Claude AnShin Thomas ging ins Zen-Kloster Plum Village in Frankreich und
setzte sich zum ersten Mal mit seiner Vergangenheit auseinander. 1995 wurde
er in den neu gegründeten Orden der Zen Peacemaker Priests aufgenommen.
«Man kann nicht in
einer Minute oder vor einer Minute leben», sagt Claude AnShin Thomas,
«sondern nur hier und jetzt.» Krieg sei der Kampf um Konzepte und
Standpunkte, der Krieg zwischen den Völkern könne nur enden, wenn der Krieg
in uns allen ende und wir Verantwortung für uns und die Welt übernähmen.
Claude AnShin Thomas hat die Stiftung «Zaltho» gegründet, um die vielen
Gesichter der Gewalt aufzuzeigen und «Hass, Gier und Unwissenheit in
Freundlichkeit, Güte und Gerechtigkeit umzuwandeln».
Oft habe er es als
Fluch angesehen, Vietnam überlebt zu haben, sagt Claude AnShin Thomas. Die
Tatsache, dass er mehr Glück gehabt habe als viele, auferlege ihm eine
Verantwortung: «Ich muss Stimme sein für alle, die gestorben sind, und
aufzeigen, dass Gewalt keine Lösung ist.» Ildiko Hunyadi
http://www.zaltho.org Letzter
Retreat-Tag in der Elisabethenkirche am Sonntag, 15. April, von 9 bis 14 Uhr.
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