Basler Zeitung 14.04.2001

 

Gewalt und Krieg haben unzählige Fratzen

 

Den Vietnam-Krieg hat Claude AnShin Thomas überlebt. Was danach kam, hat ihn fast umgebracht. Heute ist er Zen-Mönch und Priester des Zen-Peacemaker-Ordens. Claude AnShin Thomas möchte Gewalt bewusst machen, um sie zu beenden. Über Ostern weilt er in Basel. 

 

 

Claude AnShin Thomas bei seinem Vortrag in der Elisabethenkirche. Foto Tino Briner

 

 

 

Beim ersten Mal musste er erbrechen. Jede Faser seines Körpers rebellierte gegen das, was er getan hatte. Das zweite Mal war weniger schlimm, und irgendwann fühlte Claude AnShin Thomas nichts mehr, wenn er einen Vietnamesen umbrachte. Im Alter von 17 Jahren war er sich das Töten gewöhnt. «Es verlieh mir Macht in einer Situation, in der ich völlig machtlos war», sagt Claude AnShin Thomas. «Es gefiel mir.»
Er hätte an die Uni gehen können, doch er wusste nicht, was er mit seinem Leben anfangen sollte. Sein Vater sagte, das Militär würde ihn Disziplin lehren, also meldete er sich 1966 freiwillig zum Dienst und wurde nach Vietnam geschickt.
Vom Helikopter aus feuerte er im Tiefflug mit dem Maschinengewehr auf Menschen, fünf Mal wurde er abgeschossen. Den letzten Absturz überlebte er schwer verletzt. Nach seiner Genesung erhielt Claude AnShin Thomas eine Tapferkeitsmedaille und wurde - noch keine 20 - wieder aus der Armee entlassen. Für ihn war der Krieg aber noch lange nicht vorbei.
Schon zum dritten Mal ist Claude AnShin Thomas auf Einladung der Offenen Kirche Elisabethen in Basel. Er leitet den dreitägigen Oster-Retreat, am Gründonnerstag hat er in der Elisabethenkirche einen Vortrag über Buddhas Lehre gehalten.

Unterschiede und Gemeinsames

Die christliche und die buddhistische Tradition hätten viel gemeinsam, sagt Pfarrer Felix Felix von der Offenen Kirche Elisabethen. Das Mitgefühl, die Nächstenliebe seien in beiden Lehren zentral, doch gebe es auch grundlegende Unterschiede. «Diese gilt es zu akzeptieren und auszuhalten», sagt Pfarrer Felix. «Ich bin aber überzeugt, dass man von anderen Traditionen viel lernen kann.» An Claude AnShin Thomas schätze er besonders, dass dieser nicht wie ein Guru auftrete, sondern wie ein Freund.

Gebraucht und weggeworfen

In einem Alter, da andere studierten, war Claude AnShin Thomas Kriegsveteran. Auch er versuchte sich an der Uni, hielt es aber nicht lange aus. Das einzige Instrument, das er kannte, war die Gewalt. Zu seinen Gefühlen hatte er keinen Zugang. Im Dschungel von Vietnam hatte er geahnt, was sich nach seiner Rückkehr in die USA bewahrheitete: Er passte nicht mehr in das bürgerliche Leben. Der Wahnsinn war zu intensiv gewesen und hatte ihn für immer verändert.
Claude AnShin Thomas fand keine Arbeit, weil niemand Vietnam-Veteranen einstellen wollte. «Wir galten als verrückt», erzählt er. «Vielen Leuten gefiel die Idee des Krieges, doch mit seinen Folgen wollten sie nichts zu tun haben.» Er hatte niemanden, mit dem er sich hätte austauschen können. Das Gefühl der Leere wurde stärker, irgendwann war es nur noch mit Drogen und Alkohol auszuhalten. Claude AnShin Thomas landete - wie viele Vietnam-Veteranen - auf der Strasse.

Jahrzehnte der Verwirrung

1990, nachdem Claude AnShin Thomas im Krieg hunderte von Menschen und später beinahe auch sich selbst umgebracht hatte, lernte er den vietnamesischen Mönch Thich Nhat Hanh kennen. Ausgerechnet ein Vietnamese nahm ihn in seinem Leiden ernst und ermunterte ihn, über seine Erfahrungen mit Krieg und Gewalt zu berichten. Claude AnShin Thomas ging ins Zen-Kloster Plum Village in Frankreich und setzte sich zum ersten Mal mit seiner Vergangenheit auseinander. 1995 wurde er in den neu gegründeten Orden der Zen Peacemaker Priests aufgenommen.
«Man kann nicht in einer Minute oder vor einer Minute leben», sagt Claude AnShin Thomas, «sondern nur hier und jetzt.» Krieg sei der Kampf um Konzepte und Standpunkte, der Krieg zwischen den Völkern könne nur enden, wenn der Krieg in uns allen ende und wir Verantwortung für uns und die Welt übernähmen. Claude AnShin Thomas hat die Stiftung «Zaltho» gegründet, um die vielen Gesichter der Gewalt aufzuzeigen und «Hass, Gier und Unwissenheit in Freundlichkeit, Güte und Gerechtigkeit umzuwandeln».
Oft habe er es als Fluch angesehen, Vietnam überlebt zu haben, sagt Claude AnShin Thomas. Die Tatsache, dass er mehr Glück gehabt habe als viele, auferlege ihm eine Verantwortung: «Ich muss Stimme sein für alle, die gestorben sind, und aufzeigen, dass Gewalt keine Lösung ist.»  Ildiko Hunyadi
http://www.zaltho.org Letzter Retreat-Tag in der Elisabethenkirche am Sonntag, 15. April, von 9 bis 14 Uhr.