Basler Zeitung, 18. März 2000

Schwul und Christ - keine Sünde

Am Sonntagabend findet in der Offenen Kirche Elisabethen der 100. Gottesdienst der lesbischen und schwulen Basiskirche Basel (LSBK) statt. Die Initianten leisteten mit der Gründung dieses Vereins schweizweit Pionierarbeit. Die Akzeptanz ist gross, nur bei wenigen stösst die LSBK auf Widerstand.

Zig Kerzen flackern in der Elisabethen-Kirche, sorgen für eine intensive, besinnliche Stimmung. Die Kirchenbänke sind weitgehend leer, im Raum zwischen der ersten Reihe und der Kanzel sind Stühle in einem Halbkreis platziert. In intimer, beinahe privater Atmosphäre sitzen rund 70 Personen, vorwiegend männlichen Geschlechts. Untermalt von den Klängen einer akustischen Gitarre wird leise gesungen: «Ich lobe meinen Gott, der mir die Fesseln löst, damit ich frei bin» und «Ich lobe meinen Gott, der mir mein Schweigen bricht, damit ich rede». Die Worte dieses bekannten Kirchenliedes gewinnen bei den meisten Anwesenden dieses Gottesdienstes eine ganz besondere Bedeutung: Sie sind homosexuell.

Abendmahl mit Geistlichen

Im Rahmen der Lesbischen und Schwulen Basiskirche Basel (LSBK) feiern sie jeden dritten Sonntag im Monat ihre religiöse, christliche Spiritualität unter ihresgleichen. Der Gottesdienst wird jeweils von Angehörigen der LSBK vorbereitet und gestaltet. Dadurch ist kein Gottesdienst wie der andere - mal eher fromm, mal eher kreativ und offen, mal kommt die Sexualität zur Sprache, mal überhaupt nicht. Abendmahl oder Eucharistie zählen nebst liturgischen Elementen zu den festen Eckpfeilern, die jeweils zusammen mit einem Geistlichen durchgeführt werden. Eva Südbeck-Bauer etwa feierte im vergangenen Herbst ihre Einsetzung in der Offenen Kirche Elisabethen aus Solidarität an einem lesbisch-schwulen Gottesdienst.
Die Gründung dieser besonderen, ökumenischen Gottesdienstgemeinschaft liegt nunmehr neun Jahre zurück. Damals initiierte der Basler Urs Mattmann zusammen mit seinem Lebenspartner und vier weiteren Schwulen die LSBK. Zuvor hatte sich Mattmann bereits jahrelang für homosexuelle Menschen in der Kirche engagiert, war Mitbegründer der Schweizer Arbeitsgruppe «Homosexuelle und Kirche» und der Schwulen-Tagungen im Evangelischen Tagungszentrum Leuenberg. «Ich spürte mit der Zeit immer mehr, dass mir dies nicht genügte - Gesprächsgruppen haben ihre Grenzen», erklärt der 40-Jährige rückblickend. «Lebendige und heilende Spiritualität verlangt danach, gefeiert zu werden.»

Pionierarbeit in der Schweiz

Positive Beispiele von lesbisch-schwulen Basiskirchen in den USA, England und Deutschland führten dazu, dass Mattmann sich für ein weiteres Pionierprojekt in Sachen Homosexualität und Kirche in der Schweiz einsetzte. Am ersten Gottesdienst, der auf Grund der Renovationsarbeiten in der Kirche im dazugehörigen Refektorium durchgeführt wurde, nahmen 13 Personen teil. Heute zählt der Verein knapp 50 Mitglieder, rund 100 Personen besuchen den Gottesdienst regelmässig; ein Erfolg, der nun auch verwandte Gruppen in anderen Schweizer Städten hervorgerufen hat.
Weshalb aber braucht es einen lesbisch-schwulen Gottesdienst? Wird damit nicht für eine Ausgrenzung statt für eine Integration gesorgt? «Viele im Glauben stehende und suchende homosexuelle Menschen finden den Weg in <gewöhnliche> Gottesdienste nicht. Einige sind verletzt von Erfahrungen mit homophoben Kirchenleuten, andere befremdet das ausschliesslich heterosexuelle Weltbild, das die Predigt, Liturgie und Theologie der meisten Kirchen durchzieht», erklärt Urs Mattmann.

Vor schwieriger Wahl

Davon kann der 41-jährige Günter Baum ein Liedchen singen. Während zwanzig Jahren war der Nürnberger Mitglied einer konservativ-evangelikalen Bewegung. «Dort versuchte man mir klarzumachen, dass die Homosexualität auf ein schlechtes Verhältnis zum Vater und auf eine starke Bindung zur Mutter zurückzuführen und somit heilbar sei.» Durch «Gebetstherapien» versuchte Baum von seiner, von den fundamentalistischen Gruppen als Sünde verurteilten Homosexualität loszukommen. Doch alle Versuche scheiterten.
«Je länger je mehr wurde mir bewusst, dass ich vor der Wahl stand: Entweder ich bin fromm, <asexuell> und psychoneurotisch oder ich lebe als Christ mein Schwulsein und bin psychisch gesund», erklärt Baum. Nachdem er von der LSBK in Basel vernommen hatte, führte ihn seine Sehnsucht nach Spiritualität hierher. «Ich empfinde Basel als sehr liberale Stadt und führe hier endlich ein ausgeglichenes Leben voller Selbstbewusstsein.»

Keine Verurteilung durch Gott

Baum ist heute sichtlich froh um seinen damaligen Entscheid und lehnt die seelsorgerischen Methoden, die ihm bei dieser fundamentalistischen Bewegung widerfahren sind, kategorisch ab. Ebenso distanziert er sich von der Haltung des Vatikans gegenüber der Homosexualität. «Unglaublich, was für ein Potenzial sich die Kirche damit entgehen lässt!», lautet sein Statement.
Dieser Aussage schliesst sich ein lesbisches Pärchen, das anlässlich des Gottesdienstes extra den Weg von Luzern nach Basel auf sich genommen hat, an: «Der Katholizismus des Vatikans ist für mich nur ein Wort, nicht ein Glaube. Er geht völlig an der heutigen Zeit vorbei», erklärt eine der beiden Innerschweizerinnen bestimmt und fährt fort: «Ich glaube an Gott und bin mir sicher, dass er meine Sexualität nicht verurteilt.» Dass diese Meinung nicht von allen Gläubigen geteilt wird, macht ein Besuch auf der Homepage der LSBK klar. Im Forum finden sich einige kritische Äusserungen von Gegnern wieder. «Sünder sind wir alle, aber gleich eine Kirche aufzumachen, das ist schon krass. Vielleicht machen die Ladendiebe oder Kinderschänder auch bald eine Kirche auf und verdrehen die Bibel so, dass dieses o.k. wäre vor Gott», schreibt etwa ein erzürnter Surfer.

Es gibt noch immer einige Gegner

Für Urs Mattmann ist klar, dass er sich von solchen Leuten nicht verbieten lassen will, seinen eigenen spirituellen Weg gehen zu können. «Wenn man will, kann man die Bibel für alles missbrauchen, wie etwa die Homosexualität verurteilen oder eine anerkennende Begründung für die Sklaverei darin finden.» Solche Konfrontationen mit Gegnern erfahren die Mitglieder der LSBK heute aber eher selten.
Auch Pfarrer Felix Felix von der Offenen Kirche Elisabethen stellt kaum negative Reaktionen fest. Und wenn, dann stammen diese zumeist von Gläubigen von der Basis, die den rechten Flügeln der Landeskirchen angehören. «Diese handeln zum Teil aus Unwissen heraus, sind der Meinung, dass man schwul nach Wahl werde. Zumeist sind es ängstliche Menschen, die mit der Tatsache, dass Homosexuelle ein Bestandteil unserer Gesellschaft sind, nicht umgehen können.» Mit Gesprächen versucht der Pfarrer die Ängste zu nehmen und die besorgten Gläubigen aufzuklären.

Jesus in schwulem Umfeld

«Ein grosses Mehr der Kirchen-Obrigkeiten ist erfreulicherweise sehr positiv gegenüber der LSBK eingestellt», erklärt Felix Felix. Dies bestätigt Urs Mattmann. «Ein katholischer Dekan war schon in einem Gottesdienst, auch der reformierte Kirchenratspräsident feierte mit uns ein Abendmahl.»
Für wichtige Auseinandersetzungen dürfte im Mai die Ausstellung «Ecce homo» in der Offenen Kirche sorgen. Gezeigt werden Fotos von Jesus in einem homosexuellen Umfeld. «Klar, wir werden anecken. Doch Jesus selbst erging es nicht anders», erklärt Felix Felix. «Es gab im Übrigen mal ein interessantes Buch mit dem Titel: <Was die Bibel über Homosexualität sagt>. Der Inhalt bestand aus 100 leeren Seiten ...»
An diesem Sonntag wird in der Elisabethen-Kirche der 100. lesbisch-schwule Gottesdienst gefeiert. Wie immer steht er Angehörigen aller Konfessionen, ob homo- oder heterosexuell, offen.
Marc Krebs

Kontakt: Lesbische und Schwule Basiskirche Basel, c/o Urs Mattmann und Emanuel Grassi, Friedensgasse 72, 4056 Basel.
Internet: http://www.offenekirche.ch/LSBK

100. Gottesdienst: Sonntag, 19. März, 18 Uhr in der Offenen Kirche Elisabethen, anschliessend Teilete mit Essen und Trinken in der Kirche.