Kunst in der Elisabethenkirche

 

Basler Zeitung 

Erschienen am: 28.06.2001

 

Kunst in der Kirche mit und ohne Jubiläumsanlass 

 

«Von Liebe wegen»: Niklaus-von-Flüe-Installation im Münster, Christiane Kubisch und Madeleine Dietz in der Elisabethenkirche

 

 

 

 

 

Der Nationalheilige Niklaus von Flüe ist in den vergangenen Jahrhunderten vor manchen Karren gespannt worden. Zum Anlass des 500-Jahr-Jubiläums des Bundes zwischen Basel und der Eidgenossenschaft scheint die Zeit reif, sich einmal mehr seiner zu erinnern. Die markante Rauminstallation «Von Liebe wegen» im Chor des Basler Münsters stellt allerdings weniger die konkreten Verdienste von Niklaus um die Eidgenossenschaft ins Zentrum, sondern fragt nach dem heutigen Wert von Werten wie Gehorsam, Gerechtigkeit und Ehre - Worte, die Niklaus von Flüe in einem Brief an den Rat von Bern richtete, der nunmehr im Lichte unseres heutigen Gemeinwesens neu besehen wird. - Wie der Text des vom 4. Dezember 1482 datierten Briefes für uns Heutige schwer zu verstehen ist, scheinen auch die daraus gewonnenen Fragen von eher allgemeinem Charakter: Wie lassen sich Gehorsam vor Gott und Unterwerfung unter eine Gemeinschaft in einer so ausgeprägt individualisierten Gesellschaft wie der unseren leben?
Wie an diesem Ort vielleicht nicht anders zu erwarten, wird das unbedingte christliche Glaubensbekenntnis Niklaus', der bekanntlich Frau und Kinder verliess, um Einsiedler zu werden, unterschwellig als Lösung für so manchen Zwiespalt unseres Gemeinwesens angeboten. Einer weiteren Instrumentalisierung der historischen Figur wird aber nicht Hand geboten. Kritische Geister werden vor allem an der sehr ansprechend gestalteten Installation in der Krypta Gefallen finden, die einerseits den Lebensweg von Niklaus und seiner Frau Dorothea nach neuesten Erkenntnissen nachzeichnet und andererseits räumlich die Enge der Einsiedlerklause zu vermitteln sucht.

Küssender Engel

Ohne jedwelche Verbindungen zu Jubiläumsfeierlichkeiten zeigen die Künstlerinnen Madeleine Dietz und Christiane Kubisch Installationen in der Elisabethenkirche. Kubisch hat eine subtile Licht-Klang-Installation geschaffen: Zwischen Empore und Treppenhaus schwebt eine weisse Gestalt, deren ephemere Erscheinung von einem Windgeräusch begleitet wird. Wie von einem Engel geküsst, schweben wir auf die Empore weiter und die Schwere des irdischen Daseins holt uns schnell auf den Boden zurück: «Auf makellosem Weg ging er», verheisst dort eine Grabinschrift, die in fluoreszierender Schrift auf Plexiglas angebracht ist. Die Grabinschriften der insgesamt zwölf Tafeln sind je nach Lichteinfall stärker oder schwächer erkennbar - ein Verweis auf die Flüchtigkeit des menschlichen Lebens, das auch im Erinnern nicht festgehalten werden kann. Störend wirkt die dominante Apparatur der Schwarz-Licht-Lampen, welche die bloss auf den Boden gestellten und angelehnten Tafeln beinahe zu erdrücken scheint.

Traurige Erde

Gegen die Architektur der imposanten Kirche hat sich indessen die Bildhauerin Madeleine Dietz zu behaupten. Die Skulptur «Kein Brunnen» in der Mitte des Raumes platziert, besteht aus aufgeschichteten Erdstücken, die wohl einem Brunnen ähnlich sehen, der aber kein Wasser führt und somit funktionslos geworden ist. In der traurigen Anhäufung des Materials lässt sich ein Sinnbild der menschlichen Existenz erkennen: Für was und zu welchem Zweck leben wir? Maliziöserweise liesse sich diese Frage angesichts der relativen Wirkungslosigkeit der Skulptur Dietz' und auch ihrer Wandprojektionen menschlicher Gestalten in diesem überdimensionierte Raum auch für die Kunst an diesem Ort stellen: Für was und zu welchem Zweck? Claudia Pantellini
Dauer der Ausstellung im Münster: bis 26. August. Dauer der Ausstellung in der Elisabethenkirche: bis 26. August (Sommerpause vom 1. bis 16. Juli).