Stadtansichten

Basler Zeitung 7-10-2000

«In Basel war es immer möglich, neue Ideen zu lancieren»

Er scheut sich nicht, im Zusammenhang mit der Kirche Worte wie Marketing oder Geld in den Mund zu nehmen: Felix Felix, evangelischer Pfarrer, Initiant und Mitbegründer der ersten City-Kirche der Schweiz, der Offenen Kirche Elisabethen in Basel. Sein oberstes Anliegen: Gotteshäuser für Menschen und ein Christentum für das Hier und Jetzt.

BaZ: Felix Felix, in letzter Zeit haben Sie sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Warum?

Felix Felix: Die Offene Kirche Elisabethen war vor sechs Jahren etwas Neues, und deshalb waren die Medien auch stark daran interessiert. Uns wurden von den Medien zwei Jahre lang die Türen eingerannt. Die meisten unserer Angebote sind mittlerweile bekannt.

Sie sind der Initiator und Mitbegründer der ersten City-Kirche der Schweiz, des Forschungslabors der Kirche, wie Sie sie genannt haben. Wie sieht die Bilanz nach sechs Jahren aus?

Wir konnten, glaube ich, eine etwas anders geartete kirchliche Kultur aufbauen, die gerade in der Zeit, da die Kirche einen Schrumpfungsprozess durchläuft, als Modell dienen kann dafür, wie sich eine Kirche mehr an den Bedürfnissen der Menschen und am Puls der Zeit orientieren kann. Wir haben in der reformierten Kirche eine Spar-Runde von 15 Prozent, die alle Bereiche betrifft, und ich sehe, dass viele Kollegen und Kolleginnen dies als Herausforderung betrachten, ihre eigenen Angebote und ihr Kirchesein zu überprüfen. Und allenfalls Angebote zu entwickeln, die den Bedürfnissen der Stadtbevölkerung deutlicher entgegenkommen. Durch den Mitgliederschwund sind wir nicht mehr ein Machtapparat, wie es im Wort Staatskirche anklingt. Wir haben eine andere Rolle, und dies befreit uns von vielem und hilft uns auch, neue Ideen zu entwickeln. Vor 10 oder 15 Jahren hatte die Kirche noch ein ganz anderes Selbstverständnis und eine andere Vorstellung davon, was in einer Kirche möglich sei und was nicht. Da haben wir von der offenen Kirche schon eine gewisse Vorreiterrolle innegehabt. Ich glaube, es hat kirchenintern mehr Mut für neue Projekte gemacht, in Basel und auch schweizweit. In diesem Sinne ist die Offene Kirche Zeichen eines Prozesses, in dem sich die Kirche heute befindet.

Geht es darum, das Angebot der Kirchen der Nachfrage anzupassen, um Event-Marketing im Kirchenbereich quasi?

Wenn die Arbeit der Offenen Kirche als Eventmarkteting bezeichnet wird, fühle ich mich verstanden. Eine Umfrage vor zwei Jahren hat ergeben, dass lediglich sieben Prozent der Bevölkerung unserer Arbeit negativ gegenüberstehen. Ich empfinde mich als Missionar, keine Frage, aber ich verstehe mich nicht als Missionar, der Leute bekehren will, das kann ich nicht. Ich versuche einfach, jüdisch-christliche Inhalte so zu kommunizieren, dass sie ankommen. Ich habe einen unternehmerischen Geist in mir, und wie eine Firma auch, versuche ich Inhalte unserer uralten christlichen Tradition nach aussen zu kommunizieren. Eventmarketing ist für mich nur die äussere Form. Wir haben beispielsweise vor kurzem eine Ländlermesse gefeiert, mit Ländlerkapelle und allem Drum und Dran. Das war natürlich eine Art Event, aber bei diesem Event ging es um den Versuch, Inhalte aus der christlichen Tradition zu kommunizieren und ihre ethischen Grundsätze zu diskutieren. Es war ein Event, aber einer mit Inhalt - das ist mir wichtig. Ich will das mal so formulieren: Wir versuchen einfach das, was wir zu sagen haben, auch als Event zu kommunizieren.

Was ist Ihre Rolle als Pfarrer in Basel?

Es ist natürlich in gewissen Bereichen die Rolle eines Vorreiters, aber ich arbeite hier mittlerweile mit vielen anderen Vorreitern und Vorreiterinnen zusammen. Ich bin ein Teil vom Ganzen. Wir von der Offenen Kirche haben damals einfach ein Feld gepflügt, das brachlag. Aber ich bin nicht nur ein Vorreiter, sondern auch ein ganz normaler Dorfpfarrer im Zentrum von Basel.

Basel ist ein Dorf?

Jede Stadt hat in den Quartieren auch dörfliche Strukturen, und wir hier versuchen, Impulse aufzunehmen, die in der Innenstadt anbranden und auftauchen. Wir werden uns zum Beispiel immer nur am Rand mit Drogen beschäftigen müssen, denn dieses Thema ist hier in der Innenstadt nicht akut, das muss dann in andern Quartieren vermehrt gemacht werden.
Wir sind Mitglied von Pro Innerstadt, stehen hier als Kirche und machen unser Angebot in Ergänzung zu anderen Angeboten. Wir als Kirche haben genauso ein Angebot wie unsere Nachbarin, die Bank. Es gibt Momente, da brauche ich eine Bank. Da wäre ich in der Kirche völlig am falschen Ort. Und es gibt Momente, da brauche ich jemanden, der mir zuhört. Da wäre ich in der Bank völlig am falschen Ort. Wir spielen in der Symphonie dieser Stadt mit und haben nicht das Gefühl, jetzt quasi vom lieben Gott bestätigt, das Einmalige und Besondere zu haben. Natürlich ist unser Produkt, die jüdisch-christliche Tradition, ein einmaliges und besonderes Produkt. Aber andere Betriebe haben auch ihre einmaligen Produkte anzubieten.

Der Glaube als Produkt?

Ich benutze diese Worte absichtlich. Denn aus meiner Sicht ist die Kirche lange aufgetreten, als hätte sie nichts mit dieser schmutzigen Welt zu tun - und schon gar nicht mit Geld. Wenn die Kirchensteuern fliessen, mag es ja angehen, dass man sich hochstehenden Theorien zuwendet. Ich denke aber, dass die Kirchen nicht zuletzt durch den Schrumpfungsprozess nun langsam auf dieser Erde angekommen sind. Dieser Prozess zwingt uns dazu, nochmals mit einer anderen Brille zu durchleuchten, was wir überhaupt anzubieten haben und warum wir was machen. Das Marketingdenken ist da eine Brille, durch die man das Ganze betrachten kann - nebst der marxistischen oder feministischen Brille, durch die man unseren guten alten Laden, die Kirche, auch sehen und sich dabei überlegen kann, was wir denn zu bieten haben. Meine Antwort: Wir haben ein Angebot von Stille, von Seelsorge, von Handauflegen, Ritualen, Meditationen beispielsweise. In der Marketingsprache sind dies Produkte. Das tut den Inhalten aber keinen Abbruch. Das ist eine Art der Wahrnehmung. - Ich selber litt unter der Haltung einer Kirche, die abstrakt einfährt. Man darf nicht hinterfragen, was die Kirche bietet und in welchen teils langweiligen Formen. Ich verstehe die Offene Kirche Elisabethen als eine Art Gegenbewegung zu der weltfremden, weltfernen Kirche, die viele von uns erlebt haben. Diese Haltung manifestiert sich schon in den Kirchengebäuden selber. Unsere schöne neugotische Kirche beispielsweise: Ihre Architektur spricht von einem sehr fernen, sehr anderen Gott. Aber Jesus hat mit den Leuten auf der Strasse diskutiert und mit ihnen getrunken und gegessen. In diesem Sinne nutzen wir die Kirche gegen die Botschaft ihrer Architektur.

Wie sieht Ihre Arbeit als Pfarrer der Offenen Kirche konkret aus?

Ich habe eine Brückenfunktion. Ich vermittle einerseits die Tradition: Bibel, Glaube, und andererseits stehe ich für die Stadt ein mit ihrer lebendigen Widersprüchlichkeit und versuche Brücken zwischen diesen beiden Welten zu schlagen. Die Offene Kirche unterstützt natürlich auch Ideen, die an sie herangetragen werden, und ist so in einem gewissen Sinne zu einer Schaltstelle geworden.
Als vor ein paar Jahren beispielsweise eine Heilerin auf mich zugekommen ist, habe ich gemerkt, hier kann man eine Brücke schlagen, uralte Traditionen in einer neuen Form praktizieren. Jesus war ja auch Heiler. Handauflegen und Beten sind eine Unterstützung, die wir bieten können in Ergänzung zu Ärzten und Psychiatern. Ich hatte schon früher realisiert, dass wir diese biblische Tradition völlig vergessen hatten und die Leute einfach ins Spital abschoben. So ist eine Veknüpfung mit Tradition und alltäglichem Bedürfnis zustande gekommen. Meine Rolle dabei war es, die Links herzustellen. Konkret heisst das unter anderem Telefonate führen, Sitzungen machen, Leute mobilisieren und die ehrenamtlichen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen unterstützen.

Was unterscheidet Sie von einem «normalen» Gemeindepfarrer?

Ich bin entlastet von den Kasualien, habe also selten Hochzeiten, Abdankungen oder Taufen, und meine katholische Kollegin Eva Südbeck-Baur und ich können mit der Zeit, die uns dadurch bleibt, Projekte initiieren und aufbauen, für die anderen Kollegen und Kolleginnen die Zeit fehlt.

Seit 18 Jahren leben Sie in Basel. Wie beurteilen Sie diese Stadt?

In Basel war es immer möglich, neue Ideen zu lancieren. Sicher wurden diese auch mit Skepsis aufgenommen. Aber schliesslich und endlich gab es Kräfte in dieser Stadt, die bereit waren, neue Versuche zu wagen. Auch bin ich glücklich, in einer Stadt zu leben, deren Regierung ein Migrationsleitbild vertritt, von dem sich manche andere Stadt eine Scheibe abschneiden könnte. Den Versuch der Regierung, zusammen mit der Bevölkerung ein Konzept für eine Stadtplanung - beispielsweise für familienfreundlichen Wohnraum - zu schaffen, finde ich toll. Gefreut hat mich bei der Kundgebung gegen Rassismus, dass von Seiten der Polizei öffentlich versichert wurde, dass man hinter unserem Anliegen stehe. Basel ist bedingt durch seine Grösse sehr übersichtlich. Man weiss schnell, an wen man sich wenden kann, wenn man eine gute Idee hat. Deshalb bedauere ich, dass Basel an einer Art Minderwertigkeitskomplex zu leiden scheint. Ich habe das Gefühl, dass Basel sich oft mit Zürich, Berlin oder New York vergleicht. Ich denke, Basel hat einen urbanen Touch und ist, bedingt durch die Nachbarschaft zu Frankreich und Deutschland, eine kosmopolitische Stadt. Aber Basel ist kein Riesenmega-Ding und braucht nicht ein Riesenmega-Musical oder ein Riesenmega-Sonstwas, um dann im Minimum so gut zu sein wie Zürich oder Berlin. Ich finde, man kann absolut stolz sein, in einer weltoffenen, kosmopolitischen Provinzstadt zu leben.

Werden Sie in Basel bleiben?

Ich würde gerne bis an mein Lebensende in dieser Stadt bleiben. Ich bin hier sehr wohlwollend aufgenommen worden. Ich bewundere meine Kolleginnen und Kollegen, die das Projekt Offene Kirche gutgeheissen haben, auch als die Offene Kirche Schlagzeilen machte, während sie oft im Schatten blieben. Auch dass die Stadt bereit war für eine verrückte Idee - 1988 war das ja noch eine verrückte Idee - ist nicht selbstverständlich. Ich denke, hätte ich so ein Projekt in Zürich initieren wollen, wäre es viel schwieriger gewesen. Sehen Sie, jetzt komme ich selber wieder mit Zürich als Vergleich (lacht). Sagen wir dort, wo die Staatskirche noch sehr viel gilt und noch sehr behäbig ist. Von daher kann ich zu Basel nur sagen: herzlichen Dank. Es war eine Chance für mich, für die Offene Kirche und, so hoffe ich mal, auch für Basel.
Trotzdem - es ist gut, wenn man nach einer gewissen Zeit auch noch etwas anderes macht. Das liegt aber noch in weiter Ferne. Ich wohne sehr gerne hier. Ich weiss nicht, wie alles herausgekommen wäre, wenn ich hier aufgewachsen wäre. Das ist in Baden geschehen, und nach Baden gehe ich nun bestimmt nicht mehr zurück.


Interview Patrizia Derungs