Dean Predigt

Martin R. Dean predigt

Am Sonntag, 22. September, predigte Martin R. Dean um 10.30 Uhr in der Elisabethenkirche.

Predigtthema: Über Väter

Kirchen sind mütterliche Häuser. Ob Moscheen, Synagogen, katholische oder
protestantische Gebäude, sie schliessen den Himmel mit der Gebärde
geschlossener Hände ab. In diesen Mutterhäusern findet seit alters ein
heftiger Transfer zwischen einer übergeordneten väterlichen Instanz und den
Zuhörerinnen und Zuhörern statt. Im Mittelpunkt steht das Wort im Geiste
väterlicher Zuweisung und Ermächtigung, das eine nachhaltige Übertragung in
Gang setzt. Wer immer hier sitzt und lauscht, wird als Tochter oder Sohn
des himmlischen Vaters angesprochen. An dessen Ursprung und Anfang aber war
das Wort.
Sohn eines himmlischen Vaters zu sein, diese Möglichkeit habe ich für mich
nicht in Anspruch genommen. Wie hätte ich mich auch noch mehr zum Sohn
machen wollen, da ich bereits zwei Väter besass. Einer davon war Arzt und
definierte mit seinen Worten Krankheiten, die er zu heilen versuchte. Er
starb vor fünf Jahren. Den anderen, leiblichen Vater lernte ich erst vor
vier Jahren kennen; kurz vor unserem ersten Zusammentreffen hatte er bei
einem Hirnschlag seine Sprache für immer verloren. Vergrub seine und meine
Geschichte in seinem Schweigen. Deswegen interessiert mich, was vaterlose
Söhne sind, wie vaterlose Söhne zu(m) Wort kommen ­ und was sie tun, um den
fehlenden Vater zu ersetzen.
Bevor der Mensch in die Kirche kommt, kommt er zur Welt. Die ersten Worte,
die er hört, sind in der Regel Mutterworte. Muttergeflüster, das ihn
einlullt wie Singsang, das ihm einen zweiten, schützenden Körper um den
Körper legt. Mutterworte wie echowerfende Kirchengewölbe. Mutterworte, die
den Kinderkörper akustisch formen, ihn im Weltgesang willkommen zu heissen.
Später dann kommen die ersten Fremdgeräusche, die Vaterworte hinzu. Mit
"Fremdgeräuschen" meine ich den Umstand, dass der Vater in der Phase der
Triangulierung der erste Fremde ist.
Gute Vaterkontakte funktionieren wie Tunnels in die Welt. Sind die gestört,
wird das Zur-Welt-Kommen schwierig. Es müssen Brücken ­ Sprachbrücken,
Übertragungen - gebaut werden. Aus dem Sprechen, dem Ansprechen und
Zusprechen wird uneigentliche Rede ­ also Literatur, an niemanden und an
alle adressiert. Wer im Vaterwort nicht den Königsweg zur Welt erfährt,
muss über das eigene Wort zu sich und zum Anderen finden. Zu sich kommen,
sich zur Sprache und zur Welt bringen. Wer keinen Vater hat, der ihn
überzeugt ­ und also noch einmal im Rausch väterlicher Worte zeugt, wird zum
Erfinder, zum Imitator und zum Bauchredener väterlicher oder antiväterlicher
Rede. Wem der Vater fehlt, der sucht sich Ersatzväter, der dockt bei
Kollegen oder Idolen an, der ist verführbar und neigt schneller zur
Aggressivität ­ oder zu dessen Gegenstück, zur Krankheit. Wer keinen Vater
kennt, der hat eine Baustelle in sich, auf der er sich einen Ersatzvater
bauen muss.

Der prominenteste vaterlose Sohn ist Jesus. Natürlich gibt es Josef, der im
Matthäusevangelium zwar als sein Vater bezeichnet wird ­ aber in einem
gewissen Sinne bleibt Jesus, bezieht man die Schwängerung von Maria durch
das Ohr mit ein, doch einfach das Kind des Heiligen Geistes.
Wie aber kommt dieser Sohn mit dem fehlenden Vater zurecht? ­ Wie wächst er
in die Fusstapfen dessen, den er nicht kennt? Wie kommt der richtige Geist
in ihn? - Die Antwort gibt die die berühmte Taufgeschichte: Jesus hört von
dem in der Wüste weilenden Predigers Johannes dem Täufer. Er eilt dorthin
und lässt sich mit Wasser taufen, worauf, ich zititiere Markus 1.10 ff,
folgendes passiert : "Und alsbald, als er aus dem Wasser stieg, sah er, dass
sich der Himmel auftat und der Geist wie eine Taube herabkam auf ihn. Und da
geschah eine Stimme vom Himmel: Du bist mein lieber Sohn, an dir habe ich
Wohlgefallen."
Dadurch also, dass der väterliche Geist als Wort und in der angenehmen
Gestalt einer Taube in ihn fährt, gelangt er zu seiner Sohnesschaft. Und
zugleich zur Wortmächtigkeit, von der er baldmöglichst Gebrauch machen wird.
Bereits in der Wüste, vom Versucher auf seine Herkunft angesprochen,
erwidert Jesus: der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem
jeden Wort, das aus dem Mund Gottes führt." (Matthäus 4 .4)
Erst die eigene Wortmächtigkeit also, durch die nachträgliche Vater-Zeugung
Gottes des Allmächtigen ermöglicht, befähigt ihn zum Prediger. Er, der von
Gott im Akt der Taufe über-zeugt wurde, darf nun selber als Über-Zeuger
auftreten. Er geht nach Galiläa und beginnt dort zu predigen.
Diese Geschichte beschreibt eine funktionierende Tradition, in der
väterliche Fähigkeiten an den Sohn übergeben werden. Nur: der Vater hier ist
anwesend und abwesend zugleich, er ist im wörtlichen Sinne nicht greifbar.
Der Sohn ist ohne greifbaren Vater. Vor die Notwendigkeit gestellt, seine
leiblichen Brüder und Schwestern anzuerkennen, weicht Jesus in eine etwas
schräge Rhetorik aus. Er nennt - Markus 3.34 - alle, die an ihn glauben,
seine Mutter und seine Brüder. Das ist Verlegenheit und Abwehr zugleich.
Genau genommen haben seine leiblichen Brüder und Schwestern sich nicht sehr
vorteilhaft über ihn geäussert. "Er ist von Sinnen", sagen sie (Markus
3.20). Das muss wohl heissen, dass Jesus zwar bereits am Predigen ist, aber
bei seinen Brüdern und Schwestern damit nicht gut ankommt. Er hat noch nicht
die Position dazu, ihm fehlt die Handvoll Fans ­ die Gläubigergemeinde.

Jesus hat damit ein Problem ähnlich wie ein Schriftsteller, Künstler oder
Philosoph. Der Wert seines Wortes muss, gerade auf dem Hintergrund einer
spekulativen Vaterschaft, durch einen magischen Akt beglaubigt werden. Seine
Rede muss, damit sie nicht von Sinnen ist, damit aus dem Delirium die
prophetische Vision eines Heilsbringers werden kann, an eine Autorität
gebunden werden. Unabhängig vom Inhalt, bedarf die Redeform der Aura der
Macht, die ihrerseits am ehesten aus dem Väterlichen ­ oder ebenso gut aus
der Ablehnung des Väterlichen kommen kann. Die Macht, an die sich Jesus
anlehnt, ist die höchste denkbare, die Allmacht Gottes.
Auch der westindische Schriftsteller und Nobelpreisträger V.S. Naipaul kommt
aus der Wüste, als welche die karibische Insel Trinidad ihm in kultureller
Hinsicht gilt. In seinen "Briefen zwischen Vater und Sohn" beschreibt er
seine Geburt als Schriftsteller aus dem Geiste des väterlichen Erbes. Sein
Vater, selber Autor von Büchern und Artikeln, pflanzte ihm als Erbe ein
absolutes Schreibgebot ein. Während der 18-jährige Sohn an der erstklassigen
Universität in Oxford ausgebildet wird, wo er seine Beziehungen knüpfen und
die grosse weite Welt kennenlernen soll, bleibt der Vater in den beengenden
Umständen der kleinen Karibikinsel zurück. Die Briefe zeigen, wie der Vater
seine eigenen Ambitionen an den Sohn weitergibt und sich opfert. Zeitweise
kommt es zu einer Art gegenseitiger Identifikation. Beide sind begeistert
voneinander. Sohn Vidia Naipaul schreibt, dass es ein wahres Vergnügen sei,
einen solchen Vater zu haben, während der Vater sogar sein Haus dafür
verkaufen will, um dem Sohn eine Schriftstellerkarriere zu ermöglichen. Gar
ist es der Wunsch des Vaters, dass eines Tages ein Buch herauskommt, in dem
beider Namen auf dem Umschlag steht. Ein gemeinsames Vater-Sohn-Buch, eine
ganz und gar männliche Produktion. Als der Vater überraschend stirbt, ist
der Sohn einundzwanzig und hat die erste Stufe zur Schriftstellerexistenz
erklommen und einen Verlag gefunden.
So ungebrochen positiv geht es bei Autoren selten zu. Ein "zusammen
geschriebenes Buch" gestaltet sich für viele Söhne als höchst problematisch.
In seinem Buch "Mein Leben als Sohn" beschreibt der amerikanische Autor
Philip Roth die Ambivalenz, mit der er als Sohn auf die väterliche Erbschaft
reagiert. Den kranken Vater pflegend, erklärt er vorzeitig den Verzicht auf
das Geld, das ihm bei der Erbschaft zustünde. Er folgt damit dem Ethos der
Selbstlosigkeit, das ihm sein Vater gelehrt hat; er übernimmt, wie er
schreibt, den "moralisch überlegenen Anspruch" aus der Werteskala seines
Vaters. Als der Verzicht jedoch kurz vor dem Ableben des Vaters konkret
wird, entdeckt er zu seinem Missvergnügen, dass er das Geld nun doch
beanspruchen möchte. Geld und Geist stellen sich in ihm quer; der
Nonkonformismus, mit dem er sich selber Gesetze gibt, kollidiert mit seiner
Rolle als Sohn.
Diese Ambivalenz zwischen väterlicher Fremdbestimmung und rebellischer
Selbstbestimmung beschreibt den Konflikt im Traditionsverhältnis zwischen
Vätern und Söhnen. Das väterliche Gesetz, stets auf Über-Zeugung aus,
zerbricht in dem Moment, wo ein Sohn sich zur radikalen Selbstzeugung
entschliesst. Sartre verfolgt in seinem Buch "Les mots" nicht nur den
Aufstand gegen einen weitgehend absenten Vater, sondern entschliesst sich
zugleich, alle väterlichen Erbschaften abzulehnen zugunsten einer
schriftstellerischen Selbstzeugung. Für Sartre gibt es keine guten Väter,
weil das Band der Vaterschaft als solches faul ist, wie er schreibt. "Da ich
niemandes Sohn war, wurde ich meine eigene Ursache..."..
Kafka ersetzt seinen Vater durch einen lebenslänglich zu schreibenden Text.
Dazu gehört auch der "Brief an den Vater", eine der furchtbarsten und
zugleich ambivalentesten Anklagen, die einer gegen seinen Erzeuger richtet.
Was Kafka allein anerkennt, ist die biologische Verwandschaft zum Vater,
nicht aber das durch die Tradition weitergereichte Erbe: "Ebensowenig
Rettung vor dir," schreibt er, "empfand ich im Judentum." Er forciert damit
den Bruch des beiderseitigen Abkommens "Vaterschaft". Trotzdem - vielleicht
auch deswegen- gelingt es ihm nicht, ausserhalb seiner Autorschaft selber
zum Vater zu werden. Ähnlich wie Kafka hat Bach seinen fehlenden Vater als
Tonfolge in seine Musik gesetzt und ihn schliesslich durch seine Musik
ersetzt. Und ist Hölderlins Verhältnis zu Schiller nicht ebenso vatergeprägt
wie seine Verehrung griechischer Antike in Göttern und Heroen?
"Pater semper incertus est"- das römische Sprichwort umschreibt ironisch die
Unsicherheit des Vaterstatus im Vergleich zu der unwiderruflichen
Eindeutigkeit der Mutterschaft. Vaterschaft ist eben weitgehend ein
kulturell hergestelltes Konstrukt, das bei Gesellschaften, wo das
biologische Grundlagenwissen fehlt, noch fantastischer wird. Bei einigen
schriftlosen Gesellschaften erhalten die Frauen ihre Befruchtung von einer
Wasserquelle oder von einem Geist - auch die Zeugung durchs Ohr ist ein
verquer surrealer Hinweis auf die spekulative Immaterialität von
Vaterschaft.

Der Vater eines anderen berühmten Selbsterzeugers starb mit 35 Jahren und
vererbte dem Sohn eine lebenslängliche Angst vor seiner Krankheit: Friedrich
Nietzsche litt als Fünfjähriger am frühen Tod seines Vaters und konnte sich
erst spät von dessen vermeintlichem Erbe befreien. Das Erbe bestand nämlich
in der Furcht, am Jahrestag seines Vaters Tod ebenfalls das Zeitliche segnen
zu müssen. "Das Glück meines Daseins," schreibt Nietzsche, " seine
Einzigartigkeit vielleicht, liegt in seinem Verhängnis; ich bin, um es in
Räthselform auszudrücken, als mein Vater bereits gestorben, als meine Mutter
lebe ich noch und werde alt."
Nietzsches Vater hatte einen Treppensturz erlitten und starb später an dem,
was man damals "Gehirnerweichung" nannte. Nietzsche war davon überzeugt, am
selben Tag an derselben Krankheit wie sein Vater sterben zu müssen. Er
vollzog also, wie Jesus und Naipaul, eine fast vollständige ­ wenn auch
revoltierende - Vateridentifikation.
Erst als der Jahrestag vorbei und der Sohn ins 36-igste Lebensjahr trat,
fiel die Angst von ihm ab. Er trat in eine euphorische Phase, in der es
dann, im Angesicht der graubündner Landschaft um Sils, zu seiner grossen
Vision von der "ewigen Wiederkehr des Gleichen" kam: "An meinem Horizonte
sind Gedanken aufgestiegen, dergleichen ich noch nicht gesehen habe,"
schreibt er an Peter Gast. Und: "Ich hatte auf meinen Wanderungen viel
geweint, und zwar nicht sentimentale Thränen, sondern Thränen des Jauchzens;
wobei ich sang und Unsinn redete, erfüllt von einem neuen Blick, den ich vor
allen Menschen voraus habe." Nietzsches Vater war Pfarrer ­ der Sohn
übernimmt die Melodie des Predigens in seine antichristlichen Schriften, mit
denen er gegen seinen Vater rebelliert. Das Prophetische, Visionäre und die
Suche nach einer Autorisierung für seine delirierende Rede aber verbindet
ihn dennoch mit seinem Widersacher Jesus und dessen Stellvertreter. Der
Basler Psychiater Benedetti wies auf die "ständige Projektion eines eigenen
ambivalent erlebten Überichs" bei Nietzsche hin. Dieses "Splitting im
Über-Ich bestehe darin, dass Nietzsche einerseits sein Kranksein durch das
Gegenbild der "Grossen Gesundheit" kompensiert, dass aber andererseits die
Verleugnung der eigenen Kränklichkeit und die Verachtung allen Mitleids mit
einer Selbstaggressivität einherging."
Väter rumoren im Mann weiter, selbst wenn sie absent, unerwünscht oder
verhasst sind. Sartres entschiedene Ablehung des Vaters und seine
Selbstzeugung präludierte den weltweiten Sturm gegen die Väter, als den man
die 68-iger Bewegung sehen kann. Seither leben jüngere Männer in einer
"vaterlosen Gesellschaft" (Mitscherlich) an der Seite von emanzipierten
Frauen und geraten immer wieder in die Not, von Feministinnen attackiert zu
werden, die eigentlich die Väter- oder Vätergeneration meinen. Dabei dürfte
das Band, das Väter mit Söhnen verbindet, heute viel weniger intakt sein als
das zwischen Müttern und Töchtern.
Junge Väter stehen heute vor der Herausforderung, dass sie strukturell
überflüssig erscheinen. Wenn Kids ihre Eltern im Gebrauch des neuen PC oder
Handy unterweisen, kann von der traditionellen Weitergabe von technischem
Wissen nicht mehr die Rede sein. Der Vater als Tüftler, Bastler und Bähnler
sitzt alleingelassen in der Ecke des Kinderzimmers, während die Mutter mit
erhöhter Dringlichkeit die Observanz über die emotionale Entwicklung der
Kinderschar wahrnimmt. Jungväter haben keine verbürgten Werte mehr
weiterzugeben. Auch als Vater hat der Mann viel symbolisches Kapital
verloren.
Hat aber der Vater als Vorbild ausgedient, ist die Männerrolle durch die
weibliche Emanzipation in Frage gestellt und die eigene Vaterschaft
entwertet, fällt der Mann ganz aus der Rolle. Und muss sich selber neu
erfinden. Dabei wird er nicht um eine Auseinandersetzung mit dem Vater, oder
um die Arbeit an der Vaterbaustelle herumkommen. Ob die Entwicklung des
vaterlosen Sohnes zu einer hohlen und machistischen Männlichkeit oder zu
einer komplexeren und subtileren Identität führt, darüber entscheiden die
positiven wie negativen Vaterbilder. So zu tun, als gehe es auch ohne Väter
und besser, dürfte sich langfristig als Irrtum erweisen. Denn gerade die
neue Männerforschung zeigt, dass alleinerziehende Frauen für eine gute
Entwicklung des Sohnes zum Mann nicht so tauglich sind wie bisher
angenommen. Robert Bly meint dazu: "Frauen können aus dem Embryo einen
Jungen machen, aber nur Männer sind in der Lage, aus dem Jungen einen Mann
werden zu lassen." Muss also, wie auch der Männerforscher Walter Hollstein
betont, die Mutter allein den Jungen zum Mann initieren, wird dessen
Befindlichkeit oft labil und er findet sich nicht in seine Männerrolle.
Eine neue Rolle des Mannes ist erst im Vorschein begriffen. Sie wird, denke
ich, nur in einem neuem Umgang mit der Emotionalität zu haben sein. Ein
jenseits männlicher Zornausbrüche erworbenes emotionales Vermögen schliesst
den entspannteren Umgang mit typisch männlichen Stress-, Leistungs und
Konkurrenzsituationen mit ein. Andrerseits kann die neue Rolle des Mannes
kaum darin liegen, alle mit auratischer Faszination besetzten
Machtpositionen an bewegte Frauen abzutreten und zuhause nur noch den
katzenfütternden Kastraten zu geben. Eine neue Männlichkeit auch in
sexuellem Sinn könnte aber auch jene Eigenschaften miteinschliessen, die bis
anhin als "weiblich" galten wie Sinnlichkeit und Verführungskraft.
Aus welchen Gründen auch immer Väter fehlen, sie werden von den Söhnen stets
neu erfunden. Die Vaterstelle bildet eine Vakanz, die zur unablässigen
Baustelle in der Sohnesfantasie wird. Diese Baustelle kann ein kreatives
Potential aus sich entlassen, kann aber auch zu einem Verhalten mutieren,
das nur auf Abriss und Abbruch aus ist. Destruktivität tritt dann anstelle
von Kreativität, wenn der Junge oder Mann durch das fehlende Rollenagebot in
seiner Identitätsbildung verhindert ist.
Denselben Mangel, der eine oszillierende Identität hervorbringt, habe ich
immer als Chance verstanden. Ob ich aber bei stabilen Vaterverhältnissen
auch zum Schreiben gedrängt worden wäre, lässt sich nicht beantworten. Ob
Kafka, Nietzsche, Hölderlin und die anderen an der Seite eines akzeptierten
Vaters gleich kreativ gewesen wären, muss offen bleiben.
Vaterhunger ist ein Phantomschmerz. Ob man für oder gegen die väterliche
Autorität zur eigenen Sprache kommt, ist nicht entscheidend. Wohl aber, dass
es einem irgendeines Tages gelingt, die Vaterlücke so umzuarbeiten, dass sie
sprechend wird. Zu einem fortlaufenden, vielleicht lebenslänglichen Text.

" Martin R. Dean

22. September 2002