GrossenbacherBaZ5299

Basler Zeitung, Freitag
5. Februar 1999


Ausflug in eine mehrschichtige Videowelt

Als «poetisch-technische» Installationen sieht die Videokünstlerin Bettina Grossenbacher ihre Arbeiten, in denen sie stets versucht, die Mehrschichtigkeit von Wahrnehmung und Relativität von Perspektiven deutlich zu machen. Eine äusserst sehenswerte Ausstellung in der Elisabethenkirche.

War Kunst vor der Reformation ein wichtiger Bestandteil der Kirchenausstattung, in Form von Tafelbildern, Heiligenskulpturen und liturgischem Gerät, findet sich heutzutags Kunst in eigens dafür geschaffenen Räumen: In Galerien und Museen bieten sich helle Orte für Skulptur und Malerei und dunkle Kammern für Videoprojektionen an. Diesen beiden gängigen Ausstellungskonzepten, im Fachjargon als «White Cube» beziehungsweise «Black Box» bezeichnet, liegt grundsätzlich die gleiche Idee zugrunde: Der Besucher soll in einer möglichst neutralen Umgebung sich ganz und gar auf das Werk einlassen können. Allerdings beklagen sich manche Museumsgänger und Galeriebesucher über die kühle und abweisende Atmosphäre der weissen Ausstellungsräume und über die stickigen und bedrückenden Projektionsräume.

Nun entpuppt sich eine Ausstellung in der Elisabethenkirche als überzeugende Alternative zur eingespielten Ausstellungspraxis. Bettina Grossenbacher hat hier Kunst unter neuen Vorzeichen in die Kirchenräume zurückgeholt. An drei ausgesuchten Orten im Kirchenraum, im Mittelschiff, vor dem Treppenaufstieg zur Empore und auf der Empore selber zeigt sie drei bemerkenswerte Installationen, die in erster Linie die Mehrschichtigkeit der Wahrnehmung thematisieren.
Gleich beim Eintreten in das Mittelschiff wird der Besucher von der Videoarbeit «Fernblick» empfangen. Zwei frei im Raum hängende halbtransparente Projektionsflächen zeigen Doppelporträts von einem jungen und alten Liebespaar in Frontal- und Rückenansicht. Die transparenten Flächen erlauben, von beiden Seiten auf die Figuren zu blicken. Während sich der Betrachter vor dem einen Bild hinter dem Paar befindet und mit ihm aus dem Fenster auf die gegenüberliegende Wohnsiedlung blickt, schaut er auf der zweiten Leinwand den beiden direkt in die Augen und bekommt ihre in der Mimik ausgedrückten Regungen und Empfindungen zu spüren. Nach ein paar Minuten werden die beiden ersten Videoaufnahmen durch die Vorder- bzw. Rückenansicht des anderen Paares überblendet - und für einen Augenblick stellen sich beim Betrachter Gedanken über die Vergänglichkeit der Jugend ein.
Grossenbacher hat die Aufnahmen für diese Arbeit bei einem Aufenthalt in dem deutschen Städtchen Meiningen gemacht, wo sie sich im Rahmen eines Arbeitsstipendiums aufhielt. Die bedrückende kleinbürgerliche Atmosphäre der Sozialwohnung und der wenig erfreuliche Blick auf die Plattenbauten kontrastiert mit der Lebendigkeit der porträtierten Paare, die einander auf der Leinwand endlos abwechseln. Vor dem Treppenaufgang zur Empore wurde das Werk «Kreis 2.3.» installiert. Hier hat die Künstlerin die Zwei-Ansichtigkeit der oben beschriebenen Arbeit um eine Ansicht ergänzt. Ein weiblicher und ein männlicher Akt drehen sich im Kreis. Die beiden Figuren wurden aus drei unterschiedlichen Kameraperspektiven aufgenommen und später übereinandergelegt. Das Ergebnis sind drei transparente Einzelbilder, die übereinandergeblendet an die Wand projiziert werden.
Auf der Empore hat Grossenbacher die Arbeit «Kniesicht» installiert, die aus einer halbtransparenten Leinwand und zwei Monitoren besteht. Die Aufnahmen entstanden bei einem Deutschlandaufenthalt auf Fahrradausflügen in der Märkischen Heide. Die Kameras wurden auf Knie- und Rückenhöhe angebracht und nahmen nur die Oberfläche - Steine, Wiesen, Strassenbeton - der überquerten Landschaften auf. Dann wurden die drei Bänder negativ kopiert und dadurch in der Farbgebung verfremdet. «Die Fahrt durchs Grüne wird zur Fahrt ins Blaue», kommentiert die Künstlerin ihr Verfahren und gibt damit zugleich eine Metapher für das aussergewöhnliche Kunsterlebnis, das dem Besucher der Elisabethenkirche erwartet.

Jacqueline Falk

Elisabethenkirche: Dienstag bis Freitag, 18 Uhr bis 20 Uhr. Bis 26. Februar. Am 11. Februar findet eine Lesung von Texten von John Berger, Erich Fried u.a. statt.


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