Maeder predigt

Annemarie Pieper predigt

Am Sonntag, 6. April 2003, predigte Annemarie Pieper um 10.30 Uhr in der Elisabethenkirche.

Predigtthema: Die beiden Bäume im Garten Eden - eine philosophische Annäherung

Meine sehr verehrten Damen und Herren!

Sie sind hierher gekommen, um eine Predigt zu hören. Damit Sie nachher nicht enttäuscht sind, falls das, was Sie zu hören bekommen, nicht Ihren Erwartungen entspricht, lassen Sie mich vorweg etwas darüber sagen, wie ich diese Aufgabe, nämlich eine Volkspredigt zu halten, verstanden habe. Predigen, abgeleitet vom lateinischen Wort praedicare, bedeutet: etwas öffentlich bekannt machen, ankündigen, verkündigen. Was nun gewöhnlich an einem Ort wie diesem, in einer Kirche bekannt gemacht, verkündigt wird, ist das Wort Gottes. Da ich mich auf einen Bibeltext, speziell auf Genesis 1-3 des AT beziehe, genügen meine Ausführungen den Anforderungen an eine Predigt, auch wenn es für mich und für viele von Ihnen sicher ebenso gewöhnungsbedürftig ist, dass eine Frau von einer Kanzel zu Ihnen spricht. Man wies Frauen höchstens in einem abfälligen Sinn die Rolle einer Predigerin zu: Sie sollte den Kindern Moral predigen — die von den Männern kanonisierte geschlechtsspezifische Moral versteht sich —, und in der Regel predigte sie tauben Ohren, weil Kinder das ständige "du sollst, du darfst nicht, du musst" rasch satt haben und überhören. Wenn Frauen mit ihren Anliegen ihren Männern in den Ohren lagen, betätigten sie sich als Predigerinnen in der Wüste. Wieder stiessen sie auf taube Ohren, diesmal weil die Männer ihnen die Kompetenz, rational zu urteilen, absprachen. In der Öffentlichkeit blieben daher die weiblichen Stimmen ungehört.

Was meine Predigt vom üblichen Typus unterscheidet, ist die Art und Weise, wie ich den Text der Bibel und damit das Wort Gottes auslege. Ich spreche nicht als kirchlich oder theologisch autorisierte Person zu Ihnen, sondern als Philosophin. Und da halte ich es mit einem alten Weisheitsspruch, der sich ebenfalls in der Bibel findet, und zwar im Buch der Sprichwörter: "Die Weisheit ruft laut auf der Strasse, / auf den Plätzen erhebt sie ihre Stimme. / Am Anfang der Mauern predigt sie, / an den Stadttoren hält sie ihre Reden". (Spr 1, 20-21) Philosophia heisst "Liebe zur Weisheit", und aus Liebe zur Weisheit ging Sokrates seinerzeit auf den Markt, um den Menschen bewusst zu machen, wie wenig sie wirklich wissen, wie irrtumsanfällig selbst als gesichert geltende Wahrheiten sind, wie problematisch die Vorannahmen, Meinungen und Überzeugungen sein können, denen wir im Alltag kritiklos anhängen. Sokrates nachfolgend möchte ich an die Schöpfungsgeschichte und die Geschichte vom Sündenfall herangehen, wie sie in der Bibel erzählt werden, indem ich Fragen stelle, Antworten teste und dabei mit Ihnen die Erfahrung mache, dass jede Antwort wieder neue Fragen aufwirft. Die Philosophie hat keine letztgültigen Dogmen, keine messianischen Botschaften zu verkündigen; ihr Instrument ist der Zweifel, den mit guten Argumenten wach zu halten sie als ihre Aufgabe betrachtet.

Die beiden Bäume im Garten Eden — das ist unser Thema. Beginnen wir mit der Schöpfungsgeschichte, die uns die Entstehung des Universums schildert. Uns wird etwas Grossartiges vor Augen geführt, das uns intuitiv mehr überzeugt als jene Geschichte, welche die kosmischen Evolutionstheoretiker erzählen: Alles habe vor etwa 18 Milliarden Jahren mit einer riesigen Explosion, einem Urknall begonnen, durch den eine winzig kleine, komplett dichte Substanz, in welcher alle Galaxien noch ungetrennt beieinander waren, auseinander gesprengt wurde, sich unendlich ausdehnte und immer noch expandiert. Ein derart gewaltiger Knall mag zwar beeindrucken, aber andererseits ist die Vorstellung doch enttäuschend, dass die Welt und wir ein blosses Zufallsergebnis sind, aus einem hoch explosiven Gemisch heraus geschleudertes Teil, das ebenso gut ganz anders hätte ausfallen oder sogar untergehen können.

Wie anders nimmt sich dagegen der Schöpfungsbericht aus: Der Kosmos — kein Produkt eines blind wirkenden, sich einer totalen Zerstörung verdankenden Mechanismus, sondern ein Kunstwerk, das ein nach Absicht und Plan handelndes allmächtiges Wesen geschaffen hat. Gott bringt die Welt nicht mit einem Schlag als fertiges Endprodukt hervor, sondern in Etappen geschieht eine schrittweise Differenzierung und Formung jener elementaren Urstoffe, die er als erstes geschaffen hat: Erde, Luft, Wasser und Licht. Sie sind gleichsam das Material, aus dem Himmel und Erde, Tag und Nacht, Land und Meer, Blumen und Pflanzen, Sonne, Mond und Sterne, die Tiere und schliesslich der Mensch gebildet werden.

Was die Erschaffung der Welt so einzigartig macht, ist ihr Entstehen aus Nichts. Gott hatte nur sich selbst, woran er sich halten konnte, das heisst: Er musste nicht nur das Konzept des Weltganzen, sondern auch das Material, aus welchem dieses Weltganze ausserhalb Gottes und unabhängig von ihm bestehen sollte, aus sich selbst nehmen. Er veräusserte das in ihm geschaute Universum, indem er sich äusserte. "Gott sprach: Es werde Licht. Und es wurde Licht." (Gen 1,3) Gott war so sprachmächtig, ja sprachgewaltig, dass das von ihm Ausgesprochene nicht nur einen Sprachleib bildete, sondern dieser Sprachleib sich als ein eigenständiges Wesen materialisierte, das aus eigener Kraft zu existieren vermochte.

Am Ende jedes Schöpfungstages begutachtete Gott sein Werk. "Gott sah, dass es gut war" wird mehrmals ausdrücklich betont, was darauf schliessen lässt, dass Gott sich das jeweils neu Entstandene genau ansieht und es mit seinem Schöpfungsplan vergleicht. Die Bestätigung der Übereinstimmung ist gleichsam das Gütesiegel, das die göttliche Herkunft des Werks bezeugt. Nach dem sechsten Tag, an dem Gott die Welt in die Obhut des Menschen gibt, diesem also die Verantwortung für seine Selbstveräusserung überträgt, ruht Gott sich am siebten Tag aus. Man könnte dies so deuten, dass er sich vollständig verausgabt hat und erst wieder zu sich selbst als Gott kommen muss, indem er sich aus der Welt zurückzieht.

In Genesis 2 wird dann der Aufenthaltsort des Menschen, der Garten Eden geschildert. Der Blick richtet sich auf jenen Teil des Universums, in welchem die Menschen ihren Lebensraum zugewiesen bekommen. Als würde aus dem soeben in Genesis 1 abgelaufenen Film über die Entstehung der Welt eine bestimmte Sequenz herausgeschnitten und in Zeitlupe noch einmal abgespult, erfahren wir, dass Gott auf einem speziellen Gebiet der Erde, im Osten gelegen, einen Garten einrichtete, dessen Ressourcen einem menschlichen, mit einem Körper ausgestatteten Wesen die Befriedigung der Elementarbedürfnisse sichern. Das Paradies war kein Schlaraffenland des schieren Überflusses, aber doch ein Ort, an dem kein Mangel herrschte: weder an Wasser noch an Nahrung, an wertvollen Metallen und Steinen. Im Zentrum dieses Gartens — das wird eher beiläufig erwähnt — pflanzt Gott zwei besondere Bäume: den Baum des Lebens und den Baum der Erkenntnis von Gut und Böse.

In diesen Garten als geschütztes Reservat setzt Gott Adam, Geschöpf vom Geiste Gottes und von irdischer Stofflichkeit. Adam soll das Land bebauen und hüten. Mit diesem Auftrag entlässt Gott Adam in die Freiheit. Er überträgt ihm die Verantwortung für die Pflanzen und seine eigene Ernährung. Allerdings heftet sich an die Übergabe des Paradieses in die Obhut Adams eine sonderbare Bestimmung, die Gott ohne jede Erklärung oder Begründung abgibt: Alle Früchte sind als Nahrungsmittel erlaubt mit Ausnahme derjenigen vom Baum der Erkenntnis. Was dieses Verbot bedeutet, kann Adam nicht verstehen, denn was Gut und Böse ist, weiss er nicht. Und noch weniger kann er, der gerade erst seinen Platz im Garten Eden gefunden hat, etwas mit den angedrohten Konsequenzen anfangen: nach dem Verzehr der Früchte des Baumes der Erkenntnis von Gut und Böse sterben zu müssen. Sein Leben hat soeben erst begonnen, wie soll er sich dessen Ende vorstellen?

Das einzige, was Adam mit Sicherheit wissen kann, ist dass Gott ihm wohl gesonnen ist und sein bestes will. Das zeigt sich auch darin, dass Gott Rücksicht auf Adams Bedürfnisse nimmt. Adam ist einsam. Die Sorge um die Pflanzenwelt beschäftigt ihn zwar, füllt ihn aber nicht aus. Daher schafft Gott ihm Tiere als Gesellen. Mobile organische Lebewesen stehen dem Menschen ein Stück näher als die grüne Natur. Eine neue, anspruchsvollere Beschäftigung nimmt Adam eine Weile gefangen. Gott hat ihn aufgefordert, die Tiere zu benennen. Indem Adam den Tieren Namen gibt, wird auch er schöpferisch: Er entdeckt, dass er sprechen und durch sein Sprechen etwas bewirken kann. Zwar vermögen seine Wörter es nicht, etwas leibhaftig zur Existenz zu bringen wie das göttliche Wort. Aber indem er den Tieren Namen gibt, vollbringt er durch Ausbildung seiner Unterscheidungskraft eine Ordnung stiftende Erkenntnisleistung und bestimmt zugleich die tierischen Organismen allererst als das, was sie ihrem Wesen nach sind: die fliegenden Lebewesen als Vögel, die schwimmenden als Fische, die Nutztiere als Vieh usf.

Nachdem er alle Tiere benannt hat, ist Adam wieder allein und eigentlich noch frustrierter als zuvor. Denn nun kann er sprechen, aber er hat niemanden, der ihm antwortet, mit dem er reden und sich austauschen kann. Die Tiere sind dazu nicht im Stande. Wieder erbarmt sich Gott und erschafft aus einer Rippe Adams einen zweiten Menschen als diesem ebenbürtiges Wesen. Würde Adam nur einen Gesprächspartner benötigen, hätte Gott ein zweites männliches Wesen, gleichsam einen Klon Adams herstellen können. Aber Gott hat begriffen, dass damit wiederum ein elementares Bedürfnis Adams unerfüllt bliebe. Denn Adam hat gesehen, dass die Tiere sich paaren und vermehren. Daher schafft Gott nun einen Menschen anderen Geschlechts, und endlich ist Adam glücklich. Er erkennt sein weibliches Pendant als das andere seiner selbst und dennoch als Bein von seinem Bein und Fleisch von seinem Fleisch. Dieses Wesen nennt er Frau und paart sich mit ihr.

Wir wissen nicht, wie lange Adam und Eva glücklich und zufrieden im Paradies lebten. Es war ein Zustand, in welchem die Zeit keine Rolle spielt, so wie im Märchen, wo es am Schluss immer heisst: Und so lebten sie denn glücklich bis an das Ende aller Tage. Auch die Menschen im Paradies hätten in alle Ewigkeit im Paradies leben können, wäre da nicht ein Stein des Anstosses gewesen: der Baum der Erkenntnis. Man könnte sich fragen, warum Gott diesen Baum überhaupt mitten hinein ins Paradies gepflanzt hat. Er, der so besorgt war darum, dass die Welt als ganze gut geriet und der Mensch es in ihr gut hatte. Was mag Gott dazu bewogen haben, seine Geschöpfe einer so grossen Gefahr auszusetzen? Hätte er das vorhersehbare Unglück nicht verhindern können, indem er auf den Baum der Erkenntnis und die entsprechenden Sanktionen verzichtete?

Man kann nur ahnen, dass Gott keine Alternative hatte. Seine Schöpfung war erst vollendet, wenn es ihm gelang, ein ihm wesensgleiches Geschöpf zu erzeugen. Dazu musste er dem Menschen Freiheit geben, denn ein grossartigeres Kunstwerk als ein freies, sich unabhängig von Gott selbst bestimmendes Wesen ist nicht vorstellbar. Freiheit aber setzt die Möglichkeit, wählen zu können, voraus. Wer keine Wahl hat, ist nicht frei. Gott musste also den Menschen frei geben und ihm zumuten, seine eigenen Entscheidungen zu treffen, obwohl damit das Risiko einer falschen Wahl und des Verlustes der Freiheit verbunden war.

Schelling, einer der grossen Philosophen des deutschen Idealismus, hat zu zeigen versucht, dass auch Gott selbst nicht schon mit Freiheit ausgestattet war. Zwar bedurfte er keines anderen, der ihn freisetzte, vielmehr musste er sich selbst zur Freiheit autorisieren, aber auch er hatte zwischen zwei Möglichkeiten zu wählen, nämlich aus sich herauszutreten und dadurch als Gott offenbar zu werden, oder sich selbstisch in sich zu verschliessen und seine Gottwerdung zu verhindern. In letzterem Fall hätte er sich für das Böse entschieden, insofern er das Gute — sein Wesen, das Liebe ist, unrealisiert gelassen hätte. Gott traute also seinem Geschöpf Autonomie zu.

Wenden wir uns wieder Adam und Eva zu. Welche Wahlmöglichkeiten standen ihnen beim ersten Gebrauch ihrer Freiheit offen? Erinnern wir uns, dass in der Mitte des Gartens Eden zwei Bäume standen, der verbotene Baum der Erkenntnis und der Baum des Lebens, dessen Früchte zu geniessen Gott nicht ausdrücklich untersagt hat. Wenn wir von dieser Konstellation ausgehen, sind vier Szenarien denkbar: (1) Adam und Eva halten sich an das göttliche Gebot und beziehen auch den zweiten Baum mit ein: Sie respektieren das Zentrum des Gartens als göttliche Zone und essen weder vom Baum der Erkenntnis noch vom Baum des Lebens. (2) Sie essen vom Baum der Erkenntnis. (3) Sie essen vom Baum des Lebens. (4) Sie essen vom Baum des Lebens und anschliessend vom Baum der Erkenntnis. Von diesen vier Szenarien kennen wir aus der Bibel nur das zweite, das uns aber Rückschlüsse auf die anderen drei erlaubt.

Wenn entsprechend dem ersten Szenario Adam und Eva sich von beiden Bäumen fern halten und auch ihre Nachkommen das Tabu nicht verletzen, bleibt das Paradies, was es von Anfang an war: ein Hort des Friedens, in welchem der Mensch mit sich, mit seinesgleichen, mit der Natur und mit Gott im Einklang ist — ein Reich der Freiheit, in dem alle Mitglieder der Gemeinschaft konfliktfrei miteinander kooperieren. Ohne vom Baum der Erkenntnis gegessen zu haben, wissen die Menschen, was das Gute ist, nämlich dieser paradiesische Zustand, über den hinaus nichts Besseres vorgestellt und begehrt werden kann und für dessen Erhalt sie sich entschieden haben. In diesem Szenario weiss der Mensch nicht, was das Böse ist. Er weiss es deshalb nicht, weil er es nicht am eigenen Leib erfahren hat. Aber immerhin kann er sich ausmalen, wie das Gegenteil jener Lebensform sich gestalten würde, für die er sich entschieden hat. Da gemäss unserem ersten Szenario auch auf die Früchte vom Baum des Lebens verzichtet wird, muss man annehmen, dass die Menschen sterben. Aber dem Tod ist der Stachel gezogen, wenn ein durch und durch sinnvolles Leben sich seinem Ende zuneigt — ein Leben, das voll ausgeschöpft wurde und nichts zu wünschen übrig liess. Sterben und Tod sind dann natürliche Vorgänge, die nicht von Verlustängsten begleitet werden.

Kommen wir zum zweiten Szenario. Adam und Eva essen vom Baum der Erkenntnis. Das ist der Sündenfall, wie er in Genesis 3 beschrieben wird. Sie haben gegen das göttliche Verbot verstossen, wohl wissend, dass die Folgen schrecklich sein würden, auch wenn sie keine wirkliche Vorstellung davon besassen, was der Verlust des Paradieses für sie mit sich bringen würde. Aber offensichtlich haben sie der Schlange Glauben geschenkt, dass die Veränderung, die nach dem Genuss einer Frucht vom Baum der Erkenntnis mit ihnen vorgehen würde, eine Verbesserung bedeutet. Die Schlange hat recht gehabt: Sie wurden wie Gott, denn sie teilten nun mit ihm die Erkenntnis des Guten und Bösen. Aber anders als Gott, der diese Erkenntnis durch eine Entscheidung zum Guten bei gleichzeitigem Ausschluss des Bösen erwarb, gelangten Adam und Eva von der entgegengesetzten Seite dazu: durch eine Entscheidung zum Bösen bei gleichzeitigem Ausschluss des Guten. Das Böse, das Gott nicht real werden liess, haben die ersten Menschen zur Existenz gebracht, indem sie dem Selbstischen in ihnen zum Durchbruch verhalfen. Anstatt ihrer Einsicht zu folgen, dass sie in der besten aller Welten lebten, in welcher sie als Verantwortliche für das Ganze den Spitzenrang bekleideten, begehrten sie etwas, das ihnen von Gott untersagt war und daher nicht zustand. Auch wenn er ihnen seine Gründe nicht mitteilte, mussten sie davon ausgehen, dass er solche für sein Verbot hatte und ihnen auf keinen Fall schaden zufügen wollte. Adam und Eva hingegen wollten sich gleichsam als Gegengott etablieren. Damit zerstörten sie das Vertrauensverhältnis zwischen ihnen und ihrem Schöpfer.

Die Rolle der Schlange wurde von philosophischer Seite unterschiedlich interpretiert. Der dänische Philosoph Søren Kierkegaard hat sie als Bild für den Eigenwillen des Menschen gedeutet, der sich zu verselbständigen trachtet. Der Mensch verführt sich gewissermassen selbst, wenn er der in ihm züngelnden Schlange des Begehrens nachgibt und in massloser Selbstüberheblichkeit nach einem Ziel auslangt, das zu erreichen ihm verwehrt ist. Wider besseres Wissen und gegen alle Vernunft tut man, was man nicht soll und beraubt sich damit der sicheren Existenzgrundlage — so wie Adam und Eva sich des Paradieses beraubten, aus dem sie vertrieben wurden, um von nun an in unwirtlichen Gegenden um das nackte Überleben zu kämpfen, mühselig dem kargen Boden Nahrung abringend, Gefahren für Leib und Leben ausgesetzt, Leiden und Schmerzen unterworfen und am Ende einem als sinnlos empfundenen Tod geweiht. Ein hartes Schicksal, vielleicht noch härter, als es ein unverzüglich ausgeführtes Todesurteil gewesen wäre. Aber dann hätte Gott seine Schöpfung gnadenlos negiert und den Menschen keine Chance gegeben, ihre Tat zu bereuen, was mit der Güte Gottes nicht vereinbar wäre.

Das dritte Szenario, dem gemäss Adam und Eva das göttliche Gebot befolgen, aber vom Baum des Lebens essen, deckt sich weitgehend mit dem ersten Szenario. Der einzige Unterschied besteht darin, dass die Menschen unsterblich werden und auf ewig im Paradies leben. Nach unseren heutigen Erkenntnissen könnte sich daraus höchstens ein Problem der Überbevölkerung ergeben, wenn niemand mehr stirbt. Aber es ist eigentlich nicht denkbar, dass für Gott die Platzfrage unlösbar wäre. In einem unermesslichen Universum könnte sich das Paradies ins Unendliche ausdehnen, so dass eine unzählbare Menschenmenge darin unterkommen würde, ohne dass der Lebensraum je eng würde.

Die vierte und letzte Variante, der gemäss Adam und Eva zuerst vom Baum des Lebens essen und irgendwann später vom Baum der Erkenntnis, ist für mich das schlimmste Szenario. Zunächst könnte man ja meinen, Adam und Eva würden Gott auf diese Weise ein Schnippchen schlagen. Sie machen sich mittels des Lebensbaumes unsterblich, unterlaufen damit die angedrohte Folge des Essens vom Baum der Erkenntnis und verleiben sich danach auch noch dessen verbotene Früchte ein. Gott hätte dann keine Macht mehr über den Tod. Wie wichtig Gott der Baum des Lebens ist, sieht man schon beim zweiten Szenario. Nach dem Sündenfall lässt er ihn von den Kerubim bewachen und kommentiert dies mit den Worten: "Seht, der Mensch ist geworden wie wir; er erkennt Gut und Böse. Dass er jetzt nicht die Hand ausstreckt, auch vom Baum des Lebens nimmt, davon isst und ewig lebt!" (Gen 3, 23) Was würde jedoch passieren, wenn die Reihenfolge umgekehrt wäre: zuerst der Baum des Lebens und dann der Baum der Erkenntnis? Die Folgen wären fatal, denn es würde all das eintreten, was im zweiten Szenario als Folge des Sündenfalls geschildert wurde, mit dem einzigen, aber entscheidenden Unterschied, dass die Menschen nun nicht mehr sterben können und ihr Dasein somit in alle Ewigkeit ausserhalb des Paradieses fristen müssen, ohne die Möglichkeit einer Rückkehr und ohne irgendwann einmal vom Tod erlöst zu werden.

Damit wir uns ein solches Leben besser vorstellen können, ziehe ich eine Geschichte aus dem Roman Gullivers Reisen von Jonathan Swift heran. Auf einer seiner vielen Reisen gelangt Gulliver in ein Königreich, in dem hin und wieder ein Kind mit einem kreisrunden roten Fleck über der linken Augenbraue geboren wird. Man sagt ihm, dass solche Kinder unsterblich seien. Gulliver ist hellauf begeistert. Unsterblich zu sein, ein alter Traum der Menschheit; den Tod zu besiegen, welch ein Glück! Er lässt eine enthusiastische Rede vom Stapel, wie privilegiert ein Volk sei, in welchem es noch Beispiele alter Tugend und Weisheitslehrer gäbe, die Generationen von Nachgeborenen authentisch über die Vergangenheit berichten könnten und aufgrund ihrer weitreichenden Erfahrungen hervorragende Berater in politischen und gesellschaftlichen Angelegenheiten wären. Gulliver ergeht sich in freudigen Schilderungen, wie er sein Leben als Unsterblicher gestalten würde, wenn für alle Verrichtungen genügend Zeit zur Verfügung stünde und kein Termindruck mehr dazu zwänge, möglichst viel in ein kurzes Leben pressen zu müssen. Er würde sich etwa 200 Jahre lang der Ökonomie widmen, um Reichtümer anzuhäufen und langfristig ausgesorgt zu haben. Daneben würde er das Studium der Künste und Wissenschaften betreiben, um sich schliesslich als gelehrter Mann mit anderen Unsterblichen an die Aufgabe zu wagen, die Menschheit über Jahrhunderte hinweg zu verbessern, bis sie keine Fehler mehr machte und ein friedlicher Endzustand erreicht sei.

Wie sehr er sich geirrt hat, wird ihm klar, als ihm einige Unsterbliche vorgeführt werden. Gulliver hatte es als selbstverständlich angenommen, dass Unsterblichkeit ewige Jugend und Gesundheit mit einschliesst. Doch die Realität belehrt ihn eines anderen. Die Unsterblichen sind scheussliche, verwahrloste Gestalten, die nur noch dahin vegetieren, an verschiedenen, auch schweren, aber eben nicht zum Tode führenden Krankheiten leiden, ihr Gedächtnis verloren haben und nach mehreren Generationen nicht einmal mehr die sich verändernde Landessprache verstehen. Sie sind von allen verachtet und gehasst, werden mit 80 Jahren für tot erklärt, enterbt und entmündigt. Ohne Rechte und vom Staat kaum mit dem Notdürftigsten versorgt, bestreiten sie ihren Lebensunterhalt durch Betteln.

So ähnlich, denke ich, müssen wir uns das Schicksal der Menschheit insgesamt im vierten Szenario vorstellen, wenn der Genuss der Früchte vom Baum des Lebens zwar Unsterblichkeit bewirkt, der Verzehr der Früchte vom Baum der Erkenntnis jedoch dazu führt, dass eine Gesellschaft entsteht, deren Mitglieder zur Überzahl aus altersgebrechlichen und dementen Greisinnen und Greisen besteht, für deren Pflege das Personal fehlt.

Das zweite Szenario entspricht dem in Genesis 3 beschriebenen Sündenfall. Adam und Eva essen vom Baum der Erkenntnis. Theoretisch hätten sie auch eine der drei anderen Entscheidungen fällen können; die von uns überblickbare Geschichte und der heutige Zustand der Welt lassen jedoch nur den Rückschluss auf das zweite Szenario als den Ausgangspunkt für die Rekonstruktion des Entwicklungsprozesses der Menschheit zu. Wir leben nicht im Paradies. Damit scheiden die Szenarien 1 und 3 aus. Wir sind auch nicht unsterblich, so dass ausser dem 3. auch das 4. Szenario entfällt. Übrig bleibt das zweite Szenario, das zwei Verständnisbedingungen erfüllt: Zum einen macht es deutlich, dass nicht Gott die Schöpfung verpfuscht hat. Das von ihm geschaffene Universum war ein Kunstwerk und der Mensch als Ebenbild Gottes zur Pflege und Weitergestaltung dieses Kunstwerks aufgerufen. Zum anderen geht aus der Lehre vom Sündenfall hervor, dass der Mensch an seiner Aufgabe gescheitert ist. Er hat seine Freiheit missbraucht und dadurch das Böse in die Welt gebracht. Die Schuld für den Verlust des Paradieses liegt bei ihm, der sich in massloser Selbstüberschätzung auf ein Abenteuer einliess, von dem ihm seine natürliche Klugheit dringend abriet. Das Böse kam in die Welt nicht in Gestalt eines Teufels, sondern indem der Mensch sich selbst böse machte, in sich einen bösen Willen erzeugte und sich damit vom Guten abschnitt.

Was lehrt uns die Geschichte von den zwei Bäumen im Garten Eden? Wir werden in Adam und Eva mit uns selbst konfrontiert, mit unserer existentiellen Befindlichkeit und den Risiken der Freiheit. Adam und Eva stehen exemplarisch für die menschlichen Individuen insgesamt. Wir schreiben uns Freiheit zu und übernehmen damit zugleich die Verpflichtung, Verantwortung für unser Handeln sowie für die Konsequenzen unserer Handlungen zu tragen. Diesbezüglich spielt es letztlich keine Rolle, ob Freiheit als Geschenk eines Gottes oder als Befreiung von den Ketten der Evolution aufgefasst wird. Nietzsche behauptete: "Gott ist tot." Aus christlicher Sicht könnte man sagen, wir haben Gott zweimal getötet: einmal indem wir sein Verbot übertraten und ihn damit als Gesetzgeber abschafften; ein zweites Mal, als wir sein Versöhnungsangebot, das er uns in Gestalt seines Sohnes machte, radikal ausschlugen. In der Nachfolge Nietzsches haben die Existenzphilosophen von Heidegger bis Jaspers und von Sartre bis Camus die ungeheuren Anstrengungen dargestellt, die der allein auf sich selbst gestellte Mensch übernehmen muss, um seine Freiheit wahrzunehmen und Anfechtungen aller Art zu widerstehen.

Das Unternehmen Menschheit war immer und ist ständig gefährdet; ein endgültiges Scheitern scheint nicht ausgeschlossen. Dennoch ziehen wir die Freiheit — obwohl sie es ist, die Möglichkeiten zum Guten und zum Bösen eröffnet — einem konfliktfreien Zustand vor, der Unfreiheit zementiert, wie dies die schwarzen Utopien des 20. Jahrhunderts veranschaulichen. Man kann Menschen ihres Willens berauben, sie programmieren und zu gefügigem Herdenverhalten abrichten. Kein Neid, kein Streit, keine Feinde und keine Kriege mehr — aber auch keine Freiheit mehr.

Freiheit ist ein Menschenrecht, und ein Paradies ohne Freiheit ist bei Licht besehen die Hölle. Gerade die Sehnsucht nach einer friedlich kooperierenden Weltgesellschaft hat jedoch oft zu ideologischen Verhärtungen geführt, die ihrerseits wieder neue Feindschaft stifteten, weil die eigene Kultur, die eigene Weltanschauung verabsolutiert und die fremde als minderwertig deklariert wurde. Die Achse des Bösen ist nicht geographisch lokalisierbar; sie verläuft durch den Kopf.

Die beiden Bäume im Paradies sind Mahnung und Aufforderung ineins. Sie warnen vor der Hybris des Menschen, der dazu tendiert, jede Grenze zu überschreiten. Aber sie erinnern auch daran, dass das Leben das kostbarste Gut ist und die menschliche Vernunft ein der Aufklärung verpflichtetes kritisches Vermögen, das die von Menschen gesetzten Ziele nicht nur daraufhin befragt, ob sie erreichbar sind, sondern ob es überhaupt wünschenswert ist, dass sie erreicht werden. Der Baum des Lebens ist ein Symbol für die physische und psychische Unverletzlichkeit der Person, die es jederzeit zu schützen gilt. Unsterblichkeit hingegen kann von einem Wesen, dessen Körper den Bedingungen der Zeit unterliegt, sinnvollerweise nicht erstrebt werden. Der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse ist ein Symbol für die sich selbst begrenzende Freiheit. Absolute Freiheit kann von einem Wesen, das weder allwissend noch allmächtig ist, sinnvollerweise nicht begehrt werden. So stehen die beiden Bäume im Garten Eden für ein Mass, das jedes Individuum für sich persönlich als seine Sinnmitte finden muss, dabei bedenkend, dass sein kleines Gärtchen Teil eines grossen Gartens ist, zu dessen Gedeihen es in solidarischer Verantwortung ebenfalls Sorge zu tragen hat.