Maeder predigt

Hans Saner predigt

Am Sonntag, 26. Januar 2003, predigte Hans Saner um 10.30 Uhr in der Elisabethenkirche.

Predigtthema: Für eine Oekumene der Differenzverträglichkeit

Liebe Anwesende,

als Moses zum zweiten Mal auf den Berg Sinai gestiegen war und nach 40 Tagen zurückkehrte, vernahm er ein singendes Geschrei und sah, wie das Volk im Lager ein goldenes Kalb umtanzte. Da packte ihn ein unbändiger Zorn. Was dann geschah, wird im 2. Buch Mose 32, in den Versen 25-28, wie folgt berichtet:

"Als nun Moses sah, dass das Volk ausser Rand und Band geraten war..., trat er ins Tor des Lagers und rief: Wer für Jahwe ist, her zu mir! Da sammelten sich zu ihm alle Leviten. Er aber sprach zu ihnen: So spricht Jahwe, der Gott Israels: Gürtet euch ein jeder sein Schwert um, geht im Lager hin und her von einem Tor zum andern und tötet auch den eigenen Bruder, Freund und Verwandten! Und die Leviten taten nach der Weisung Moses, und so fielen vom Volk an jenem Tage gegen dreitausend Mann."

Von Jesus von Nazareth und seinen Jüngern, die zum Teil bewaffnet waren, werden in den Evangelien zwar keine Grausamkeiten berichtet, wohl aber eine Anzahl von Verwünschungen radikalster Art. Ihre angeblichen Nachfolger hingegen stellten in den Kreuzzügen, in der Inquisition und den Hexenverfolgungen, im Antijudaismus, Antisemitismus und Antiislamismus alles in den Schatten, was sich das Volk Israel jemals erlaubt hatte. Und der Islam war in den Zeiten der Eroberungen und des Jihad nicht minder grausam. Diese Geschichte der religiösen Gewalt hielten wir offenbar zu früh für beendet. Es gehört zu den Enttäuschungen des angebrochenen Jahrhunderts, dass ihre Heftigkeit weltweit zunimmt und im Kleid der kulturellen Gewalt neue Formen der Glaubensverbrechen und neue Typen des Verbrechers hervorbringt: technisch versierte und wissenschaftlich geschulte, weltweit vernetzte, absolut rücksichtslose Mörder, die ihren Fanatismus in der Berufung auf ihren Glauben nicht nur rechtfertigen, sondern geradezu heiligen. Das sind ihrem Wesen nach weder Klassenkämpfer noch Polit-Terroristen, sondern martyriumssüchtige Heilskämpfer aus einem indoktrinierten religiösen Wahn.

Warum diese Grausamkeiten in den drei abrahamitischen Offenbarungsreligionen, die sich doch alle zu einem Reich Gottes bekennen, dessen Friede "höher ist denn alle Vernunft"? -

Es liegt keineswegs am Glauben als solchem, aus dem, mehr oder weniger, jeder Mensch in seiner Ungewissheit handelt, noch an der Frömmigkeit, die ja auch mildtätig, friedfertig und bescheiden sein kann, noch an der Institutionalisierung des Religiösen zu Religionen, die auch - wie etwa der Buddhismus - differenzverträglich sein können. Wenn aber ein religiöses Angebot zu einem religiösen Anspruch verkehrt wird; wenn die religiösen Grundbücher, die doch Texte von Menschen sind, kanonisiert werden; wenn der Kanon schliesslich zum geoffenbarten, reinen Wort Gottes erhoben und auch noch dessen Verständnis in der Tradition dogmatisiert und dogmatisch indoktriniert wird, dann ist die religiöse Gewalt fast unabwendbar. Denn nun wähnt man sich im Besitz der absoluten Wahrheit, die zum unerschütterlichen Fundament des Lebens werden soll. Der Wahn dieses Wähnens ist der Fundamentalismus. Von ihm ist es ein kleiner Schritt zu dem Gedanken; "Wehe denen, die nicht glauben, was und wie man glauben soll! Sie sind alle verloren!" Und da man doch kein Volk und keinen Menschen dem Unheil überlassen möchte, bringt man in der Mission die frohe Botschaft und die eigene Heilsgewissheit auch den anderen, die nun ihr Recht, anderes und anders zu glauben verlieren. So jedenfalls war und ist es in den grossen christlichen Kirchen.

Die Folge dieser Verkettung war der religiöse Überlegenheitsanspruch. Er ist allen Offenbarungsreligionen eigen als notwendige Folge des vermeintlichen Besitzes der absoluten Wahrheit. Er kann indes noch mit einer gewissen Milde verbunden sein. Dann ist der eigene Glaube zwar der wahrste und höchste. Aber sein Anspruch gilt nicht für alle Menschen, sondern nur für das einzige von Gott auserwählte Volk - wie im Judentum, das deshalb nie missioniert hat. Oder er kann andere Offenbarungen als Vorstufe der letzten und definitiven bedingt respektieren wie der Islam, der die Buchreligionen tolerierte und im Rahmen einer Abgabepflicht auch beschützte, aber strikt unduldsam gegen alle Religionen ohne schriftliche Offenbarung war. Erst wenn der Überlegenheitsanspruch sich zum universalen Ausschliesslichkeitsanspruch steigert, verschwindet im Prinzip auch alle Milde und alle Duldung. Das ist, leider, das böse Erbe der christlichen Theologie. Sie hat dem einen und einzigen Gott in ihrer Tradition eine Adresse gegeben, hat ihn verörtlicht, verzeitlicht, verleiblicht und verbildlicht. Nun war die eine und einzige Wahrheit zum Greifen nah, aber ausschliesslich dem, der sie in dieser Person als inkarnierte annahm. Man berief sich bei dieser Bekanntmachung Gottes direkt auf zwei Worte des Jesus von Nazareth: "Wer nicht für mich ist, ist wider mich." (Matth.12, 30) Und: "Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater denn durch mich." (Joh. 14.6) Von den Offenbarungsreligionen ist allein das Christentum in diese Falle der Vergöttlichung eines Menschen gegangen.

Lassen Sie mich für die möglichen Folgen dieses Glaubens ein Beispiel geben. Karl Barth vergleicht in seiner "Kirchlichen Dogmatik" die japanische Glaubenslehre des Jadoismus mit dem Protestantismus des 16. Jahrhunderts und insbesondere mit dem Luthertum und findet manche erstaunliche Parallele. Er sagt zusammenfassend, dass die Existenz des Jadoismus "eine providentielle Fügung zu nennen" (KD 1,2, 376) sei, weil er, gerade durch die Ähnlichkeiten, zum Bewusstsein bringe, "dass über Wahrheit und Lüge zwischen den Religionen nur Eines entscheidet. Dieses Eine ist der Name Jesus Christus." (ibid.). Weil dieser Name aber nicht das Fundament des Jadoismus ist, gelte für dessen Anhänger, dass sie, trotz aller Ähnlichkeiten im Glauben, nicht aufhören, "arme, gänzlich verlorene Heiden zu sein" (ibid.).

Was soll man sagen, wenn der grösste protestantische Theologe des 20. Jahrhunderts so spricht? Wir wollen nicht urteilen, aber doch fragen: Was hilft uns ein solcher Glaube in einer Welt, die immer inter- und multikultureller wird und in der sich die Anhänger der unterschiedlichsten Religionen nicht allein auf inszenierten Gebetsveranstaltungen oder bei kirchenfürstlichen Besuchen begegnen, sondern in den Strassen jeder grösseren Stadt? Wie kann ein religiöser Friede als integraler Teil eines Weltfriedens möglich werden, wenn jeder nicht-christliche Glaube als Werk der Lüge diffamiert wird und ein jeder, der in diesem Glauben steht, als ein armer und gänzlich verlorener Heide? Der Überlegenheitsanspruch ist böse wie alle Überheblichkeit. Aber der Ausschliesslichkeitsanspruch ist das radikal Böse in der Religionen.

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Radikal böse ist der Ausschliesslichkeitsanspruch, weil er die Friedensfähigkeit und die Gemeinschaftsfähigkeit mit anderen Religionen zerstört. Es wird deshalb zur Frage, wie diese beiden Tugenden in den Religionen verlässlich verankert werden können, so dass sie nicht länger Teil der organisierten Friedlosigkeit sind, sondern ihre Chance wahrnehmen, dem so zerbrechlichen Frieden in der Welt eine Stütze zu sein.

Nichts zwingt die Theologen, die Oberhäupter der Kirchen, die Pfarrer und Pfarrerinnen und die Glaubenden, sich an jenen Textstellen ihrer Offenbarungen zu orientieren, die die Ausschliesslichkeit rechtfertigen, die Urteile der Verdammnis fällen und die Gewalt heiligen. Denn in allen Offenbarungen gibt es auch Texte der Öffnung und Ermahnungen zur Friedfertigkeit. So etwa ist in den Evangelien nicht nur der Ausspruch Jesu überliefert: "Wer nicht für mich ist, ist wider mich"(Matth. 12,30), der der Logik des ausgeschlossenen Dritten, des Entweder-Oder, folgt und deshalb alle zu Gegnern erklärt, die nicht Anhänger sind, sondern zweimal auch der Ausspruch: "Wer nicht wider mich ist, ist für mich" (Mark.9, 40; Luk.9, 50), der Raum für eine dritte Lösung lässt: für die Toleranz mit jenen, die nicht Gegner, aber auch nicht Anhänger sind. Ebenso steht neben dem ausschliessenden Wort: "Niemand kommt zum Vater denn durch mich" das grosszügige: "In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen." (Joh. 14, 20) Und schliesslich mahnt die Bergpredigt eindringlich zur Feindesliebe und überschreitet damit weit jeden Toleranzgedanken.

Warum die kirchliche Orientierung in der Tradition nicht an Worten dieser Art erfolgt ist, lässt fast nur eine Antwort zu: Jede Öffnung ist mit einem Verlust an Macht, an Sicherheit und an Stringenz der Dogmatik verbunden und kränkt den Stolz der Auserwähltheit. Deshalb ist in den christlichen Kulturen der Toleranzgedanke weder von den Kirchen ausgegangen noch durch sie gefördert worden, sondern durch säkulare Bewegungen: durch den Humanismus, das Völkerrecht und die beginnende Aufklärung in Philosophie und Dichtung. Die christlichen Kirchen sind in dem Mass toleranter geworden, wie sie von diesen säkularen Bewegungen ergriffen worden sind, einige mehr, andere weniger, aber alle, wenn überhaupt, vorerst nur im Verhältnis zu anderen christlichen Konfessionen. Was sich im Aufbau der ökumenischen Bewegung nach dem Zweiten Weltkrieg "Weltkirchenrat" genannt hat und noch nennt, war und ist keineswegs eine offene Gesprächskultur zwischen den Oberhäuptern oder den Vertretern aller Religionen, sondern eine Ökumene vieler, aber nicht aller christlichen Konfessionen. Sie wurde definiert als "eine Gemeinschaft von Kirchen, die Christus als Gott und Erlöser annehmen" (LThK 7, 1131) und die drei Schwerpunkten der kirchlichen Aufgaben zustimmen: der Einheit der christlichen Kirchen, der Mission und dem Dienst in der Nachfolge der Glaubensweisung, "demselben Herrn und gehorchen" (1133). Das Überlegenheitsbewusstsein den nicht-christlichen Religionen gegenüber ist auch das Fundament des Weltkirchenrates. Sein Titel ist eigentlich eine Anmassung. Denn eine Ökumene der christlichen Konfessionen ist noch keine Weltökumene der Religionen, ja sie verhindert diese so lange, als sie das eigene Kerygma zur Bedingung der Gemeinschaft macht.

Setzt also die Idee einer universalen Ökumene der Religionen universale Toleranz voraus? Sie wäre gewiss für den religiösen Frieden in der Welt eine weit bessere Vorgabe als jeder wie auch immer geartete Glaubensanspruch. Aber blosse Toleranz allein schafft noch keinen Frieden.

Warum ist das so?

In aller Toleranz als Duldung - gehe es nun um religiöse, weltanschauliche oder politische Toleranz - liegt ein Machtgefälle zwischen dem, der toleriert, und dem, der toleriert wird. Sie wird immer von oben nach unten gewährt, von der Mehrheit einer Minderheit, und ist insofern ein Gnadenakt der Macht. Selbst wenn sie verrechtlicht wird, ist ihre Struktur nicht horizontal; denn die Macht definiert ihren Inhalt und ihre Grenzen. Die Pole von oben und unten sind in ihr nicht austauschbar. In einer christlichen Kultur tolerieren die Christen die Juden. Wenn in ihr die Juden sagten, dass sie die Christen tolerieren, würde das von den Christen als Anmassung empfunden - und umgekehrt in einer jüdischen Kultur. Toleriert wird zudem immer das, wovon man eigentlich möchte, dass es nicht wäre. Das ist der Widerspruch der Toleranz, in deren Fundament gleichsam der Bodensatz der Intoleranz liegt. Deshalb ist der Umschlag aus der Toleranz in die Intoleranz in Krisenzeiten so schnell möglich, was sich in den europäischen Diktaturen des 20. Jahrhunderts oft gezeigt hat. Toleranz ist schliesslich immer dort, wo es Freiheit (noch) nicht gibt. Ja man muss geradezu sagen: Toleranz und Freiheit schliessen sich aus. Denn wo es religiöse Freiheit gibt, gibt es ein Grundrecht und nicht bloss Akte der Gnade oder der Gewährung.

Nun mag es zwar scheinen, dass Konfessionen, Riten, Meinungen oder Handlungen Gegenstand der Toleranz seien. Aber sie sind immer Konfessionen, Riten, Meinungen und Handlungen von Menschen. Menschen bloss zu dulden, ist nicht die Art, wie wir mit ihnen umgehen sollten. Schon am Beginn der Toleranz-Bewegung haben dies die wachen Köpfe gesehen. Kant etwa hat gesagt, dass "Toleranz" ein hochmütiger Name (WA VIII, 40) sei, weil er ihr Machtgefälle und ihren Mangel an Freiheit durchschaut hat. Und Goethe hat in seinen "Maximen und Reflexionen" (W IX, 614) den wunden Punkt der Toleranz exakt erfasst:

"Toleranz", so heisst es bei ihm, "sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein; sie muss zur Anerkennung führen. Dulden heisst beleidigen."

Wie gross und wie wichtig also auch der Fortschritt aus dem Zeitalter der religiösen Kämpfe und Zwänge in die wechselnden Zeiten der Toleranz gewesen sein mag: selbst die universale Toleranz, die keineswegs schon erreicht ist, wäre nicht genug und noch nicht der religiöse Friede, sondern nur ein Waffenstillstand zwischen allen Religionen, der im Rückfall in die "bodenständige" Intoleranz auch in Zukunft wieder gebrochen werden kann. Vor allem aber ist sie im Zeitalter der multikulturellen Gesellschaften nicht genug, in dem es zur alltäglichen Erfahrung wird, dass nicht alle Menschen denselben Glauben haben und dass die Religionen sie nicht, wie in monokulturellen Gesellschaften, vereinen, sondern trennen. Wenn nun diese Trennung auch noch durch die hochmütige Attitüde der blossen Duldung zur ständigen Beleidigung wird, dann entsteht ein gesellschaftliches Klima der wechselseitigen Verachtung, das zum Abbruch der Kommunikationen führt und dadurch alle wechselseitige Kenntnis verhindert. Zwar ist ein Waffenstillstand erreicht; aber unter ihm brodelt die latente Gewalt.

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Wie könnte man den Schritt von der Toleranz zur Anerkennung gehen? Hans Küng hat in seinem "Projekt Weltethos" den interreligiösen Dialog mit Nachdruck auf allen Ebenen der religiösen Institutionen, der Wissenschaften und der alltäglichen Begegnungen gefordert (169 ff.). Man kann ihm darin nur zustimmen. Die Kommunikations- und Kooperationsbereitschaft ist eine Grundbedingung des religiösen Friedens. Entscheidend allerdings scheint mir zu sein, in welcher inneren Haltung solche Dialoge geführt werden. In dieser Hinsicht ist Küng ein orthodoxer Theologe, für den als Christ, wie er ausdrücklich bekennt, es nur "die eine wahre Religion" gibt: "das Christentum, insofern es den einen wahren Gott, wie er sich in Jesus Christus kundgetan hat, bezeugt" (129). Allein Jesus sei "normativ und definitiv, er allein der Christus Gottes..., er, der Weg, die Wahrheit und das Leben'"(128). Gemessen an der einen wahren Religion aber seien alle anderen bloss "mit Vorbehalt wahre... Religionen" (129). Der arme Jesus muss sich schwer getäuscht haben, als er einem Jüngling, der ihn mit "guter Meister" anredete, entgegnete: "Was nennst du mich gut? Niemand ist gut, denn der einige Gott." (Matth. 19,17) - Wie aber führt man einen interreligiösen Dialog im Wahrheitsvorbehalt gegen alle anderen Religionen und in der Wahrheitsgewissheit für das Christentum allein? Wird da nicht auch die Anerkennung unter Vorbehalt gestellt?

Zur Anerkennung aller grossen Religionen führt bei Küng noch ein anderer Weg: Er fragt, quer zu den Unterschieden der Religionen, nach den "Maximen elementarer Menschlichkeit" (82), die alle verbinden. Sie heissen: "nicht töten; nicht lügen; nicht stehlen; nicht Unzucht treiben; die Eltern achten und die Kinder lieben" (82). Es seien die unbedingt und universal geltenden Normen, die von einem Absoluten her begründet werden, was allein die Religionen vermögen. Sie sind deshalb nicht nur die Grundnormen des religiösen Friedens, sondern des integralen Friedens der Welt, die Grundnormen, die unter dem Begründungsprimat der Religionen die Menschheit insgesamt verbinden. Der allgemeine Wille zum Gehorsam gegen sie und ihre "zahllosen Applikationen" (82) sei das uralte, gegenwärtig notwendige und in die Zukunft weisende Weltethos.

Ich will nicht fragen, warum denn Moses so schrecklich gehandelt hat: ausdrücklich in der Berufung auf Jahwe, sondern nur auf ein Problem aller Weltkonzepte hinweisen: Sie sind nur möglich in der Abstraktion von unzähligen Differenzen. Da das Besondere des Konkreten niemals in ein Allgemeines eingehen kann, werden Welt- und Einheitskonzepte notwendig gewalttätig, und das ganz besonders, wenn sie als definitiv und vorgegeben angesehen werden. Wer hat die Vollmacht dazu ohne Anmassung? Nur etwas könnte sie aus der Gewalt befreien: dass sie nicht gegeben, sondern aufgegeben sind und durch freie, drohungslose Zustimmung der Betroffenen zur Geltung kommen. Deshalb scheint mir die Tugend, die wir erlernen müssen, nicht der Gehorsam gegen das Vorgegebene und Allgemeine zu sein, sondern die Differenzverträglichkeit, die dem Besonderen gerecht zu werden versucht und es in seiner Besonderheit anerkennen kann. Das ist umso notwendiger, als wir in den frühen Lebensjahren die Identifikation mit unserer Kultur und mit unserer Religion über eine anerzogene Differenzempfindlichkeit und Differenzunverträglichkeit aufbauen. Das Andere ist das Fremde, und alles Fremde macht Angst.

Die Differenzverträglichkeit ist nicht bloss eine Konzession an die Pluralität, die man lieber nicht hätte, weil man auf der Suche nach Einheitskonzepten ist. Sie ist nicht ein Gnadenakt im Mangel an Freiheit und Anrechten. Und sie duldet nicht bloss, wo man anerkennen müsste. Sie anerkennt vielmehr das Grundrecht auf eine eigene Kultur, sofern diese andere Lebensformen nicht schädigt. Sie geht davon aus, dass kein Einzelner und keine Gruppe weiss, wie alle leben sollen, keine Minderheit und keine Mehrheit, was alle glauben müssen. Sie zwingt deshalb keinem sein Glück und sein Heil auf. Ihre Moral ist die Achtung vor dem Anderen, die durch Kommunikation und Kooperation konkret wird. Aus dieser Achtung sucht sie nach Gerechtigkeit und über sie hinaus nach Solidarität. Denn sie weiss um ihr eigenes Ungenügen vor der Gegenmacht der Differenz: vor der Gleichheit. Die Gleichheit vereint. Aber die Differenz wahrt das Besondere und bereichert.

Dass die Differenzverträglichkeit durch ihre Aufmerksamkeit für die spezifischen Besonderheiten und durch die Anerkennung eines Grundrechts auf eine eigene Kultur dem multikulturellen Alltagsleben in ihrer Grosszügigkeit angemessener ist als die blosse Duldung oder gar die verlangte Assimilation, leuchtet wohl ein. Aber was bringt sie dem religiösen Frieden und was verlangt sie von den Religionen?

Die Differenzverträglichkeit befragt die Religionen nicht primär, worin sie übereinstimmen; denn diese Frage verdeckt nur die Besonderheiten einer jeden. In den spezifischen Differenzen aber zeigt sich das je eigene Wesen einer Religion. Die anderen Religionen haben Probleme mit ihnen und nicht mit der Gleichheit, und mit diesen Differenzen müssen sie leben lernen, im Respekt vor ihnen. Was bedeutet es denn für die Kenntnis des Buddhismus, dass auch er sich zu den 5 Grundnormen des Weltethos bekennt, die übrigens alle jüdisch-christlicher Herkunft sind, wenn die Unterschiede zum Christentum doch so gross sind wie zwischen einer Religion mit einer Gottesidee und einer Religion ohne sie, einer Religion mit der Vorstellung von Seelen und einer ohne sie, einer Religion mit der Verheissung des ewigen Lebens und einer Religion mit der Verheissung des ewigen Nicht-mehr-leben-Müssens? In den Besonderheiten zeigt sich der Reichtum des religiösen Lebens. Dieser Reichtum im Erdenken des Transzendenten - ohne von ihm natürlicherweise das Geringste wissen zu können: das spricht eindrücklicher für das religiöse Bedürfnis der Menschen als eine handvoll übiquitärer Normen.

Die Differenzverträglichkeit kann in jeder Religion einen spezifischen Versuch sehen, der Welt und dem Dasein Sinn zu verleihen und einen Heilsweg aufzuzeigen, in dem sich dieser Sinn manifestiert und erfüllt. Wenn alle Religionen anerkennen können, dass es legitimerweise viele Sinngebungen gibt, weil diese nicht objektive Eigenschaften der Welt und des Daseins sind, sondern unterschiedliche Zuschreibungen im Hinblick auf etwas Transzendentes, dann verschwindet die objektive Wahrheitsfrage. Es gibt keine Religion, die objektiv wahrer ist als die anderen. Der Sinn wird zur Wahrheit, der sich für mich und in mir bewährt, aber vielleicht nicht der Sinn auch für den Anderen ist. Von diesem Sinn mag ich zurecht sagen, dass er für mich wahrer sei als ein anderer, aber nicht, dass er objektiv und für alle der wahrste sei. Da hilft auch keine Berufung auf die Transzendenz. Denn es gibt, objektiv, keinen Namen, der sie erreicht. Sie hat keine Adresse und keinen Sitz. Und deshalb müssen alle Religionen den Anspruch auf einen objektiven Vorrang fallen lassen und jeder Versuchung entsagen, alle Menschen auf den eigenen Glauben verpflichten zu wollen. Diese Bescheidung ermöglicht eine Ökumene der Differenzverträglichkeit und mit ihr den religiösen Frieden. Sie verkleinert nicht den Sinn der einzelnen Religionen, sondern stellt ihn in ein Geheimnis.