Schindhelm Predigt

Michael Schindhelm predigt

Am Sonntag, 24. Juni, predigte Michael Schindhelm um 10.30 Uhr in der Elisabethenkirche.

Predigtthema: „... dass ihr nicht widerstreben sollt dem Übel.“ (Matthäus 5,39).

Der Gottesdienst meiner Kindheit hatte etwas Festliches. Da ich in einem Kurbad für Herz- und Kreislaufkranke aufwuchs, liessen sich die Erwachsenen, denen ich unter der Woche auf den Strassen und in den Parks begegnete, in zwei Kategorien einteilen: Es gab Leute in Trainingsanzügen und Leute in weissen Kitteln. Die einen um die Gesundheit der anderen bemüht. Stiegen wir aber sonntags den Kirchberg zur Friedenskirche empor, begegneten wir ausschliesslich älteren Damen und Herren in vorzugsweise dunklen Kleidern und Anzügen oder in langen Mänteln, die sie im Winter in der Kirche anliessen. Und dann sangen wir alle „Wir loben, preisen, anbeten dich“, und das war fast so schön wie Heiligabend und Ostseestrand.

Später begannen die Kalamitäten. Der Schöpfer sah hinab auf die Erde, auf die Geraden und die Ungeraden, die Glücklichen und die Unglücklichen, und sprach: „Und siehe, es war alles gut!“ Diese Auskunft beschäftigte mich derart, dass ich die ersten Strophen des nachfolgenden Kirchenliedes versäumte und stattdessen mit scharrenden Füssen in der Bank hockte und diesen Satz in mich hinein wiederholte. Wieso war alles gut? Hatte ich nicht gerade in Nadelarbeit eine Vier bekommen und mir beim Volleyballspiel einen Fingernagel abgerissen? Und siehe, es war alles gut? Wo mich Veronika nicht zu ihrem Kindergeburtstag eingeladen und Bayern München gegen Mönchengladbach verloren hatte?

In unserer Nachbarschaft gab es einen Jungen, der ein Jahr älter als ich war, stark, dunkle Locken, und an einem Schneidezahn blinkte eine Goldecke. Ich bewunderte Matthias, niemand wagte es, mit ihm zu prügeln. Wollte ich mit ihm spielen, dann gab es nur „Indianer im Sand“. Das ging so: Im Hof von Matthias’ Eltern stand eine kleine Sandkiste. Dort vergruben wir, so gut es ging, abwechselnd die fingergrossen Indianerfiguren, die dem Gegenspieler gehörten: den Braunen Bär, den Schnellen Pfeil, Winnetou und Leichtfuss. Waren die Indianer vergraben, musste sie der andere ausgraben. Dafür hatte er fünf Minuten Zeit. Figuren, die er nicht fand, gingen in den Besitz des Gegners über. Man durfte sie aber auch zurückkaufen. Dann stand es dem siegreichen Gegner frei, dem gefangenen Indianer vor der Übergabe eine Hand abzuschneiden, mit der Schere, die Matthias zu diesem Zweck aus dem Besteckkasten in der Küche entwendete. Seit ich zugesehen hatte, wie Matthias Silberlöwe den Arm samt Speer abgeschnitten hatte, überliess ich ihm jede Figur, die ich nicht ausgegraben hatte. Bald hatte ich keine Indianer mehr, und das Spiel war aus.

Und nun hatte der Mann auf der Kanzel befunden, es war alles gut. Vor ein paar Tagen hatten ein paar Jungs aus der 9. Klasse den Bernd auf dem Sportplatz mit einer Wäscheleine an einen Torpfosten gefesselt und Zielschiessen veranstaltet. Bernd hatte vor lauter Angst nicht einmal einen Versuch gemacht zu fliehen, als die Jungs aufgetaucht waren. Er wäre auch ohne Wäscheleine am Pfosten stehen geblieben. Als er aus der Nase blutete, drehten sie ihn mit dem Gesicht zum Pfosten und schossen weiter, bis der Trainer nach ihnen rief. Ich hatte mich am Anfang mit den anderen hinter dem Klohäuschen versteckt und von dort die Sache beobachtet. Sobald ich mich nun an die Geschichte erinnerte, begann ich zu zittern. Auch hier in der Kirchenbank. Ich zitterte aus Angst vor den Jungs, aus Angst um Bernd und aus Wut über meine Angst und meine Feigheit. Auch den Trainer umgab eine sinistre Aura. Seines frühen Haarausfalls wegen nannte man ihn Kojak. Mit einem Lieferwagen fuhr er Transporte zwischen den Kliniken. Einmal hatten wir herausgefunden, dass er frischen Pflaumenkuchen geladen hatte. Der Wagen stand in der Garage am Sportplatz. Werner öffnete die Hecktür. Tatsächlich lagen Bleche mit Pflaumenkuchen auf dem Boden. Kojak hatte ausserdem einen Karton mit künstlichen Gebissen transportiert, der sich während der Fahrt geöffnet und seinen Inhalt in den Wagen verstreut hatte. Nun grinsten uns die herrenlosen Zahnreihen aus dem Pflaumenkuchen entgegen.

Nein, das war alles bestimmt nicht gut. Auch Frau Kestel nicht, die alte Frau, die bei uns im Haus wohnte und der ich zwei Mal wöchentlich Kohlen in Pappeimern aus dem Keller herauftrug, zweiundvierzig Stufen, und die roten Druckspuren der Drahthenkel fand ich noch Stunden später in meiner Hand. Frau Kestel hatte vor ein paar Jahren ihren Mann verloren. Seitdem verliess sie nur noch selten unser Haus, ein ehemaliges Hotel, liess sich von Herrn Pfannstiel aus dem Geschäft im Parterre und von mir bedienen und hockte meistens am Fenster, wenn ich ins Zimmer trat und die Eimer neben dem Kanonenofen übereinander stapelte. Meine Arbeit belohnte die Alte mit einem ununterbrochenem Gezeter über die Leute, die sie draussen auf der Strasse vorbeigehen sah, über die Verwandten aus dem Westen, die im letzten Paket wieder den falschen Kaffee geschickt hatten, und Herrn Pfannstiel, der es auf ihre Erbschaft abgesehen haben sollte. Von Frau Kestel ging ein tiefer süsslicher Geruch aus, seit sie auf der Treppe gestürzt war, hinkte sie am Stock durch die kahlen Zimmer, die einst als Speisesaal gedient hatten. Am liebsten war mir, sie blieb am Fenster sitzen, solange ich mit den Kohlen zu tun hatte, denn gegen das Licht von draussen musste ich die grosse rote Warze nicht sehen, die unter ihrer Nase hervorblitzte. Unser Gemeinschaftskeller war ein langgestrecktes, niedriges Sandsteingewölbe, der Stein glänzte in schwarzer Feuchtigkeit, die Treppenstufen waren schmierig und ausgetreten, an wenigen Stellen baumelten Glühbirnen von der Decke, Spinnweben knisterten im Haar, ansonsten herrschte dort unten Totenstille. Frau Kestels Kohlenverschlag lag ganz am Ende des Ganges. Ohne Taschenlampe konnte man nicht einmal das Schloss vor dem Verschlag finden. Ausser Kohlen lagerte sie dort runzlige Äpfel, die immer wieder angefressen wurden. Einmal lag eine tote Ratte neben den Stiegen. Nachdem ich beim Zielschiessen auf Bernd zugesehen hatte, ging ich die darauffolgenden Tage ohne Taschenlampe zu diesem Verschlag, kauerte mich neben die Stiegen und zählte im Stillen bis Fünfhundert. Das war die Strafe für meine Angst. Ich zählte und hörte gespannt in die Stille hinein. Begann es neben mir zu rascheln, drückte ich die Kiefer aufeinander und riss die Augen soweit auf wie ich konnte. Einmal huschte etwas über meinen Fuss. Ich trug in der Sandale keinen Strumpf und pinkelte mir für einen Augenblick in die Hose. Resigniert liess ich darauf von weiteren Mutproben ab. So leicht war die Angst vor dem Bösen eben nicht zu bändigen. Es wurde stark. Nicht nur in Frau Kestels Keller.

Das Böse etablierte sich mit der Schule, und je länger ich dorthin gehen musste, umso grösser schien es zu werden. Nicht, weil ich ein schlechter Schüler war, sondern weil ich zu lernen hatte, dass Gefahr drohte bei allem, was man tat und sagte. Die Regierung des Landes hatte vorgegeben, ein besseres Land aus der Heimat zu machen, mit glücklichen Menschen, steigender Produktion, Frieden, Fortschritt, Olympiasiegern, fröhlichen und berufstätigen Müttern, zuverlässigen und starken Vätern. Ich gehöre zu den letzten Jahrgängen, die noch die Verse der Nationalhymne lernten. „Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt“, hiess es da und „dass die Sonne schön wie nie über Deutschland scheint“. Inzwischen war das Deutschland geteilt, die Regierung hatte um das Land und seine letzten Ruinen einen Stacheldraht gezogen und die berüchtigte Mauer gebaut, um ihr Vorhaben von mehr Glück, Frieden und Sonne nicht zu gefährden. Es herrschte die Diktatur des Proletariats, und da hatte man sich vorzusehen. Das hatte ich zu Hause gelernt: „Im Kreis der Familie war nicht alles erlaubt, aber vieles, das draussen verboten war. Die Eltern lebten den privaten, nach aussen getarnten Widerstand gegen höhere Autoritäten und machten sich damit ihm gegenüber zum Komplizen gegen jede Autorität. Vater und Sohn teilten ein gefährliches Geheimnis vor der Welt: das öffentliche Tabu der Freiheit. Die Liebe zu den Eltern wurde von Anteilnahme an ihrer unumwundenen Ohnmacht gegenüber dem Strömen rings um die Nussschale durchzogen. Die Maske der nach innen gerichteten Ironie bot Schutz und erzeugte eine zentripetale konspirative Kraft: der Hort der Familie, eine DDR-spezifische Variante antiautoritärer Erziehung.“

 

Der Staat, in welchem ich aufwuchs, beschränkte nicht nur meine Freiheit, er verteufelte sie

 

auch. Die Freiheit war das Böse, sofern sie nicht – nach Friedrich Engels – Einsicht in die

 

Notwendigkeit war, dass es keine Freiheit geben konnte. Die Friedenskirche in meiner Heimat

 

machte nicht frei, aber ein bisschen freier. Die Kirche, das war nicht der Staat. Wenn schon

 

kein Protest an den dürftigen Verhältnissen laut werden durfte, so doch immerhin

 

Protestantismus.

 

 

Das Bekenntnis zum christlichen Glauben war zwar nicht verboten, aber es markierte eine Grenze zu den offiziellen Strömungen der sozialistischen Gesellschaft. Das konnte z.B. so aussehen:

„Der Lehrer hieß einzelne Klassengefährten aufstehen und erklären, warum sie nicht in die Kirche gingen, und sie antworteten vermutlich wahrheitsgemäß, was in ihren Fällen unverfänglich war. Keiner hatte mit Gott und solchen Sachen etwas zu tun. Außer mir. Ich besuchte wöchentlich mit zwei Mädchen aus der Nachbarklasse den Katecheten, in immer dichteren Abständen sogar den Sonntagsgottesdienst.

Kunszewa hatte einen Ulbricht-Bart und kollerte wie ein Truthahn. Klein und zierlich, suchte er durch Schikanen wettzumachen, was ihm der Körper versagt hatte. Nun war die Reihe an mir, auseinanderzusetzen, weshalb ich nicht wie die anderen zum Jugendweiheunterricht ging, sondern in die Kirche. Die Sache war um so delikater, als daß ich auf die Möglichkeit verzichtet hatte, auf beiden Hochzeiten zu tanzen und den geistlichen wie den weltlichen Segen zu empfangen. Gewiß wäre dies die adäquat schizoide Reaktion gewesen, einem Kind und dessen Eltern auf der Höhe ihrer Zeit ganz und gar angemessen. Wir hatten die Hintertür nicht genommen.

Da ich dem Lehrer nicht gleich Rede und Antwort stand, sondern aus dem Fester schaute, zum Aschenberg hinüber, und schwieg, setzte mich Kunszewa vor die Tür, freilich nicht ohne ein gehöriges Akkompagnement von Flüchen und Drohungen. Mußt mir meine Hütte doch lassen stehn. Ein Stabreim war das, hatte ich gelernt, wie Hallelujah Herr im Himmel.

Als ich wenige Minuten später wieder hereingerufen wurde, möglicherweise nicht zufällig durch Lutz, mit dem ich in Streit lag, schien sich die Sache entspannt zu haben. Ich setzte mich auf den Platz und wurde von meinem Ankläger in jeder Hinsicht gemieden. An der Tafel ging es um Willi Bredel, ich hatte damit nichts zu tun. Wieder sah ich zum Aschenberg, an einer Stelle rodelten Kinder.

Je ruhiger ich wurde, um so deutlicher trat der Haß hervor. Kunszewas Absicht war, mich lächerlich zu machen. Entweder, in dem ich alles auf die Eltern schob, womit ich meine Feigheit bewiesen hätte ,oder, indem ich bekannte, an Gott zu glauben. Ich hätte genügend Lacher gegen mich gehabt. Vor einem Jahr hatte er allen im Diktat eine fünf verordnet, weil Kathrin und Patrizia, die Zwillinge, voneinander abgeschrieben hatten. Seitdem hieß Kunszewa Iwan der Schreckliche.

Kurz vor Unterrichtsende stand mein Entschluß fest. Während alle die Hausaufgaben notierten, sprang ich auf und sprach das Glaubensbekenntnis. Kunszewa saß am Tisch und blinzelte mich an, als wolle er mir eine Note geben. Ich kam ungefähr bis „Empfangen von der Jungfrau Maria“, in solchem Maße hatte ich den Schrecklichen aus der Fassung gebracht. Dann wurde ich vor den Direktor gebracht, der mich rasch wieder ziehen ließ, ohne eine Strafe erteilt zu haben.

Wochen gingen ins Land, die Winterferien standen schon vor der Tür, als ich durch den Klassenlehrer erfuhr, man habe meiner Delegierung an die Erweiterte Oberschule zum nächsten Schuljahr nicht zugestimmt. Das  konnte nur mit meinem bekennerhaften Auftritt zu tun haben. Es folgten Briefe zwischen der Schule und den Eltern. Der Vater sprach beim Schulrat vor. Dann ließ man mich doch zu. So nahm ich bald Abschied von Iwan dem Schrecklichen und anderem.“

 

Das Bekenntnis zu Gott und der Gang in die Kirche waren also gefährlich, aber nicht unbedingt bedrohlich. Dazu gehörte harmloses protestantisches Heldentum. Das fand ich in Ordnung, ging weiter in die Kirche und liess mich konfirmieren. Ein Jahr vor der Weihe – wir beschäftigten uns im Konfirmandenunterricht wieder einmal mit der Bergpredigt – hörte ich schliesslich den entscheidenden Satz: „Widerstrebet nicht dem Übel“. Nicht der Pfarrer, sondern der Katechet hatte ihn mitten in eine dieser langweiligen Bibelstunden hineingesprochen, der Katechet trug meistens einen dunklen Rollkragenpullover, und über dem Kragen hüpfte ein spitzer Kehlkopf, so dass ich den Katecheten meistens am Kehlkopf anschaute. „Widerstrebet nicht dem Übel“ also. Ich stellte keine Frage, nahm aber den Satz mit nach Hause. Er war aus anderem Stoff als die Happy Ends in den Sonntagspredigten. Mich interessierte weniger, dass in Matthäus 5 der Mann auf dem Berg stand und dort seine Vorschriften verkündete. Auch die anderen Verkündigungen interessierten mich nicht. Aber dieses „Widerstrebet nicht dem Übel“ hatte es in sich. Denn es sagte mir, die Welt ist nicht überall gut, es gibt ungerechte Gebote und Verbote, übertrete die Verbote, missachte die Gebote, laufe nicht vor der Gefahr davon, dem Bösen entkommst du nicht, fasse es. Der Satz bestätigte nicht nur die Existenz, sondern sogar die Magie des Bösen. Er warnte nicht vor dem Teufel, er gebot, sich mit ihm einzulassen.

 

„Widerstrebet nicht dem Übel“, das war die kürzeste und ausgerechnet in der Kirche aufgeschnappte Formel für jene Paradoxie, in der ich zu Hause war. Bald schien mir nichts mehr geeignet, mein eigenes ambivalentes Verhalten in der grauen kleinen DDR-Heimat zu legitimieren. Der moralische Widerspruch, der sich aus der Sympathie für das Böse ergab, liess sich in unserer Lage leicht überbrücken. Zum einen hatte ich gelernt, dass nicht für jedermann das Gleiche von Übel war. Wer wie unsereiner zur sozialistischen Sache indifferenten Abstand hielt, dem waren die Einflüsse aus dem Westen willkommen, während die Reglemente des Systems das Übel verbreiteten. Zum anderen konnte niemand ungestraft diese Reglemente ausser acht lassen. Widersprachen sie auch den Maximen meines Elternhauses, der Schein der Anerkennung musste im grossen und ganzen gewahrt bleiben. „Widerstrebet nicht dem Übel“ offenbarte also eine raffinierte Paradoxie und leitete dazu an, wie man sich auf den Teufel einzustellen hatte, ohne ihm zu verfallen. Im Gegenteil: Wer dem Übel nicht widerstrebte, blieb im Kern vor ihm gefeit. Der unberechenbare Geist Luthers steckte in dieser Paradoxie und Anleitung, denn der Reformator hatte sich zeitlebens nicht nur für Gott, sondern auch für den Satan interessiert. Polterte der des nachts in seinem Kloster, trat Luther nicht gleich aus Angst den Rückzug an. Ging er schliesslich doch zu Bett, plagte ihn die Neugier: „Aber mich reuet es diese Stunde, dass ich ihn nicht aussass und hätte doch gesehen, was der Teufel noch wollte gemacht haben.“

 

„Widerstrebet nicht dem Übel“ war deshalb sehr willkommen. Die Sehnsucht, sagen, tun und lassen zu können was beliebt, brandete an den politischen Grenzen an, die die Regierung gesetzt hatte. Freisein hiess, gegen das Gesetz zu verstossen. Drüben, im Westen, hingegen schien sich die Freiheit auszutoben. So wurde sie zum begehrten Übel schlechthin. Die Entbehrung der Freiheit gehörte zu den familiären Lehrsätzen. Und daraus folgten Ableitungen: Mach keinen Unsinn in der Schule, streng dich an, sei ein guter Volleyball-Spieler und sei freundlich zu den Leuten in Trainingsanzügen und in weissen Kitteln auf der Strasse, fange keinen Streit unter den Schulkameraden an, und wenn dich jemand fragt, ob ihr Briefe aus dem Westen bekommt und wie die Uhr in den Fernsehnachrichten aussieht, dann sag, dass du das nicht weißt. Kleb ein paar Fotos von Lenin auf die Wandzeitung, lerne das Pionierhalstuch tragen, aber sonntags, da gehen wir in die Kirche, und an Samstagnachmittagen darfst du Fury und Flipper sehen und danach die Sportschau, denn wie es da drinnen im Brustkorb und hinter der Stirn aussieht, das ist deine Sache und geht niemanden etwas an.

 

Ich hörte sie im Geschichts,- im Heimatkunde- und Staatsbürgerkundeunterricht davon reden, welche Gefahr vom westdeutschen Aggressor ausgehe, dass dort immer noch Faschisten die Macht hätten und Kapitalisten den Rest der Bevölkerung bis aufs Blut ausbeuteten. Und weil die Kapitalisten nie genug kriegen konnten, mussten die sozialistischen Grenzen beschützt und der Frieden bewacht werden vor den kapitalistischen Begehrlichkeiten dieses Jenseits hinter dem Zaun, denn schliesslich sollte die Sonne scheinen, wenigstens über einem Teil Deutschlands. Ich wusste es anders und schwieg.

 

Gewöhnte mich an die Spielarten des Übels, sehnte mich nach Erscheinungsformen der Freiheit und akzeptierte ihre Absperrungen. Grenzen liefen durchs Land, durch die Schule, durch das Zuhause, durch mich selbst. Wir richteten uns ein in der Diktatur, zwischen den Mühlsteinen der Propaganda und dem Singsang aus den schwarzen Kanälen des Westens. Eingesperrt ins bessere Deutschland, beschützt vor den Aggressionen der Feinde, die, soweit wir erkennen konnten, da drüben viel Spass hatten beim Ausgebeutetwerden. Zur Einrichtung gehörte zu wissen, wann man den Kopf einzog und wann die Maske der Indifferenz abnahm. Inmitten dieses Opportunismus geschahen die Interventionen. Freunde des Vaters wurden festgenommen, meine Zulassung zum Gymnasium wurde in Frage gestellt. Doch es blieb bei Harmlosigkeiten. Es fiel nicht schwer, das Böse zu erkennen und es zugleich als höhere Macht anzuerkennen. Das Diktum vom Nicht-Widerstreben begleitete durch den Alltag: „So dir jemand einen Streich gibt auf deinen rechten Backen, dem biete den anderen auch dar...so dich jemand nötiget eine Meile, so gehe mit ihm zwo.“ Es schien die beste Maxime, um sich im Dickicht der Verbote und Verführungen zurecht zu finden. Die uns die Freiheit vorenthielten, waren unsere natürlichen Feinde, aber ein offener Kampf war nicht geboten. Nicht für mich, nicht für die Eltern. Also unterlaufe ihre Fallen, halte die Backe hin, werde hart.

 

Mit Zwölf hatte ich die Sache besonders ernst genommen. Ich war selten auf dem Schulhof in Händel verwickelt, weshalb ich das mit dem Streich auf die Backe zu Hause ausprobierte. Wenn ich allein war, setzte ich mich auf das Bett und begann mich, ins Gesicht zu schlagen. Dem Bett gegenüber stand der Wäscheschrank mit einem grossen Spiegel in der Tür. Da ich Rechtshänder war, schlug ich immer mit der rechten Hand auf die rechte Backe, bis sie sich kräftig rötete. Einmal hatte ich unglücklich den Backenzahn getroffen, und die Wange schwoll für ein paar Tage an. Was tut man nicht alles, um dem Übel nicht aus dem Weg zu gehen. Als ich eines Tages doch mit einem Mitschüler in Streit geriet, erwiderte ich einen Fusstritt von ihm mit einem Faustschlag in sein Gesicht. Der Kollege blutete an der Lippe, ein Brillenglas war beschädigt. Dass die Angelegenheit vor den Klassenlehrer kam, war nicht so wichtig. Aber ich hatte nicht das andere Knie hingehalten, damit der Kamerad dagegen treten konnte.

 

Das Übel lockte weiter von allen Seiten. In den Gruppenversammlungen der Freien Deutschen Jugend wurden die politischen Standpunkte der Mitglieder sondiert. Wie ergeben war man wohl der rechten Sache der Partei- und Staatsführung? Man hatte sich doch nicht etwa auf die ideologischen Finten des politischen Gegners und Klassenfeindes eingelassen? Ein Tor, wer in diesen Versammlungen die Wahrheit sagte. Nur die Eifrigsten hielten es immer noch für möglich, dass über unserem Teil Deutschlands die Sonne scheinen werde und der Sozialismus dem Kapitalismus überlegen sei. Die anderen schwiegen im Palaver, und so sie nicht schweigen durften, legten sie Bekenntnisse ab, die nur von den Lippen kamen, und das genügte. Wir liessen uns die Haare unsozialistisch in die Stirn wachsen und zeigten zu den Maidemonstrationen nicht Ergebenheit gegenüber dem Proletariat, sondern schlaksige Distanz. Zu diesen Veranstaltungen trugen wir grüne Parkas und knöpften sie bis zum Kinn zu, um nicht zu zeigen, dass wir darunter nicht das vorgeschriebene Blauhemd der FDJ trugen. So nötigten sie auch mich eine Meile, und ich ging eine zweite mit. Waren die Versammlungen und Demonstrationen vorüber, taten wir, was uns gefiel und ein bisschen verboten war. Hörten des Nachts das Verbotene. Eine Tonbandaufnahme des Kölner Konzerts von Biermann, das zu seiner Ausbürgerung geführt hatte: „Du lass dich nicht verschweigen in dieser Schweigezeit. Ich möchte am liebsten wegsein, und bleibe am liebsten hier.“ Im gleichen Jahr sah ich zum ersten Mal Johnny Rotton, wie er „I’m an antichrist“ ausspuckte und „I’m an anarchist“. Biermann und Rotton, das verbotene Böse, das nicht mehr losliess. Rio Reiser hatte schon ein paar Jahre zuvor die Parole ausgegeben, wenn auch in ganz anderem Zusammenhang: „Wir müssen hier raus! Das ist die Hölle. Wir leben im Zuchthaus. Wir sind geboren, um frei zu sein. Wir sind zwei von Millionen, wir sind nicht allein.“ Auf der schlechten Aufnahme klang das wie: „Wir sind sechzig Millionen...“ Dann stahlen wir uns von zu Hause fort, um uns mit den Mädchen aus dem Internat zu treffen. Dazu stimmten wir uns mit billigem Korn ein. Das Übel gab es nun in den widersprüchlichsten Definitionen.

 

Aus diesem Gestrüpp von Werturteilen befreite mich der Aufbruch in den Osten. Als ich mit Achtzehn für fünf Jahre in die Sowjetunion ging, um Chemie zu studieren, fielen die bisherigen Massstäbe von Gut und Böse endgültig durcheinander. Im Lande des Roten Oktober flogen die alten Vertrautheiten schnell davon. Die Invasion des Neuen, in die ich geriet, erfasste alle Lebensumstände. Inmitten einer weltvergessenen Welt, bei Frösten von vierzig Grad Minus, ausfallenden Fernheizungen, Brotrationierungen, Gerüchten über Afghanistan und die aktuellen sibirischen Lager, am Tisch mal jüdischer Dissidenten und mal von Helden des Grossen Vaterländischen Krieges, im Kreis arabischer, afrikanischer, asiatischer, westeuropäischer Kommilitonen waren die alten Definitionen des Bösen rasch überholt. Die Freiheit, sich auf diese Invasion einzulassen, holte mich aus meiner opportunistischen Reserve. Das Fremde, das mir hier unerbittlich begegnete, beseitigte alle Skrupel, sich in acht zu nehmen, es zog bedingungslos an.

 

Ich wusste, der Feind, das waren die Landsleute. Vor ihnen, die in Kaderschmieden auf diese Invasion des Neuen vorbereitet worden waren, die gelernt hatten, artig zu sein und sich ausschliesslich dem zu widmen, was den Ruhm der sozialistischen Sache mehrte, und wegzuschauen, sobald die Lage unübersichtlich wurde und die sozialistische Sache in Frage stand, vor diesen Landsleuten musste ich mich vor allem in acht nehmen. Uns begleitete ein Katalog mit Verhaltensregeln und Verboten auf die Reise in den Osten. Vor allem hatten wir alle brav beisammen zu bleiben und uns vor Kontakten mit Leuten aus dem nichtsozialistischen Ausland zu hüten. Nach dieser Doktrin war der Fremde von Übel. Wer sich mit ihm einliess, verstiess gegen das Gesetz.

 

Da ich mich in den fünf Jahren ausführlich und heftig auf die Fremden einliess, wurde für mich das Gesetz von Übel, und seine Vertreter waren meine Feinde. In meiner Stasi-Akte habe ich bestätigt gefunden, was ich in jenen Jahren stets vermutet hatte: Es waren DDR-Studenten, die in meiner unmittelbaren Umgebung lebten, meine Nachbarn im Wohnheim, meine Kommilitonen in der Universität, die einzigen Ostdeutschen also, denen ich in der Sowjetunion nicht aus dem Weg gehen konnte, unter denen der Staatssicherheitsdienst Spitzel warb, um meine Gesetzesübertretungen zu sammeln. Doch ich genoss diese Übertretungen. Nie war es so leicht, dem Übel nicht zu widerstreben. Auf den Korridoren des Wohnheims vermischten sich die Stimmen von Bob Marley, Wladimir Wyssotzky und Johnny Rotton. Hamid erklärte mir den Koran. Vanessa aus Madagaskar zeigte mir ein paar Griffe auf der Gitarre, die einen Klang erzeugten, als käme er aus dem Indischen Ozean. Binjam aus Äthiopien spielte am einzigen Klavier im Quartier. Meist spielte er Lionel Ricci oder Stevie Wonder, manchmal aber auch „Am Brunnen vor dem Tore“. Er wußte nicht, daß der „Lindenbaum“ viel älter war als die anderen Sachen, die er im Repertoire hatte. Er hielt das für deutsche Popmusik. Den Text hatte er sich von einer Freundin aus Cottbus aufschreiben lassen. Da er Deutsch weder lesen noch sprechen konnte, hatte sie ihm Wilhelm Müllers Verse, so gut es ging, in russischer Schrift notiert. Und Binjam sang mit leichtem, äthiopisch-russischem Akzent aus der „Winterreise“.

In diesem Quartier war ich der Junge aus der DDR, der offener als erlaubt und unter den kritischen Blicken meiner Landsleute die Nähe der anderen Ausländer suchte. Nicht viel mehr als das kleine Land zwischen Ostsee und Thüringer Wald hatte ich zuvor gesehen, ich war ein mitteleuropäischer Provinzler. Nun kamen die kulturellen Interventionen auf mich zu.

Auf dem Weg zur Universität durchquerte ich den Kolzow-Park. Dort rösteten sich Männer Kartoffeln an Lagerfeuern, die ältesten von ihnen trugen Orden aus dem Vaterländischen Krieg an ihrer Brust. Manchmal lagen sie schwer betrunken im Gras, bis sie von der Miliz geholt wurden. Auf diesem Weg zur Universität sagte ich oft Verse von Hölderlin und Benn vor mich hin. In meiner Tasche steckte der „Heinrich von Ofterdingen“. Ich war der kleine provinzielle Ostdeutsche, umgeben von einem Meer der Fremde. Während ich mich an Hölderlin und Benn erinnerte, wuchs mir die Schwimmhaut, mit der ich in diesem Meer der Fremde schwimmen lernte, vorbei an den Lagerfeuern, den Kriegsveteranen, durch die Stimmen von Bob Marley und Johnny Rotton, durch die Korridore des Quartiers. Vielleicht ist Deutschland da meine Schwimmhaut geworden.

 

Diese unumkehrbare Entfremdung von der sozialistischen Sache und den auferlegten Regeln und Gesetzen musste bezahlt werden. Drei Jahre hatte mich die Stasi mit Unterstützung ihrer Waffenbrüder beim KGB und dank der Gesprächsbereitschaft einiger Kommilitonen beobachtet, ehe sie kurz vor Ende meines Studiums die Falle zuschnappen liess. Ich war nicht besonders mutig, als zwei Offiziere der Hauptabteilung Aufklärung meine Vergehen vor mir Revue passieren liessen, meine unerlaubten Besuche westlicher Botschaften, meine Freundschaften zu Frauen und Männern aus Österreich, England und Italien, meine Kontakte zu russischen Oppositionellen. Diesmal interessierte mich nicht, ob diese Leute mit dem lieben Gott unterwegs waren oder wessen Segen sie genossen. Aber noch, bevor ich mir eine Erklärung diktieren liess, die mich von dem Verdacht der Spionage für einen westlichen Geheimdienst entlasten sollte, indem ich die Stasi über evt. Anwerbungsversuche aus dem Westen auf dem laufenden hielte, setzte der vertraute Mechanismus wieder ein: Was ging diese Leute an, was in meinem Brustkorb und hinter meiner Stirn vor sich ging? Die Herren Offiziere würden von mir nichts erfahren.

Widerstrebe nicht dem Übel, täusche es! Gehe zwei Meilen mit ihnen, halt den Kopf hin, aber lasse sie nicht hineinschauen. Trotzdem in den folgenden zwei Jahren die Stasi ihre Sensoren weit in meine Angelegenheiten hineinschob, der Plan ging auf. Nie ist den Leuten klar geworden, dass ich schon wenige Stunden nach dem ersten Verhör Freunde im Westen unterrichtet hatte. Ich hatte mich entschieden, frei entschieden, wo Verrat herrschte und wo Vertrauen.

 

Selbst, als der Fluchtweg in den Westen abgeschnitten war, blieb die alte Masche der Täuschung. Ich verliess meinen aussichtsreichen Job an der Akademie der Wissenschaften in Ostberlin, was nützten unter diesen Umständen schon Aussichten. In den letzten drei Jahren der DDR, im Schutz einer kleinen Stadt in der Provinz, zurückgezogen in die Mühen der Privatheit, zurückgelehnt in den Modus des Familienvaters, totale Selbstisolation zwischen Windeln, Milchflaschen und banalen Übersetzungsaufträgen, die perfekte Mimikry des Spiessers, in steter Erwartung neuer Heimsuchungen durch die Stasi, die überraschend ausblieben, in diesen letzten Jahren der DDR erfuhr ich, was es heisst, aus der Zeit zu fallen. Der alte Widerspruch zwischen Innen und Aussen, das Spiel zwischen offiziellem Verbot und konspirativer Freiheit war unwichtig geworden. Bestimmt war weiterhin nicht alles gut, aber im Haus wuchs ein gesundes Kind heran, und der Teufel blieb draussen. Selige Aussichtslosigkeit. Niemand, glaubte ich, würde mir diesen Zustand nehmen können, diese egozentrische Schwerelosigkeit.

 

Die Mauern fielen im Zeichen von Freiheit, von Hoffnung auf Glück und Sonnenschein, den die Regierung so lange versprochen und gleichwohl vorenthalten hatte. Keine Macht mehr der alten Macht, den Mühlsteinen der Propaganda, den Diktatoren des Proletariats. Die Schizophrenie, die wir so gründlich gelernt hatten, der Antagonismus der öffentlichen Lüge und der konspirativen Wahrheit, das sollte endlich vorbei sein. Ab jetzt: freie Strassen, freie Menschen, freie Geister im Land. – Doch machte der Freiheitsdrang vor den einladenden Warenregalen halt. Freiheit, zeigte sich, das ist hier die Freiheit, zwischen verschiedenen Krankenkassen und Käsesorten und Urlaubszielen zu wählen. Die Welt, in die wir hineinstiessen, schien auf dieses Hineinstossen schlecht vorbereitet zu sein. Man hatte sich so schön eingerichtet, und nun diese Störung aus dem Osten! Die letzten Unruhen lagen doch Jahrzehnte zurück, alle hatten jetzt genug zu essen, von Ausbeutung keine Spur, dafür ausreichend Fernsehprogramme und fette Arbeitslosenunterstützung. Jeder durfte alles sagen, alles war erlaubt, und so setzten sich die Leute aus dem Osten zu ihren Verwandten aus dem Westen, beobachteten aus den Augenwinkeln ihre Gesten, lernten die neuen Spielregeln, die auch für sie grosszügig und fakultativ schienen, und die Jahre schwammen bunt und friedlich fort. Anfangs. Denn alles war erlaubt, alles ging, auch ohne eigenes Zutun. Der Gedanke stellte sich ein, alles tun können bedeute, alles kaufen können. Wer viel Geld hatte, war besonders frei.

 

Der neue, unvertraute Individualismus repräsentierte diese Macht des Geldes. Je mehr du hast, umso grösser der Aktionsradius, umso unverbindlicher die Spielregeln. Die sozialen Differenzierungen finden auf dem Asphalt des Marktes statt. Ich verbrauche, also bin ich. Die Entkoppelung des Einzelnen von der Gesellschaft, dachte man, ist zwar nicht wohlstandsabhängig, nur: Die Reichen dürfen sich mehr und mehr emanzipieren, „verwirklichen“, die Armen müssen allein bleiben.

 

Also auch hier das Problem mit der Freiheit und die Relationen des Übels. Natürlich sind selbst wir Neuzugänge aus dem Osten nicht so naiv gewesen anzunehmen, der Westen habe alle Sorgen und Verbote abgeschafft, und Lebenslagen, in denen die Frage nach dem Widerstreben und vor allem dem Nicht-Widerstreben steht, sind nicht zu erwarten. Dennoch, die Mühlsteine der Propaganda wie die Konsumverführungen taten gerade unter uns ihr Werk. Besonders dort, wo sie auf Widerstand stiessen, bei denen, die dem Mahlstrom der Verwertung zu widerstreben gedachten. So hielt eine Freundin, die fünf Jahre vor dem Ende der DDR mit unerdenklichem Glück und auf triviale Weise im Kofferraum eines Opel Kapitän mit Kölner Kennzeichen in den Westen gelangt war, dem Werben der Warenhäuser stand und zahlte dafür einen hohen Preis. Sie ekelte sich vor allem Glanz, aller Buntheit, den Marken, Sonderangeboten, Preisknüllern und Verkaufsausstellungen, und begann sich bald ausschliesslich von Abfällen zu ernähren und in geschenkte Klamotten zu kleiden. Vom Kleidergeld des Sozialamtes kaufte sie sich Stoff und ging in eine Gruppe. Später ist sie als einzige dort wieder rausgekommen. Sie war mit der Freiheit, zwischen hundert Käsesorten und Urlaubszielen wählen zu können, nicht klargekommen und hatte sich für die Nadel entschieden, für den Dreck, das Elend. Das war ihre kurze Freiheit, aus der sie am Ende in eine bürgerliche Existenz zurückkrebste.

 

Welchen Zweck hat es heute, gegen die allgemein durchgesetzten Spielregeln zu verstossen, gegen die Konventionen, an die wir uns gewöhnt haben, gegen die Konventionen des beschleunigten Individualismus und der politischen Korrektheit, wozu Freiheit vom Imperialismus der Marken und Trends? Sieht es nicht so aus, als dürften wir uns – in leichtem Unbehagen und schwerer Zufriedenheit – mit den Verhältnissen abfinden? Die Propaganda verspricht nicht nur den Sonnenschein im eigenen Land, sondern zum Pauschalpreis auch auf der ganzen Welt.

 

Doch es bleibt bei der Propaganda. Man sieht die Einförmigkeiten hinter den Joghurtbechern, die Supermarktketten, die Konsumlaufbänder, die Pkw-Ströme über Betonbahnen, vernimmt das Stimmengewirr aus namenlosen Kanälen, wühlt sich durch die gleichgültige Bilderschwemme aus brennenden Tropen, flüchtenden Menschen, Parlamentstagungen und Game-Shows, und das Unbehagen wird durch keine Alternative entlastet. Der Druck wächst, der Mensch wird weiter auf seine Verbraucherfunktionen reduziert, und die Zufriedenheit darüber, dass der Kunde in diesem System König ist, bleibt trügerisch. Ein Blick auf den Balkan, auf die Brände überall auf der Welt, auf die Schamzonen unserer Städte, in die Krankenhäuser, auf die Schulhöfe, in die Bedürfnisanstalten unserer Gesellschaft beweist, dass die Lage unübersichtlich ist und gewiss von Übel befallen. In der Welt, an die wir uns gewöhnt haben, die Dritte zu nennen, obwohl auch ein Teil der Zweiten inzwischen dazugehört, zwischen Hunger, Gewalt und Sklaverei, flammen die repetitiven Bilder des homo homini lupus auf. Inmitten der Ruhigstellungsprogramme ungezählter TV-Stationen wächst die Einsamkeit. Im Angesicht strömender Massen, die über die Bildschirme ziehen, bleibt jeder in seinem kleinen Unglück allein.

 

Das allgemeine Vergnügen wächst trotzdem. Bei aller Unterhaltung durch die Popkultur bleibt die Frage, was einen selbst das alles angeht. Die Ahnung kommt auf, auch die persönlichste Werbung um meine Aufmerksamkeit meint jemand anderen. Die Massengesellschaft führt paradoxerweise dazu, dass der Individualismus ins Kraut schiesst, das Individuum aber verschwindet. Es mag diese Erfahrung sein, die inzwischen Millionen von Suchtgefährdeten den Boden unter den Füssen schwankend macht. Jeder stirbt für sich allein, nur die Party geht endlos weiter.

 

Wehe dem, der das System in Frage stellt. Selbst, wer vor dreissig Jahren protestiert hat, entgeht heute nicht den Richt-Obsessionen des neuen moralischen Rigorismus. Was gut ist und was böse, bestimmt der Trend, und der Trend dient der Zerstreuung. Ich habe in den letzten zehn Jahren immer wieder festgestellt, wie heftig man angegriffen wird, sobald man den Konsens bezweifelt. Es geht eben keineswegs alles, und die Freiheit ist auch im Westen nicht grenzenlos. Vielmehr geht die Sorge um, es könnte sich an dieser bequemen Einrichtung hier etwas ändern. Dabei wird mehr Bequemlichkeit vorgetäuscht, als vorhanden ist. Die Arbeitslosigkeit grassiert, das süsse Gift des Nationalismus breitet sich überall in Europa aus, und der Rinderholocaust lässt ahnen, dass die Welt in Bewegung ist, und man nicht weiss wohin. Gegen die Sorge gibt es viele Rezepte, aber die Heilung bleibt aus.

 

Trotzdem wird sich etwas ändern. Wir sehen, die Zeit, da sich die Schreckensbilder von draussen mit müdem Abwinken vertreiben liessen, ist vorbei: Die Welt ist kleiner geworden, die Online-Kommunikation hat das Elend präsent gemacht, der resignative Hinweis, man könne dagegen nichts tun, zieht nicht mehr, sobald es an die Tür heranbrandet. Bewegungen wie die der Antiglobalisierer lassen erkennen, dass es mit der Müdigkeit der Political correctness seine Grenzen hat. Es hat den Eindruck, bei der vehementen Popularisierung der New Economy hier und der penetranten Vorschau auf den gentechnisch perfektionierten Menschen dort handle es sich um konservative Täuschungsmanöver, die von der eigentlichen Modernisierungsaufgabe ablenken, der Flexibilisierung des sozialen Denkens. Die Reformierung der Gesellschaft, von der die Rede ist, dürfte weniger in einer weiteren Beschleunigung bestehen, sie müsste in einer neuen Freiheit begründet sein.

 

Diese neue Freiheit unterschiede sich von der kleinen Phantasie, die wir davon hinter den Stacheldrahtzäunen gehabt hatten. Denn so hatten wir uns das damals im Osten nicht vorgestellt: Wenn wir in den Westen kommen, dann hört der Westen auf, Westen zu sein. Langsam, aber irreversibel. Verliert seine Standards, seine Massstäbe und Urteile. Seine Einteilung in Gut und Böse. Überrascht stellen wir fest, Freiheit bezieht sich nicht auf das eigene Tun und Lassen, es geht vielleicht überhaupt nicht um den eigenen freien Willen, um den kleinen, aber durch die private Selbständigkeit wachsenden Egoismus, die Freiheit, die jetzt verlangt ist, ist vielleicht ein Monstrum, das sich den Teufel um den Willen und den Konsens und die Zufriedenheit unserer Zeit kümmert, sondern etwas anderes meint. Etwas, das grösser ist als der Einzelne und ihn mitreisst. Wer diese Freiheit nicht sucht, den wird sie vielleicht finden.

 

Sie wäre also ein Akt der Verwandlung und der Selbstverwandlung und erinnerte an eine Flucht nach vorn: Begib dich ins Offene, verlasse deine Bequemlichkeit, nimm das Risiko auf dich, lerne verzichten, ignoriere das Elend nicht länger, auch dein eigenes nicht, widerstrebe nicht dem Verzichten. Sozialprodukte wären neu zu verteilen, kulturelle Vermischung liesse sich akzeptieren. Diese Befreiung wird vielleicht von Angst begleitet, aber die Angst lähmt nicht, sie setzt frei. Die Stunde der Entscheidung wäre gekommen, bleibt man sitzen oder macht man sich auf den Weg.

 

Freiheit ist unbequem und tut weh, denn sie ist Skandalon, das Böse. Nach den Jahren erfolgreicher Konsumanästhesie wird eine gewisse Leidensfähigkeit notwendig sein. Verzichten tut weh, gerade wenn man auf bewährte Irrtümer verzichten muss. Wer sich aber ins Offene begibt, weiss, dass, wo Gefahr ist, auch das Rettende wächst. Die Welt ist in Bewegung, die Wonnen der Gewohnheit gehen zu Ende. Nicht gleich morgen, aber sie gehen zu Ende. Ob das sehr zu bedauern ist, wird man später sehen.

 

Der Schmerz, der in der Engführung dieser Freiheit eintritt, der Schmerz der Verluste und Trennungen, der Schmerz aus der Bequemlichkeit, ist von paradoxer Wirkung. Er erinnert zuerst an uns selbst: an unsere hinfällige Konstitution, an unsere Verletzlichkeit und Sterblichkeit. Zugleich werden wir im Sog der Bewegung wieder einander entgegengetrieben. Die Sorge um das Eigene ist der Schlüssel zur Sorge um das Andere. Das ist die nächste Wendung des vertrauten Gebots: Widerstrebet nicht dem Mitleiden. Der Mann auf dem Berg, von dem in Matthäus 5 berichtet wird, verkündet eine seltsame Freiheit. Ihn interessiert nicht die Liebe zu sich selbst, er verkündet auch nicht nur die Liebe zu den anderen, zu den Nächsten, er ruft seinen Anhängern vielmehr zu: „Liebet eure Feinde, segnet die euch fluchen; tut wohl denen, die euch hassen; bittet für die, so euch beleidigen und verfolgen“. Baudrillard nannte den Hass das letzte authentische Gefühl. Den Hass auf den Fremden, der in der Zivilgesellschaft des Westens der übrig gebliebene Feind ist. Die neue Freiheit wäre anstrengend. Sie müsste den Hass überwinden. Das Verzichten wird ernst, wenn die gewohnten Feindbilder verblassen.

 

Ausgerechnet in „Jenseits von Gut und Böse“, wo er die Projektion von der blonden Bestie vorbereitete, entdeckte Nietzsche: „Den Menschen zu lieben um Gottes Willen – das war bis jetzt das vornehmste und entlegenste Gefühl, das unter Menschen erreicht worden ist... Welcher Mensch es auch war, der dies zuerst empfunden und „erlebt“ hat, wie sehr auch seine Zunge gestolpert sein mag als sie versuchte, solch eine Zartheit auszudrücken, er bleibe uns in alle Zeiten heilig und verehrenswert, als der Mensch, der am höchsten bisher geflogen und am schönsten sich verirrt hat!“ Wir wissen nicht, ob dieser Mensch sich verirrt hat. Aber dass, wenn zwei Menschen sich treffen, ein Drittes dabei ist, nämlich die Freiheit, die in dieser Begegnung liegt, ist kein Irrtum.

 

Die gegenwärtige Hirnforschung behauptet sogar, dass nur im Zusammenleben der Mensch einen freien Willen praktiziert. Als die ersten Menschen sich sagten, dass sie keinen anderen Menschen töten werden, übten sie tatsächlich Freiheit. Man wird weiter zusammenrücken, freiwillig oder nicht. Friedlich oder nicht. Wahrscheinlich müsste es heissen: „Widerstrebet nicht dem Überleben“.

 

 

 

Michael Schindhelm

 

Basel, 24. Juni 2001