«Die Kirche hat schon immer von Krisenzeiten profitiert»

 

 


Der Basler Pfarrer Felix Felix über die Kirche als Trostspenderin, die Schutzlosigkeit der Menschen und seine Zeit als Punk

 

 

 



 

 

Die Offene Kirche



 

 

VON CLAUDIA BANZ, REMO LEUPIN

SonntagsZeitung: Attentate auf die USA, Krieg in Afghanistan, Amoklauf in Zug, Eklat der Swissair. Wo blieb da Gott?

Felix Felix: (schweigt) Die Frage, wie Gott eine Wirklichkeit schaffen kann, in der solche schrecklichen Ereignisse Platz haben, ist eine uralte, die bis heute weder von Theologen noch von Philosophen geklärt werden konnte. Wir müssen hinnehmen, dass es diese Katastrophen gibt und Menschen in christlichen, jüdischen, muslimischen und anderen Traditionen trotzdem an eine gute Gottheit glauben.

Was aber antworten Sie Ihrer Tochter, wenn sie fragt, wie der liebe Gott so etwas zulassen kann?

Felix: Ich versuche, ihr zu erklären, dass Gott der Ursprung einer Wirklichkeit ist, die aus Lachen und Tränen besteht.

Ihre Tochter wird sich vielleicht mit dieser Antwort zufrieden geben, was aber sagt Ihre Gemeinde dazu?

Felix: In schwierigen Zeiten ist es für viele Menschen einfacher, an einen Gott zu glauben, weil sie daran erinnert werden, dass sie nicht ewig leben. «Die Not lehrt beten», heisst es. Ich stelle fest, dass die Leute wieder mehr in die Kirche kommen. Sie werden nicht frommer, aber offener gegenüber dieser unsichtbaren Dimension, die man als Gott bezeichnen kann.

Die Kirche profitiert von Katastrophen.

Felix: Wenn man so will, hat die Kirche schon immer von Krisenzeiten profitiert. Die offizielle Religion wird angefragt, wenn es um Fragen der Vergänglichkeit geht. In diesem Bereich hat die Kirche eine gewisse Kompetenz, und die stellt sie zur Verfügung, wie der Zahnarzt sein Wissen anbietet, wenn jemand ein Loch hat im Zahn.

Ihre Kirche ist auch eine Disco, ein Café, eine Stillecke, und Sie veranstalten Tiergottesdienste. Was hat das mit Religion zu tun?

Felix: Meine katholische Kollegin und ich versuchen, in der Offenen Kirche Elisabethen eine etwas andere Form von kirchlichem Leben zu leben - auch in Kontakt mit andern Religionen. Wir öffnen unsere Kirche für verschiedene kulturelle Ausdrucksformen in den Bereichen Spiritualität, Kultur und Soziales. So kann es passieren, dass bei uns mal ein buddhistischer Mönch redet, ein Zirkus gastiert, eine Modeschau über die Bühne geht oder eine Ausstellung gezeigt wird.

Mit dieser Art von kirchlichem Eventmarketing biedern Sie sich dem Zeitgeist an.

Felix: Ich fühle mich verstanden, wenn man das so formuliert. Mir geht es darum, ausgehend von diesem Zeitgeist, der ja auch mich durchdringt, die christliche Tradition zu befragen. Die Events sind auch dazu da, um mit den Leuten Kontakt aufzunehmen. Eine junge Frau war einmal bei uns in der Disco, und sie kam wieder hierher, um eine Kerze anzuzünden, als ihre Grossmutter im Spital lag.

Gerade nach den Anschlägen in den USA und nach dem Amoklauf in Zug war die Kirche als Trostspenderin gefragt. Kann eine Eventkirche diese Hilfe leisten?

Felix: Die Events sind nur ein Teil eines breiten Angebotes. Seelsorge gibt es auch bei uns. Wir haben viele traditionelle Angebote, manchmal in einem etwas moderneren Kleid. Einmal pro Woche kommen Heilerinnen, die Hand auflegen, oder wir bieten Gespräche an.

Seit dem Tod von Lady Di, dem Attentat in Luxor und dem Flugzeugabsturz von Halifax wird kollektiv vor dem Fernseher getrauert. Die Trauer wird medial inszeniert, für was braucht es da die Kirche noch?

Felix: Diese Entwicklung ist für mich nichts Negatives. Im Gegenteil: Via Fernsehen oder Internet bekomme ich ein Stück Trauer eines Unglücks mit, das auf einem andern Kontinent passiert ist. Hätte mir früher einer aus dem Dorf davon erzählt, hätte mich das viel weniger berührt, ich hätte gesagt, das ist weit weg. Dieses Näherkommen muss nicht unbedingt abbrühen, sondern es gibt uns auch die Chance, an der Trauer Anteil zu nehmen.

Was machen Sie mit den Leuten, die zu Ihnen kommen, um getröstet zu werden?

Felix: Ich glaube nicht, dass das, was die Leute jetzt am meisten beschäftigt, Trauer ist. Sie sind verunsichert und haben Angst. Die Milzbrandanschläge haben ihnen die Schutzlosigkeit ihres Daseins vor Augen geführt. Sie fühlen sich bedroht, haben existenzielle Angst, einen Brief zu bekommen und an Milzbrand zu erkranken, obwohl es theoretisch viel gefährlicher ist, die Strasse zu überqueren oder sich ins Auto zu setzen. Meiner Meinung nach ist es aber heilsam für jede Biografie, sich der Schutzlosigkeit seines Lebens oder das seiner Angehörigen bewusst zu werden.

Das tönt ziemlich zynisch.

Felix: Die Lebensqualität ist grösser, wenn sich jemand seiner Vergänglichkeit bewusst ist und weiss, dass er sich vor dem Leben nicht schützen kann. Dieses Bewusstsein führt ihm vor Augen, wie wertvoll sein eigenes Dasein ist, und lässt ihn auch Neues erleben.

Das würde heissen, dass Sie glauben, dass die Welt nach diesen Schlägen besser wird.

Felix: Nicht besser, aber vielleicht entwickelter. Ich hoffe, dass wir lernen, in Zukunft mehr Gerechtigkeit zu leben, sei es im Umweltbereich oder in der Entwicklungshilfe. Ich hoffe, dass die Menschheit durch solche und andere Ereignisse lernt, dass wir nicht so weiterleben können, dass Schritte notwendig sind, dass auch solche, die weder Macht noch Medien haben, ihre Lebensphilosophie kommunizieren können, und dass Terrorismus weniger notwendig ist.

Und was wird sich in Ihrer Kirche verändern?

Felix: Ich erwarte keine grossen Veränderungen. Eigentlich bin ich auch etwas erschüttert darüber, dass so schnell wieder Normalität einkehrt. Bei einem Todesfall ist das auch so, eine Zeit lang ist man völlig aufgebracht, nichts ist, wie es vorher war, aber Gott sei Dank kehrt irgendwann wieder die Normalität ein. Die braucht es auch.

Wie verstehen Sie Ihre Rolle als Pfarrer?

Felix: Ein Pfarrer ist ein Mensch, der unterwegs ist mit andern, der Rituale anbietet, ihnen Mut macht und sie ermuntert, ihre Ängste und Unsicherheiten zu akzeptieren.

Da machen Sie es sich aber ein bisschen einfach. Gerade in so schwierigen Zeiten sind Erklärungen gefragt.

Felix: Ich kann den Leuten nicht erklären, warum Osama Bin Laden ein Terrorist ist oder warum Bush Afghanistan bombardieren lässt.

Dann sind Sie ein Trauerprofi, der keine Worte mehr findet?

Felix: Ich bin oft sprachlos. Wenn ich am Grab eines Kindes stehe, zum Beispiel. Dann bleibt mir nichts anderes übrig, als meine Sprachlosigkeit auszuhalten und sie zu benennen. Grundsätzlich leben wir ja in einer sehr geschützten Welt.

Geschützt ist die Situation vielleicht für Sie als Pfarrer mit einem krisensicheren Job, für einen Swissair-Angestellten sieht die Situation allerdings etwas anders aus. Was raten Sie ihm?

Felix: In einer solchen Situation würde ich zuerst einmal zuhören, dann versuchen, die richtigen Worte zu finden, sein Vertrauen zu stärken und ihn zu ermutigen, die Herausforderung der Veränderung anzunehmen.

Das würde ihm auch ein Psychologe raten. Was unterscheidet eigentlich einen Pfarrer von einem Psychologen?

Felix: Einen Pfarrer ruft man schneller an, wenn man in einem Dilemma ist. Es braucht mehr Überwindung, bis man sich an einen Psychologen oder Psychiater wendet. Oft ist es wichtig, dass die Leute bei uns eine erste Not deponieren können.

Was würden Sie machen, wenn Sie Ihre Arbeit verlieren würden?

Felix: Ich hätte eine Krise wie der Swissairpilot. Auch als religiöser Mensch hat man keine Sonderversicherung.

In Ihrer Kirche treffen sich auch Muslime. Wie haben sie auf die Attentate und den Krieg reagiert?

Felix: Von den Attentaten haben sie sich klar distanziert. Was das amerikanische Vorgehen in Afghanistan anbelangt, haben sie ihre Bedenken, wie ich übrigens auch. Sie reagieren aber weder mit Hass noch mit Fanatismus. Das Gespräch ist weiterhin möglich.

Sie sind ein unkoventioneller Pfarrer, der einen Künstlernamen trägt. Wie kamen Sie auf Felix Felix?

Felix: Mein eigentlicher Vorname ist Hansruedi. Schon in der Schule, ich war in einer Bubenklasse, nannte man mich Felix. Und weil noch ein anderer den Namen Felix trug, war ich halt der Felix Felix. Der Name ist geblieben. Für die Leute, mit denen ich ein distanzierteres Verhältnis habe, bin ich Felix. Meine Frau und meine Freunde nennen mich aber Hansruedi.

In Basel gelten Sie als der «In-Pfarrer». Was soll diese Selbstinszenierung?

Felix: (lacht) Eine Zeit lang war ich oft auf der Gasse. Ich hatte viel Zeit, ging gerne aus und verkehrte in verschiedenen Szenen. Seit ich aber in einer Beziehung lebe und ein Kind habe, ist das nicht mehr in dieser exzessiven Form möglich. Und auch nicht mehr nötig. Ich bin froh, wenn ich mal ins Theater komme. Es war eine wertvolle Zeit, als ich Punk war und nächtelang Pogo tanzte. Ohne diesen Teil von mir gäbe es wohl auch die Offene Kirche, wie sie hier vor sieben Jahren entstanden ist, nicht.

Und wie kam der Punk auf die Idee, Pfarrer zu werden?

Felix: Das lief schleichend. Für die 68er- Bewegung war ich zu jung, für die Punks fast schon zu alt. Trotzdem fand ich es toll, mal so eine Bewegung mitzuerleben. Wenn ich jünger wäre, wäre ich vielleicht Technofreak oder Globalisierungsgegner. Während meiner Zeit als Punk habe ich Theologie studiert. Für mich war es kein Problem, am Samstagabend Pogo zu tanzen und am Sonntagmorgen ins Kloster Mariastein zu fahren und drei Tage gregorianische Gesänge zu singen.

Aber wie kamen Sie auf die Theologie?

Felix: Ich bin in einem freikirchlichen Elternhaus aufgewachsen. Als ich in die Sonntagsschule kam, hat mich die Figur Jesus sehr angesprochen. Das war ein Mann, der sich für das Leben einsetzte, einer der gerne mit Leuten zusammensass, gerne ass und trank. Ich komme aus einem sehr puritanischen Umfeld und fand den Jesus einfach toll, der war so anders, gar nicht so ein Fischli-Christ.

Wie war es denn, Sohn von Fischli-Christen zu sein?

Felix: Ich habe viel Wertvolles mitbekommen, aber zugleich war es auch eine sehr enge Welt. Die Evangelikalen haben die Tendenz, ihre Kinder in einer heilen Welt zu verschanzen und mit Feindbildern zu operieren. Vielleicht war das ein Grund dafür, warum ich später so grosse Sehnsucht verspürte, das Fremde kennen zu lernen und das zu erkunden, was mir als Kind verboten worden war.

Was hat man Ihnen denn verboten?

Felix: Man akzeptierte zwar die Leute, die anders lebten, schärfte mir aber ein, diese kämen nicht in den Himmel, im Gegensatz zu uns. Ich hatte zum Beispiel eine Kindergärtnerin, die ich sehr gerne gehabt habe. Eines Tages entdeckte ich, dass sie lackierte Zehennägel hatte. Die ist geschminkt, hiess es dann, die kommt nicht in den Himmel. Diese Vorstellung ist etwas Furchtbares für ein Kind.

Wie sehen Sie das heute, wer kommt in den Himmel und wer nicht?

Felix: Es gibt für mich keine Ausgewählten mehr, die besondere Plätze bekommen. Ich halte es mit Wolf Biermann: Meine Frage ist, gibt es ein Leben vor dem Tod und nicht nachher.

Verspürten Sie nie das Bedürfnis mit Ihrer Religiosität zu brechen?

Felix: Wenn ich nicht den Bezug zu Jesus von Nazareth gefunden hätte, hätte ich wahrscheinlich gebrochen. Mit sechzehn stand ich vor der Frage, was ich anfange mit meiner Religiosität. Ich wusste, dass ich nicht so werden wollte wie meine Eltern, und entschied, den Jesus-Weg zu gehen. Die Spiritualität ist eine tiefe Identität von mir und ein klarer roter Faden in meiner Biografie.

Deshalb haben Sie sich für ein Theologiestudium entschieden?

Felix: Ich war zwar immer ein sehr religiöser Mensch, wusste aber trotzdem lange nicht, was ich studieren sollte. Zuerst dachte ich an Philosophie, weil ich die Fragen des Glaubens durchdenken wollte und das Bedürfnis hatte, etwas zu verstehen von der Schöpfung und von dem, was die Menschen bewegt. Ich entschied mich schliesslich für Theologie, weil ich meinen eigenen Glauben mal so richtig anzweifeln wollte. Damals sagte ich noch, Pfarrer werde ich nie.

Und jetzt sind Sie da gelandet, wo Sie nicht hin wollten.

Felix: Ich schrieb meine Schlussarbeit zum Thema «Punk, Ekstasen, heiliger Geist». Ich versuchte meine Doppelidentität, das Christliche und den Rock 'n' Roll zusammenzuführen. So ist die Vision einer offenen Kirche entstanden.

Warum haben Sie die christliche Kirche gewählt, hätten Sie sich nicht in der Esoterik freier entfalten können?

Felix: Ich fühle mich nicht eingeschränkt in der christlichen Kirche. Ausserdem ist unsere Offene Kirche kein Esoterikverein, sie ist klar christlich begründet. Handauflegen ist für mich ein christliches Angebot, das viel mit Jesus zu tun hat. Ich habe allerdings keine Angst vor der Esoterik und arbeite gerne mit Esoterikern zusammen.

Könnten Sie sich auch vorstellen, Pfarrer einer ganz normalen Dorfpfarrei zu sein?

Felix: Ja, das könnte ich mir sehr gut vorstellen. Ich möchte nicht mein Leben lang City-Pfarrer bleiben.

Gäbe es auch in der Kirche auf dem Land eine Disco?

Felix: Das kann ich noch nicht sagen. Aber ich würde mir auch in einer Gemeinde etwas Besonderes einfallen lassen, je nach Bedürfnis der Leute. Ich bin überzeugt davon, dass das auch geschätzt würde.

An was glauben Sie?

Felix: Ich glaube, dass hinter meinen Leben nicht der Zufall steht, sondern dass ich einer unsichtbaren Dimension entspringe, man kann sie als Gott oder Christus bezeichnen. Aus dieser Dimension bin ich auf die Erde gekommen, hier habe ich eine Aufgabe zu erfüllen, bevor ich eines Tages wieder zu dieser Dimension zurückfinden werde.

Sie haben gesagt, Sie seien ein religiöser Mensch, was müssen wir uns darunter vorstellen?

Felix: Meine Religiosität beruht darin, dass ich immer wieder meine spirituellen Übungen mache, dass ich meditiere und dass ich Wege gehe, um mich Gott zu öffnen. Grundsätzlich hat die Religiosität eines Menschen nichts mit einer Kirchenmitgliedschaft zu tun. Auch ein Atheist kann ein religiöser Mensch sein, wenn er versucht, sich als Teil eines grösseren Systems zu verstehen und etwas einbezieht, das unsichtbar ist und zu einer andern Dimension gehört.

Sie machen es sich einfach, Sie beten, versuchen Jesus Christus nachzuleben und verschliessen sich somit dem Rest der Welt.

Felix: Ich gebe Ihnen Recht, unsere Religion wird manchmal benutzt für Weltflucht, bei mir bewirkt sie jedoch das Gegenteil: Dank diesen Auszeiten lebe ich wacher in der Realität. Die Religion ermöglicht mir, mit offenen Augen und Ohren durch die Welt zu gehen und zu verstehen, was passiert. Für mich ist das kein Widerspruch, sondern eine Form, die mich der Welt näher bringt.

Was machen Sie eigentlich, wenn Sie nicht Pfarrer sind?

Felix: Ich schliesse meine Tochter in die Arme und verbringe viel Zeit mit meiner Frau. Ich koche und esse sehr gerne. Manchmal muss ich auch schwitzen, deshalb gehe ich zweimal in der Woche ins Aerobic. Im Sommer bin ich gerne draussen, schwimme im Rhein oder sitze im Garten. Ab und zu gehe ich noch immer gerne aus, treffe Freunde oder mache einen Theaterbesuch.

Und was ist aus dem Rock 'n' Roll geworden?

Felix: In den letzten Jahren war ich zwar oft wach in der Nacht, das aber weil meine Tochter nicht geschlafen hat. Ich bin bünzlig und bürgerlich geworden seit ich eine Familie habe und geniesse die Zurückgezogenheit. Der Rock 'n' Roll ist ein Stück von meiner Geschichte, das nicht mehr identitätsstiftend ist. Ich höre auch nur noch wenig Musik. Manchmal frage ich mich, ob ich noch die Energie hätte, eine Nacht durchzutanzen.